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Studentenbrille

Es war einst ein Ire, der auszog, die Kirche zu reformieren. Heiliger ward er später geheißen, seine Statue steht vor dem Mainzer Dom. Um die Barbaren zu überzeugen, fällte er die Eiche des Donar. 1 ¼ Jahrtausende später folgte ihm ein Landsmann, der auszog, den Luftverkehr zu reformieren. Einen tüchtigen Geschäftsmann hieß man ihn. Bäume gab es in dieser Zeit kaum mehr, so fällte er den Service. Er trieb das mathematische Rätsel auf die Spitze, wie man oben immer mehr abziehen und in der Bilanz trotzdem ein adipöses Plus haben kann. So wie Bonifatius Seelenheil in die heidnische Ödnis trug, brachte Mr Ryan die Erlösung dieser Tage: Arbeitsplätze für die öde Heide, für Gepäckträger und für Busfahrer und für Putzkräfte. Die Armen beschenkte er mit Flügen für einen Euro, und aus Dankbarkeit warfen sie ihm Gepäckgebühren, Buchungsgebühren, Kreditkartengebühren und Check-In-Gebühren in den Klingelbeutel. Alle waren glücklich. Die Langeweile früherer Flugreisen war passé – dank des Angebots von Fußwärmern, elektronischen Zigaretten und Parfüms fühlte man sich vorzüglich unterhalten wie von der heimischen Flimmerkiste. Auch er stand unter dem Schutz des Allmächtigen, weshalb er bald schon über den Raum verfügte. Sieben, achtzehn, sechsundzwanzig Schlafzimmer.
Leider leider ist alles Stoffliche endlich, drum konnte er nicht anders, als sich mit der Schöpfung anzulegen. Der Platz ward eng und er versuchte, den Menschen zu schrumpfen. Sein Glück war vielleicht aufgebraucht, jedenfalls scheiterte er. Die Knie bohrten sich in die Rückenlehne und schmerzten wie vom andauernden Beten – genauso wie das Gewissen unter dem Druck tausender Kohlenstöffchen, die durch Turbinen geblasen wurden.

 

Autor: 
Marius Meiß
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