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Einlochluke: Auf der Spur des Glory Holes

Männer nutzen ein Glory Hole in der Zentralbibliothek, um anonym homosexuelle Kontakte zu pflegen. Eine Reportage über ein Loch, das sexuelle Selbstverwirklichung ermöglicht und daher eisern verteidigt wird.

 

Für die Wahrheit gehe ich gerne an den Abgrund – also auch in die Toilette der Mainzer Zentralbibliothek. Die erste Kabine ist belegt, die zweite frei. Beim Betreten des freien Klos sehe ich durch das Loch in der gemeinsamen Kabinenwand, dass er mit hochgezogener Hose auf der Toilette sitzt und nur wartet. Ich weiß es, er will es.
Dieses „Loch“ ist ein „Glory Hole“, zu Deutsch „Ruhmesloch“. Bastian, der eigentlich anders heißt, weiß mehr darüber zu erzählen. Er ist Anfang 30, bisexuell und Lehramtsstudent. Am Glory Hole war er schon öfter, zum sexuellen Kontakt

 

kam es aber nur „eine Handvoll Mal“. Er hat sich dafür nicht verabredet. „Du gehst einfach hin, guckst, ob jemand da ist.“ Dann ist Warten angesagt. Wenn deutlich ist, dass die Person in der anderen Kabine nicht für ihr Geschäft auf dem Klo ist, wird die Aufmerksamkeit auf das Loch gerichtet. Es ist zu diesem Zeitpunkt noch verdeckt, in der Zentralbibliothek mit Klopapier. Derjenige, der das Loch freilegt, signalisiert, dass er der Aktive sein möchte. Dann schaut man sich sein Gegenüber durch das Glory Hole an. „Alter und Aussehen sind oft die Entscheidungsgrundlage. Wenn man da drin ist, heißt es noch lange nicht, dass es zum Kontakt kommt.“

 

Anonymität als einzige Option und heimliche Begierde
Verlässt keine der beiden Personen nach dieser Kontrolle seine Kabine, kommt es zum Akt. „Es ist meistens ein Handjob, manchmal auch oral. Mehr aber auch nicht. Anal wäre zu unpraktisch.“ Laut Bastians Erfahrung wird dabei die Verhütung vernachlässigt. Auch Toilettenbesucher haben keinen Einfluss auf den Akt: „Das Ganze geht sehr geräuschlos vor sich. Da von außen nichts zu sehen ist, gibt es auch nichts zu unterbrechen.“ Ist der Sexualkontakt beendet, verlassen die Partner mit zeitlichem Abstand die Kabinen. „Man geht nie gleichzeitig raus. Das ist nicht erwünscht. Ich glaube, man will gar nicht wissen, wer das ist.“ Man könne es wie die Reue nach dem One-Night-Stand betrachten. Bastian gesteht: „Es ist ja auch keine schöne Sache, wenn man ehrlich ist.“

Aber warum trifft man sich dann überhaupt auf der Toilette, um Sex zu haben? Über das Web scheint es für Homosexuelle viel einfacher geworden zu sein, spontan Sexualpartner zu finden. Außerdem sind Hygiene, Anblick und Geruch einer öffentlichen Toilette der sexuellen Erregung in keinerlei Weise förderlich. Hier korrigiert mich Bastian: „Die Leute, die da hingehen, haben oft auf dem normalen Markt keine Chance.“ Er beschreibt, dass dort viele alte Leute seien, teilweise „fettig“ aussehend oder „Alkoholikertypen“. „Viele Jüngere gehen dorthin, weil sie mit ihrer Sexualität nicht so klarkommen. Die stehen offiziell auf Frauen, aber haben dort die Chance, sich auszutesten.“ Der Großteil der Nutzer sei eher nicht immatrikuliert. Für die einen ist das Glory Hole die Absackerkneipe unter den Sexgelegenheiten, für andere die Möglichkeit zur sexuellen Selbstverwirklichung.

 

Erfahrungsbericht vom Glory Hole
Bastian sagt, ich solle mir einen eigenen Eindruck vom Glory Hole verschaffen. Ich könne ja nach dem Blick durch das Loch auf den Anderen die Kabine wieder verlassen. Und nun sitze ich hier und warte, das Glory Hole ständig im Blick. Zu meinem Glück ist es nicht bedeckt, eine plötzliche Bewegung würde mir wohl einen Todesschrecken einjagen. Die Situation in der Toilette macht mich ohnehin nervös. Die klapprigen Wände der Kabine werfen den Schall, der von unten und oben eindringt, hin und her, bis er sich verliert, bis ich nicht mehr weiß, aus welcher Richtung Toilettenspülung, Schritte, Gürtelschnallenklappern kommen. Ich höre die Spülung von rechts – verlässt er die Kabine? Doch der Blick durch das Loch zeigt keine Änderung. Als der Schatten an seiner Tür sich verdichtet, überschlägt sich mein Herz. Bauchschmerzen, wohl durch Uringeruch und das mulmige Gefühl verursacht, verschlimmern sich mit jedem Schlag. Mein Körper verpasst sich selbst Schläge in die Magengrube. Das Loch ständig im Blick. Sein Schatten wird dichter. Er denkt, dass ich es will, doch ich weiß, dass ich es nicht will. Showdown. Links fällt die Abdeckung des Toilettenpapiers herunter, im Schreck neige ich mich nach vorne, das Loch ständig im Blick. Ich blicke in sein Gesicht. Faltige Augenpartie, schmierige Haare. Für ihn ist sexuelle Erfüllung so nah, für mich war sie nie ferner. Ich bin heterosexuell, und selbst, wenn dem nicht so wäre: Die klinische Atmosphäre und der betäubende Geruch alten Urins tun so oder so ihr Übriges zur Verhinderung der Lust. Glanz und Gloria sehen anders aus. Ich verlasse die Kabine. Was ich erlangte, war die Gewissheit, dass man hier nicht einfach „überrascht“ wird, sondern beide Parteien sicher gehen, dass es sich um einen Sexualkontakt handelt. Es dauerte immerhin mehr als 15 Minuten, bis er sich an das Glory Hole heranwagte. Er hat nett gefragt. Auf seine Weise.

 

 

Autor: 
Maximilian Kloes
Ressort:
Report
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Die willkommene Ausgangslage: Eine der beiden Kabinen ist belegt.
Nun geht man in die zweite, freie Kabine und wartet, ob etwas passiert. Wer das Toilettenpapier überm Glory Hole entfernt ...
signalisiert Interesse am Sexualkontakt. Wenn gefällt, was man sieht, steckt derjenige, der zuerst Interesse symbolisierte ...
... seinen Penis zwecks Blow- oder Handjob durch das Glory Hole. Nach dem Akt werden die Kabinen getrennt verlassen.
(c) M. Kloes/STUZ