Eine kleine BilanzDas Wiesbadener Stadtoberhaupt ist vielleicht der größte Fan der Maifestspiele.
Er
sei zurzeit „mehr im Theater als im Büro", beklagte sich Oberbürgermeister Helmut Müller augenzwinkernd bei der
Pressekonferenz, in der er zusammen mit dem künstlerischen Leiter und
Intendanten Manfred Beilharz das Programm der Maifestspiele 2009
vorstellte. Als „geistrich und witzig" kündigte er das an, was er im
Vorfeld bei Probenbesuchen und dem bunten Abend am Vortag erlebt hatte,
so machte er der versammelten Presse Appetit. Ja, durch die
Maifestspiele sei er „in den letzten Jahren sogar zum regelrechten
Ballettfan geworden", gab er sich überrascht. Man glaubt es ihm,
präsentiert das Hessische Staatstheater doch in jedem Jahr kulturelle
Hochgenüsse, und das Wissen darum ist in der Stadt ein Selbstläufer,
der übertriebener Werbung nicht bedarf.
Dies belegen auch die
hervorragenden Bilanzen zum Abschluss der Festspiele. Die erstklassigen
Produktionen - diesmal kamen sie aus Australien, Italien, Indien,
Spanien, Belgien, Monaco, Kanada, Schweiz, den Niederlanden, Russland,
England, Österreich und den USA - lockten mehr als 22.000 Besucher an
das Staatstheater Wiesbaden und sorgten, wie schon im Vorjahr, für eine
durchschnittliche Auslastung von 93 Prozent in den Stuhlreihen. Und
immer wieder mittendrin: ein glücklicher Oberbürgermeister.
Unsere RezensionenKeine trendigen Pauken
Claus Peymann inszenierte in Wiesbaden Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" - wohltuend unspektakuläres, obgleich großes Theater.
Von Sarina Lacaf \\

In Schwarz und Weiß ist dieses Frühlingserwachen getaucht -
sowohl die Kostüme als auch das dezente Bühnenbild, welches aus nicht mehr als
ein paar übergroßen, beweglichen Paravents besteht. Tänzeln diese vormals noch
beschwingt zur Leichtigkeit der um sie herumwirbelnden Kinder, so brechen sie
am Ende in sich zusammen wie der jugendliche Lebenshunger unter der
erdrückenden Prüderie der Erwachsenenwelt. Sie werden zu einer expressionistisch
anmutenden Gräberlandschaft, durch die sich der von allen Seiten zum Sünder
degradierte Melchior seinen einsamen Weg bahnt.
Es geht hier also um Kontraste.
Und bewusster überzeichnet könnten diese kaum sein, wenn die Lehrerschaft nicht
als fürsorgliche Erzieherschar inszeniert wird, sondern als grotesker Haufen unsinnig
starrköpfiger Richter, die einem Cartoon mit Halloween-Setting entsprungen sein
könnten.

Seit rund zehn Jahren ist Claus Peymann nun Direktor des
Berliner Ensembles und steht seither unter ständigem Beschuss der Feuilletons. Als
unreflektierte Darstellung taten viele Kritiker seine Inszenierung von Frank
Wedekinds „Frühlings Erwachen" ab. Man beziehe zu einseitig Stellung für die
Jugend, drücke den Erwachsenen ein klischeehaftes Bild von Strenge auf. Fragt
sich, welche pseudo-neumodische Herangehensweise an die Thematik hier einer
werktreuen Umsetzung, die die ursprüngliche, immer noch greifende Intention des
Stückes treffsicher vermittelt, anscheinend vorgezogen würde.
Ebenso nervtötend
auf Progression pochend der Vorwurf von Altbackenheit und Ausbleiben von
Spektakel - dabei ist es doch so erholsam, dass endlich einmal wieder bewiesen
wird, dass großes Theater nicht mit schockierender Ästhetik, trendigen Pauken
und Trompeten zugekleistert werden muss, um seine Aktualität zu bewahren.
"Lieber lieber Paul..."
Die
Lesung des Briefwechsels "Herzzeit" dokumentierte eine der dramatischsten
und folgenreichsten Begebenheiten der deutschen Literatur: die Liebe zwischen
Paul Celan und Ingeborg Bachmann.
