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Der ganz große Coup

Der Mainzer Lehramtsstudent Peter Hammerschmidt recherchierte als Erster im Wege seiner Examensarbeit im Archiv des BND und fand Beweise für NS-Verbrecher im Staatsdienst.

 

Langer grauer Bart, verschanzt hinter einem Schreibtisch, einen Haufen dicker Schinken vor sich. So in etwa stellt man sich einen Historiker vor. Peter Hammerschmidt aber ist smart und aufgeschlossen. Der junge Geschichtsstudent im zehnten Semester aus der pfälzischen Provinz schaffte, was noch keinem anderen vor ihm gelang. Im Zuge seiner Abschlussarbeit wies er hieb- und stichfest nach, dass Klaus Barbie, ein NS-Verbrecher, der in Frankreich Ende der achtziger Jahre wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, 1966 für den BND als Agent tätig war. Dabei wusste der deutsche Geheimdienst genau, wen er da vor sich hatte. Damit ist er die erste Person überhaupt, der der Einblick in die geheimen Kammern des BND-Archivs nicht verwehrt blieb.

 

Nach Bekanntwerden seiner Erkenntnisse im November 2010 stürzte sich die Öffentlichkeit auf ihn.  Nun hat der 24-Jährige bereits mehrere Fernseh- und Radiointerviews hinter sich (unter anderem France 2, BBC, ARD). TAZ und BZ berichteten über ihn. Der Spiegel veröffentlichte, gestützt auf Hammerschmidts Recherchen, im Januar eine umfassende Reportage. Und Gregor Gysi, Vorsitzender der linken Bundestagsfraktion, macht sich für die Aufklärung der Affäre im deutschen Bundestag stark. „Da kommt ein gewisser Stolz auf, eine geschichtspolitische Debatte in Gang gebracht zu haben“, freut er sich. Hammerschmidt ist Historiker durch und durch.

Angefangen hat alles mit einem Hauptseminar. Dort wurden die „Rattenlinien“ behandelt – Fluchtrouten führender Vertreter des NS-Regimes nach Südamerika. Hammerschmidt war bereits auf der Suche nach einem Thema für seine Abschlussarbeit. Durch Zufall blieb er an Barbie hängen. „Er kam aus Trier, also praktisch um die Ecke.“ Sein erster Weg führte Hammerschmidt in das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Trier, wo er den Abituraufsatz Barbies unter die Lupe nahm. Dann ging es nach Ludwigsburg und Koblenz zu den dortigen Bundesarchiven. Dank eines Forschungsstipendiums der Universität Mainz konnte er es sich leisten, Rechercheunternehmen aus den USA um Hilfe zu bitten. Doch nicht immer lief alles glatt: Als er einen Antrag auf Förderung seiner Examensarbeit stellte, wurde das Vorhaben zunächst als zu umfangreich gewertet. Doch Aufgeben kam nicht in Frage. „Irgendwann hat man Blut geleckt.“  Eine regelrechte „Puzzle- und Detektivarbeit“ hielt den jungen Historiker von April bis November 2010 bei seiner Examensarbeit auf Trab. Insgesamt fast 9.000 Aktenseiten wälzte er währenddessen – Sekundärliteratur nicht eingerechnet. „Dabei war ich eigentlich eher ein fauler Student“, erzählt Hammerschmidt lachend und korrigiert schnell: „ein ganz normaler Student“. Der Einblick in das Archiv des BND war für ihn das „Sahnehäubchen“ seiner Recherchen. Genug Informationen und Quellen für seine 160-seitige Abschlussarbeit hatte er vorher schon gehabt. Am Ende stand er mit über 250 Personen in Kontakt: Zeitzeugen, Wissenschaftlern, Journalisten, so zum Beispiel mit dem renommierten Historiker Moshe Zimmermann aus Israel und der Publizistin Beate Klarsfeld.

 

Aufregung und Gänsehaut
An den BND hatte er mit Ermutigung seines Betreuers „einfach mal einen Antrag gestellt.“ Und zwar mit den einfachen und entwaffnenden Worten: Es wäre „nett, wenn Sie meine Forschungen unterstützen würden.“ Nach einer Absage wandte sich Hammerschmidt, nun schon forscher, an das Kanzleramt. Entschieden forderte er Akteneinsicht: Als „engagierter Zeithistoriker sehe ich es als meine Pflicht, der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit bundesdeutscher Behörden näherzukommen.“  Und bitte – mit Verweis auf die Eichmann-Affäre, bei der die Journalistin Gabriele Weber bis hin zum Bundesverwaltungsgericht ihr Recht auf Information einforderte, durfte Hammerschmidt Ende September nach Pullach reisen. Dort angekommen, machte sich Aufregung und Gänsehaut breit.

 

Man merkt Hammerschmidt seine Medien-erfahrung an, er wirkt routiniert. Ob ihm der ganze Rummel nicht auch langsam zu viel wird? Zugegeben, auf die Dauer sei es anstrengend. Doch „ich freue mich über jedes Kompliment, egal ob der Moshe Zimmermann anruft oder die Friseurin aus dem Nachbardorf.“  Es ist viel passiert in den letzten Monaten. Rückblickend fasst er zusammen, dass es „viele Faktoren sind, die zusammengewirkt haben – und ein wenig Biss“, und grinst. Im Mai und Juni wird er sein Examen ablegen. Darauf soll eine Promotion folgen. Bei der Frage, was er seinen zukünftigen Schülern mit auf dem Weg geben möchte, kommt wie aus der Pistole geschossen: „Demokratiebewusstsein!“ Aus vielen anderen Mündern würde das aufgesetzt oder unglaubwürdig wirken. Nicht bei ihm. „Eine Demokratie bietet uns viele Freiheiten. Aber wir haben auch die Pflicht, davon Gebrauch zu machen. Nicht nur faul auf der Couch herumzuliegen und Playstation zu spielen.“

Autor: 
Anne Bochow
Ressort:
Report
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