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Die verschwundene Heiligkeit

Mainzer Geschichtsstudenten sammelten praktische Erfahrungen und laden nun zu einer Tour durch die Geschichte.

Bruder Josephus hetzt keuchend die Steintreppe aus der Küche hinauf, die Arme voll mit einigen Laib Brot. Es ist Montag, Ostermontag, und die Wallfahrer sind nach Mainz gekommen, um das Schweißtuch Christi zu verehren. Tausende Menschen, die die engen Gassen der Stadt zu einem wogenden Meer von Körpern, Gerüchen und Geräuschen machen. Josephus ist eigentlich kein Mönch, aber er und seine „Brüder“ sind für die Armen und Kranken, für die Reisenden und andere Bittsteller da, die vor dem Heilig-Geist-Spital nun auf das bisschen Kost warten, das zur Verfügung steht.

So könnte es sich im Hohen Mittelalter in Mainz zugetragen haben, als die Stadt noch Zentrum eines Erzbistums und der Erzbischof auch Kurfürst war, als sich Dutzende Klöster, Konvente und Kirchen über den kleinen Ort verteilten. Moguntia Aurea, das Goldene Mainz, trägt noch heute – als einziger Bischofsitz außer Rom – den Titel „Heiliger Stuhl“: eine Auszeichnung für die größtenteils verschwundene religiöse Bedeutung der Stadt.

 

Nicht für den Mülleimer arbeiten

Es begann damit, dass Frau Dr. Christine Kleinjung, Historikerin für das Mittelalter an der Gutenberg-Universität, von den Organisatoren der Stadt der Wissenschaft angesprochen wurde. Da die geistliche Geschichte einen Schwerpunkt ihrer Forschung darstellt, lag es für sie nah, einige sakrale Orte wieder auferstehen zu lassen. Sie entschloss sich, eine besondere Lehrveranstaltung aus diesem Thema zu kreieren, die Studenten die Möglichkeit geben würde, konkretere Arbeit als im ewig gleichen Gang der theoretischen Seminare und Vorlesungen zu leisten. Einmal tief in die Archive steigen und im Staub wühlen – und dann etwas zu Tage fördern, dass nicht „für den Dozenten oder den Mülleimer geschrieben ist“, wie es Teilnehmer Florian formuliert.

So trafen sich im Oktober 2010 erstmals zehn Geschichtsstudenten, unterstützt von zwei Fachmännern für die redaktionelle und grafische Umsetzung (zweizehn.com). Es folgten sechs Monate Arbeit, die bisweilen „großer Stress waren“, wie Kleinjung – erleichtert, dass es nun etwas ruhiger wird – sagt. Die Gruppe musste aus vielen Möglichkeiten geeignete Themen wählen, die Quellen sichten, manches lange suchen und sich eingestehen, dass nicht alles geht. So entfielen Orte, weil nicht genug schlüssiges Material vorlag, oder sie musste Interessantes und Wichtiges zugunsten der Darstellung weglassen: ein besonderer Schmerz für den ambitionierten Historiker. Aber nötig, wenn man aus dem „Elfenbeinturm“ herausmöchte. „Unser Ziel war, Laien anzusprechen und Geschichte zum Anfassen zu machen“, sagen die angehenden Historikerinnen Angelika und Lydia.

 

Autor: 
Marius Meiß
Ressort:
Wissenschaft
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