Von Nathalie Klemm \\
Es ist ein Fluch den modernen Liebenden zu erleben, wie er seine Gefühle als
Funksignal rund um den Erdball von Satellit zu Empfangsgerät verschickt, sich
selbst glauben machend inmitten des Geplauders Nähe zu verspüren („Tschühüß,
ich lieb‘ dich!").
Da
ist es schon allein wohltuend, wenn die Empfindungen zweier Liebender in
schriftlicher Form, als Briefwechsel, vorliegen. Ein besonderer Segen ist es,
wenn es sich bei diesen zwei Liebenden um so zwei wortgewaltige
Autorenpersönlichkeiten wie Paul Celan und Ingeborg Bachmann handelt - und sei
ihre Liebe noch so erschütternd hoffnungslos.
Um das schriftliche Gespräch der beiden im Vortrag zum Leben zu erwecken bedarf
es routinierter Darsteller, ist es doch in einer Sprache gehalten, die, dem
Kommunikationsmittel gleich, in der heutigen Zeit wie ein Relikt wirken muss.
Die
beiden Schauspieler Marina Galic und Jens Harzer sind von diesem Format. Sie
treten auf die leere Bühne des Großen Hauses, setzen sich nebeneinander an
deren vordersten Rand und lesen abwechselnd aus dem „Herzzeit"
übertitelten Briefwechsel, der im vergangenen Jahr als Buch im Suhrkamp Verlag erschien
und als Offenbarung „einer der dramatischsten und folgenreichsten Begebenheiten
der deutschen Literatur" (FAZ) gilt.
Galic
trägt mit Eifer in ihrer sanften Stimme Bachmanns an Paul Celan gerichtete
Briefe vor, abgesandte wie auch abgebrochene („Deine Karte kam angeflogen,
mitten in mein Herz"), Harzer verliest mit knarzigem Stimmduktus und
natürlicher Melodik Celans sehr nachdenkliche Repliken („Für mich bist du alles
was Geheimnis ist"), und am Ende immer, nach einer kleinen Pause, ein
zögerliches, fast seine eigene Existenz hinterfragendes „Paul" - mit suchendem
Seitenblick.
Wien, Mai des Jahres 1948. Die junge Philosophiestudentin Ingeborg Bachmann
lernt den Lyriker Paul Celan kennen. Erstaunt schreibt sie an ihre
Eltern: „Der surrealistische Lyriker hat sich herrlicherweise in mich
verliebt." Doch Wien ist für Paul nur eine Zwischenstation. Schon Ende
Juni desselben Jahres geht er nach Paris. Eine Zeitspanne des Miteinanders,
lang genug um ein schriftliches Gespräch anzustoßen, das erst 1961 verebben
wird.
In
den Briefen zwischen 1948 und 1961, so wird schnell klar, geht es um die ganz
große, die eine Liebe („Ein Wort von Dir und ich kann leben"), zugleich um
eine unglückliche, komplizierte Liebe („Meine Sehnsucht ist so groß, dass ich
Furcht habe Dich bald wiederzusehen"), ein von großem Schweigen
durchbrochenes Ringen miteinander in immer dramatischeren Phasen.
Das
Retten der Vergangenheit in die Gegenwart scheint aussichtslos, doch sprachlich
bleibt nichts unversucht („Denke, dass ich war was ich bin"). Treffen sind
rar und so richten die beiden ihre Empfindungen letzten Endes an eine gedachte
Projektionsfläche, die sie in der Hauptsache aus Briefen kennen und suchen den
Raum zwischen diesen Projektionen zu teilen. Ihre Ehepartner Gisèle Celan-Lestrange
und Max Frisch dulden den Schriftwechsel, „unser Märchen, unser Gedicht",
wie die Bachmann ihre Beziehung einmal nennt. Von dieser Seite haben sie also keine Verstrickungen zu befürchten.
Stattdessen
drängt sich einem bald im Nachhall Jens Harzers nachdenklicher Stimme der Gedanke
auf, es sei allein das Wesen der Liebe selbst mit all seinen Dichotomien
zwischen Hoffen und Bangen, Klarheit und Missverständnissen, die sie so
unentwirrbar und unerfüllt macht („Ich verstehe dich und ich verstehe dich
nicht. Ich sehne mich nach dir und doch nicht").
Neben
diesem Sehnen und Suchen gibt die Lesung auch Raum um über die Autoren selbst
und ihr Schaffen zu reflektieren, etwa wenn die österreichische Tätertocher
Bachmann immer wieder versucht Celan, der nach dem Tod seiner Eltern im
Konzentrationslager in eine Art psychische Schockstarre verfallen ist, vor
einer sich selbst zugewiesenen Opferrolle zu bewahren. Oder wenn Celan sein
wohl bekanntestes Gedicht aufgeregt gegen Kritiker verteidigt: „Die Todesfuge
ist eine Grabschrift, Kritik an ihr ist Grabschändung."
So
begegnen sich die Protagonisten in ihrem Schriftwechsel nicht allein als
Liebende, sondern auch als Literaten ihrer Zeit, als schreibende Liebende nach
dem Holocaust, die um Nähe, Freundschaft, Abstand ringen.
Diese so schwer greifbaren Begegnungen zu veranschaulichen und
wahrnehmbar zu machen ist die große Leistung von Marina Galic und Jens
Harzer. Eindreiviertel Stunden lang lauschen die Zuschauer gebannt dem
intimen Gedankenaustausch. Es wäre nicht verwunderlich, schriebe einer von
ihnen noch am selben Abend einen Brief.
G'day Tamino!
Papageno und Papagena zwischen Emus und Kängurus, das ist
die Welt von „Co-Opera on the Move", die mit der
Zauberflöte im Gepäck aus Australien zu den Maifestspielen anreisten.
Von Nathalie Klemm \\
Sänger von Weltrang. Kostüme und Kulissen, ähnlich wertvoll wie die Klunker der
Schickeria, die sich zur Pause mit Sekt- und Opernglas in der Hand unter
den Kolonnaden Parfümschwaden zuwinkt - selbstverständliche Elemente der
Zauberflöte-Aufführung bei den Maifestspielen des vergangenen Jahres.
2009 nun das
Kontrastprogramm in Sachen Zauberflöte. Die Gäste mit dem weitesten Anfahrtsweg
kamen in diesem Jahr aus Australien, wo sie sonst im Lastwagen durch
den australischen Outback touren und in den Wüsten des Red Centre oder am Fuße
des Ayers Rock in Gemeindehäusern, Schulen und unter freiem Himmel auftreten. „Co-Opera
on the Move" heißt die mobile Operngruppe, die es sich seit 1990 zum Ziel macht,
in entlegenen Gebieten des australischen Kontinents einer kulturellen
Mangelversorgung entgegenzuwirken und den Menschen dort eben nun die urdeutsche
Zauberflöte näherzubringen. Dieses Werk in seinem Entstehungsland aufzuführen kann als
echte Bewährungsprobe für junge Australier gelten, die sich aufgrund ihrer
jungen Geschichte selbst schon mal eine gewisse Kulturlosigkeit vorwerfen.
Statt dem bis ins Detail durchkoordinierten, opulenten
Opernspektakel also in diesem Jahr eine Inszenierung mit einfachen Mitteln: ein simples Stahlkonstrukt als wandelbares Bühnenbild, eine outbacktaugliche Kostümauswahl,
die dem ständigen Transport im Lastwagen Rechnung trägt, und ein auf Klavier,
Streichquartett und Bläserquintett reduziertes Orchester, das ebenerdig direkt
vor den Zuschauerreihen im ebenfalls außergewöhnlichen Aufführungsort, dem
Kulturzentrum Schlachthof, aufspielt. Überraschenderweise ist die Inszenierung selbst gesanglich
und choreographisch auf sehr hohem Niveau. Sara Lambert singt Paminas Part mit
sanftem Charme, Eleanor Blythman verkörpert die Königin der Nacht überragend furios
und Vincent Fusco gibt den Oberfiesling Monostatos auf eine beängstigende Art,
die die Außergewöhnlichkeit dieser Vorführung fast vergessen macht. Bis man
sich zur Pause hin wieder staunend umschaut: der Schlachthof als Aufführungsort
einer Oper - und Opernbesucher, die in Alltagsklamotten nicht underdressed
wirken!
Das Experiment gelingt, denn die australischen Gäste wissen
den so volkstümlichen Mozart ebenso volksnah darzubringen, mit absurden Running
Gags und einem hohen Tempo. So wird Königssohn Tamino etwa im Ersten Aufzug von
einer kleinen Gummischlange verfolgt. Die Frage „Can you hold your tongue?"
wird immer wieder wörtlich genommen und erntet ebenfalls viele Lacher. Und die
drei Dienerinnen der Königin der Nacht singen unvermittelt den Supremes-Hit „Stop
in the name of love". So werden die Zuschauer Zeuge witziger Ideen und einer erfrischenden
Nonchalance, die viele andere Opernmannschaften sicher nicht zur Schau gestellt
hätte. Und spätestens als Papageno (Jeremy Tatchell) in perfektem Deutsch das „Der
Vogelsänger bin ich ja" intoniert, allerspätestens aber als er angewidert einen
Schluck Wasser wieder ausspuckt und angewidert „Bäh! Wasser aus Mainz!" von
sich gibt, hat die Truppe das Wiesbadener Publikum auf seiner Seite und die Bewährungsprobe voll bestanden.
Stehende Ovationen.
Lulu in Progress
„Hereinspaziert,
die Vorstellung beginnt", so singt der Tierbändiger gleich ganz zu Anfang der
„Lulu"-Oper - und dieser Satz wird in der Inszenierung von Regisseurin
Konstanze Lauterbach denn auch ganz wörtlich genommen.
Von Johanna Tydecks //
Während
das Publikum in den Saal strömt, der Zuschauerraum noch erleuchtet, beginnt auf
der Bühne bereits die Aktion; das Bühnenbild wird zu Ende gepinselt, das
Orchester probt noch, die Bühne wird aufgeräumt und vorbereitet. Vorbereitet
auf das eigentliche Stück, bei dem die Grenzen zwischen Probe und Aufführung
von Beginn an bewusst verwischt erscheinen. Die Nebenbühne ist nur schlecht
verhüllt, die Leitern ragen hinter den schiefen Kulissen hervor. Stets ist das
Bühnenbild (Andreas Jander) ein bisschen nachlässig zurechtgemacht, eher grob
und bunt, schief und grell.
Auch
Lulu selbst erscheint durchweg überdimensioniert, stark, präsent; mehr Frau als
Mädchen. In Lauterbachs Inszenierung ist Lulu ganz unverhohlen eine Kunstfigur,
ein Kunstcharakter, kein Mädchen von nebenan. Sie ist ganz Frau; die
verschiedensten Männer werden von ihr verführt- und gehen daran zugrunde, im
letzten Akt auch sie selbst.
Nicht
zuletzt ist Lulu auch Theaterfrau, alle Sparten übergreifend: „Geboren" um
die Jahrhundertwende als Protagonistin von Frank Wedekinds beiden Dramen
„Erdgeist" und „Die Büchse der Pandora", holte sie der Komponist
Alban Berg als Figur in die Oper, vervollständigt wurde Bergs Partitur später
von Friedrich Cerha. Auch Ballett-Choreographien wurden für die Lulu-Geschichte
und -Musik schon sehr erfolgreich entwickelt. Lulu reizt Theater, Oper und
Ballett; Lulu bedient nacheinander die Phantasien der verschiedensten
Liebhaber, unter anderem die des Arztes, des Malers, des Mörders und der
lesbischen Gräfin. Für sie alle verändert Lulu sogar jeweils ihren Namen, je
nach Mann heißt sie Eva, Mignon, Brigitte oder Nelly. Ansonsten scheint sich
Lulu in Lauterbachs Inszenierung jedoch relativ wenig zu wandeln. Zwar steckt
sie im Laufe des Abends in verschiedenen Kostümen, doch andererseits bleibt sie
sich stets irgendwie gleich. Im Gegensatz zu anderen Regisseuren zieht
Lauterbach ihre Lulu auch nicht aus - nicht auf der Bühne und nicht im
übertragenen Sinn. Emma Pearson singt die Partie der Lulu klar und überzeugend;
auch die anderen Sänger und das Orchester zeigen musikalisch kaum eine
Schwäche. Und trotzdem, so mancher der Zuschauer ist bereits vor Ende der
(immerhin fast vierstündigen) Aufführung aus der Oper hinausspaziert.
Leben eingeflözt
Ein Theaterstück,
eineinhalb Stunden lang, ohne ein gesprochenes Wort. Und dann auch noch ohne
die Möglichkeit, die fehlenden Dialoge durch Mimik zu ersetzen, da die
Schauspieler nur mit Masken auf der Bühne stehen.
Von Matthias Schmidt \\
Trotzdem - oder gerade
deshalb - war die Familie Flöz nun schon
zum wiederholten Male mit ihrem Stück „Teatro Delusio", welches hinter der
Bühne eines Theaters spielt, bei den Maifestspielen in Wiesbaden zu Gast. Die Familie Flöz ist eigentlich keine Familie. Sie ist eine internationale Theatergruppe, gegründet
in den 90er Jahren im Ruhrgebiet, bestehend aus Schauspielern, Regisseuren,
Maskenbauern, Produzenten und vielen mehr. An den einzelnen Stücken - momentan
hat die Truppe drei im Programm - arbeiten immer unterschiedliche Leute mit.
Eins haben aber alle Stücke gemeinsam: Es wird mit Masken gespielt, und diese
Masken werden selbst hergestellt. Dafür ist vor allem Hajo Schüler, einer der
nur drei Schauspieler des Teatro Delusio, verantwortlich. Die Masken erlauben
zwar keine Mimik, sind aber allesamt perfekt auf die einzelnen Figuren
abgestimmt: Ein Dirigent guckt eben anders als ein Bühnenarbeiter.
Durch
den konsequenten Verzicht auf Sprache kann die Familie Flöz zwar durch die
ganze Welt touren, komplizierte Geschichten lassen sich so allerdings nicht
erzählen. Aber die Geschichte - es geht um drei Bühnenarbeiter, die sich während
den Aufführungen auf der Bühne mit verschiedenen anderen Theatermitarbeitern
anfreunden, streiten oder gar bis auf den Tod bekämpfen - ist auch nicht das Wichtigste
bei diesem Stück.
Vielmehr ist es das Schauspiel und die Inszenierung an sich,
welches das Stück ausmacht. Es hat sehr viel von alten Stummfilmen, wenn die
Figuren von Leitern fallen, sich prügeln, versuchen zu tanzen oder einfach ihre
Zeit herumzubekommen. Das Zuschauen dabei macht vor allem eines: Spaß. Das
Publikum kommt kaum aus dem Lachen heraus, bevor schon die nächste Begegnung
mit einem Theatermitarbeiter ansteht. Da verzeiht man dann auch gerne ein paar
einzelne unlogische Stellen im Stück.
Teatro Delusio ist ein Theaterstück der besonderen Art und gerade
wegen der ungewöhnlichen Herangehensweise und Inszenierung große Unterhaltung.
Let my people go
In einem Gastspiel führte das Ensemble des Teatro Regio aus
Parma am Hessischen Staatstheater Wiesbaden Giuseppe Verdis berühmte Oper
„Nabucco" auf.
Von Cornelia Garmann \\
Das Teatro Regio in Parma, ein wunderschönes Barocktheater,
hauptsächlich in Gold- und Rottönen gehalten, hinterlässt wohl bei jedem
Besucher einen bleibenden Eindruck. Hier kann man sich die Darstellung einer
berühmten Oper erstklassig vorstellen. Nirgendwo sonsthin passt ein Gastspiel einer
Aufführung aus Parma so gut wie ins Große Haus des Hessischen Staatstheaters
Wiesbaden. Denn im barocken Prunk und in den prächtigen Gestaltungsdetails
stehen sich beide Theater in nichts nach. Gute Voraussetzungen also für die
Darbietung der Verdi-Oper „Nabucco" im Rahmen der Maifestspiele .
Verdis Belcanto-Meisterwerk aus dem Jahr 1842 besitzt eine
mehrschichtige Handlung. Zum Einen erzählt es vom jüdischen Volk, das in babylonische
Gefangenschaft gerät und versucht zu entfliehen. Zum Anderen berichtet die Oper
die Geschichte der Liebe von Ismaele, dem jüdischen Neffen des Königs von
Jerusalem und Fenena, der Tochter des babylonischen Königs Nabuccos, sowie der
unerwiderten Liebe ihrer älteren Schwester Abigaille zu Ismaele. Nicht zuletzt
ist „Nabucco" jedoch auch ein Werk, das die Hybris des Titelhelden Nabuccos zum
Thema hat, der sich selbst zum Gott erhebt und bis zu seiner Selbsterkenntnis
deswegen mit Wahnsinn gestraft wird.
Luigi Perego, als Bühnenbildner sowohl für Kulisse als auch
für die Kostüme zuständig, bewies, dass sein guter Ruf nicht von ungefähr
kommt. Das Bühnenbild war von einer imposanten Drehbühne in steinerner Optik
bestimmt, die eine rasche Anpassung der Szenerie an das Spiel zuließ. So wurde
aus dem Tempel im Handumdrehen ein Palast oder die Klagemauer. Eine
Besonderheit der Inszenierung war die Wahl der Kostüme. Die Hauptdarsteller
waren in imposante Roben gekleidet, die durchaus in die antike, gespielte Zeit
passten. Kräftige Farben und schwere Stoffe unterstrichen die Würde der
Figuren. Die Kostüme des Chors hingegen waren in der nahen Vergangenheit,
Beginn bis Mitte des 20. Jahrhunderts zu verorten: Lange schwarze Kleider und
Röcke bei den Frauen und Anzug und Krawatte bei den Männern. Da der Chor auch
die Juden in babylonischer Gefangenschaft darstellte, erinnerte die Darstellung
wegen der Kostüme und der großen Anzahl der Personen rasch an ein Bild von
Juden in einem Ghetto des zweiten Weltkrieges. Die unterschiedlichen Kostüme
unterstrichen somit die verschiedenen Handlungsschichten.
Wo es um persönliche
Schicksale ging, waren die Darsteller antik gewandet, sobald es jedoch um
Religion ging, war die Kostümierung die eines einfachen Juden, konnotiert mit
dem Zweiten Weltkrieg. So trug auch Nabucco zu Beginn des Stücks eine antike
Robe, als er jedoch nicht mehr nur Herrscher, sondern Gott sein wollte und dem
Wahnsinn verfällt, änderte sich nicht nur sein Wesen, sondern auch sein Kostüm.
Zwar berührt das Thema Religion auch Ismaele und Fenena, ihr Hauptanliegen
bleibt jedoch die Liebe zueinander und somit eine antike Kostümierung.
Beeindruckend ist wohl das Attribut, das auf die meisten
Aspekte der Inszenierung von Daniele Abbado und der musikalischen Leitung von
Daniele Callegari zutrifft. Der Gesang
und das Spiel der Hauptdarsteller überzeugt, lediglich Dimitra Theodossiou, die
als Verdisängerin in der Vergangenheit hochgelobt wurde, fand beim Publikum
wenig Anklang. Die Stärke des Chores hingegen war imposant. Die etwa siebzig Mitglieder
des Chores konnten mit ihren Stimmen den ganzen Saal bewegen, und nicht erst
beim berühmten „Gefangenenchor" stellte sich eine Gänsehaut ein.
Monarchen
des Jazz
Wenn
sich wahre Monarchen des Jazz wie der Posaunist Slide Hampton oder der Saxofonist
James Moody zusammen tun, nur um das musikalische Vermächtnis eines
verstorbenen Kollegen in die Welt zu tragen, dann ist das eine Form der
Ehrerbietung, die ihresgleichen sucht.
Von Tabea Müller \\
Der
verstorbene Kollege war Dizzy Gillspie - Miterfinder des Latin Jazz und des
Bebop. Die „Dizzy Gillspie Allstars" traten am vergangenen Mittwoch im Rahmen
der Maifestpiele im Großen Haus in Wiesbaden auf.
Ein
einmütiger Kniefall vor dem Altmeister des Jazz unter dem ehrwürdigen Dach des
Wiesbadener Theaters war das Konzert allerdings nicht.
Man konnte den frischen
Wind, der über die Köpfe des gespannten Publikums hinwegfegte, förmlich sehen. Elegante
und gut gelaunte Soli wurden ebenso begeistert aufgenommen, wie das ungeheuer
professionelle Zusammenspiel der Musiker. Gerade, wenn man sich in den Untiefen
einer wunderschönen Ballade verlor, riss ein schmissiges Highlight einen
schmerzlos zurück an die Oberfläche.
Vielleicht
war das Wiesbadener Publikum nicht das ausgelassenste, vor dem die „Dizzy
Gillspie Allstars" jemals gespielt haben, aber es gab einen langen, kräftigen
Beifall. Unbedingt einen Blick wert: die klingende Homepage der Band.
Mozart trifft James Bond
Gar nicht
alptraumhaft, wie das Virtuosenduo Igudesman und Joo in „A little nightmare
music" klassische Musik parodiert und damit auch den ernsthaftesten
Theaterkunstgourmet aus der Reserve lockt.
von Judith Drokur \\
Als
der Zuschauerraum abgedunkelt wird, bleibt ein Lichtkegel auf die einzig mit
einem Klavier recht spärlich dekorierte Bühne gerichtet. Die Musiker treten
auf, begleitet von höflichem Applaus. Aleksey
Igudesman, Violinist, und Richard Hyung Ki-Joo, Pianist, gelten als Virtuosen
in ihrem Fach. Die ersten noblen Töne erklingen und das Publikum lehnt sich
zurück, schließlich kennt man sich aus mit Kammermusik und hat die Stücke der
großen Meister zu Hause auf CD.
Doch
mit dem entspannt-langweiligen Klassikergenuss ist es schnell vorbei: Ein Handy
klingelt. Einmal, zweimal. Schließlich hat der Übeltäter sein Telefon aus der
Tasche gefummelt und verlässt den Raum. Entrüstetes Murmeln - und die Show fängt erst richtig an! Das
Störgeräusch entpuppt sich als Teil der Vorstellung und wird prompt ins eben angespielte
Stück eingebaut. Das Publikum ist begeistert, ein Zustand, der bis zum Ende der
Vorstellung anhalten wird. Denn Igudesman und Joo sind großartige Musiker, nehmen
sich selbst aber nicht ganz so ernst, ebenso wenig wie den Theater- und Musikbetrieb.
Sie bauen mit scheinbar unerschöpflichem Ideenreichtum unterschiedlichste
Musikstile und Skurrilitäten in Form kleiner Sketche in ihr Konzert ein.
Nach
etwa 100 Minuten des Tränenlachens verklingen die letzten Töne. Die Musiker
verbeugen sich, begleitet von minutenlangem, tosendem Applaus. Und auf dem Heimweg
denkt das Publikum bestimmt darüber nach, wie es die Werke von Igudesman und
Joo schnellstmöglich zur privaten Musiksammlung hinzufügen kann.
Das
gewisse Etwas
Zwischen
Klassik und Techno, zwischen Gestern und Heute, zwischen Mensch und Tier. Das
Nederlands Dans Theater II präsentiert mit Gods and Dogs die Abgründe des
Menschlichen - und zwei Deutschlandpremieren.
von Jana Baurmann \\
„Ich koche sehr gerne, insbesondere gelbe Suppe." Die Stimme kommt
aus dem Off. Gleichmäßig und leicht. Wie sein Tanz. Es ist nicht seine
wirkliche Stimme. Aber er tanzt sie. Die anderen Tänzer schauen ihm dabei zu.
Und sie erfahren, wie die übrigen Zuschauer im Saal, das Rezept der Yellow Soup: Süßkartoffeln und anderes
kommt da zusammen. Aber die wichtigste Zutat sei der Koriander. Den vergesse er
nie. Und er ist es, der die Suppe so besonders mache. Selbstaussagen wie diese
sind Teil von Minus 16, der
Choreografie von Ohad Naharin. Wie bei allen Choreografien, die an diesem Abend
im Hessischen Staatstheater in Wiesbaden aufgeführt werden, zeigt auch Minus 16 die Grenzen von Normalität und
Wahnsinn.
Ein Teelicht steht am vorderen Bühnenrand, acht Tänzer bewegen
sich zu der Musik von Beethoven und Bartók. Sie tanzen zwischen flackerndem
Kerzenschein und Videoprojektion: Ein Wolfshund blickt von der Leinwand auf sie
herab. Götter und Hunde, Gods and Dogs.
Jirí Kylián verwischt die Grenzen des Menschlichen.
Der Mensch in Zeit und Raum. In Passe-Partout von Lightfoot/León scheinen die Tänzer zwischen
Erinnerung und Gegenwart zu verweilen. Die Musik von Philip Glass liegt in der
Luft, ein meckerndes „Sé lo querrías comer!" - Ich weiß, was du gerne essen
würdest! - zerreißt den Moment.
Den Abschluss bildet Minus
16. Die Tänzer schmettern das Pessachfest-Lied Echad Mi Yodea - Wer kennt einen? Ihre Körper bewegen sich
ekstatisch. Dann, am Ende, lernen auch einige Zuschauer Tänzer und Bühne
kennen. Werk und Publikum verschmelzen für einen Moment der innigen Umarmung. Minus 16 ist an diesem Abend der
Koriander in der Suppe. Köstlich hat's gemundet.