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Die Shoah-Epidemie

Avraham Burg, ein renommierter israelischer Ex-Politiker wagt auf fast dreihundert Seiten einen interessanten Vergleich: Die israelische Gesellschaft weise erschreckende Ähnlichkeiten mit den Deutschen zur Weimarer Zeit auf.

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„Angst und Sorge waren meine ständigen Begleiter, als ich an diesem Buch arbeitete" schreibt Autor Avraham Burg im Vorwort seiner Zionismuskritik „Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss". Kein Wunder, denn er geht mit seinen Landsleuten nicht zimperlich um. Paranoid, militaristisch und fremdenfeindlich seien die Israelis. Genau wie die Deutschen zu Weimarer Zeiten. Der Grund für diesen Zustand liege in erster Linie in einer wahnsinnigen Besessenheit vom Holocaust. Sogar den Frieden im Nahen Osten verhindere die Erinnerung an Hitler und Co; mehr noch als die israelische Siedlungspolitik und die Intifadas. Er kritisiert die Nazi-Rolle, die man den Arabern in seinem Land zuschreibe und die kulturelle Armut der Menschen. Bei dieser Gelegenheit schreibt Burg sich seine eigene NS-Aufarbeitung und Familiengeschichte von der Seele, stellt illustre bis irritierende Bibelvergleiche an und zeichnet ein Bild von der israelischen Gesellschaft, das niemand sehen will. Es ist noch nicht so lange her, da wollte in Israel auch niemand die hässliche Fratze der Judenermordung in Europa sehen. Überlebende schämten sich, von ihrer Vergangenheit zu erzählen, aus Angst als Verräter dazustehen. Wie hätten sie sonst überleben sollen? Überhaupt passte das Bild des Opferjuden nicht ins zionistische Selbstbild. Einen Wandel im israelischen Bewusstsein führte der  in den Medien übertragene Prozess gegen Adolf Eichmann herbei, während dessen den Menschen die Augen für die Leiden der europäischen Juden geöffnet wurden. Heute steht die bedeutendste Holocaustgedenkstätte der Welt in Jerusalem.

Vergiss mein nicht

Jeder Israeli (und jeder ausländische Staatsgast) sollte einmal dort gewesen sein, in Yad Vashem: Hier sind sechs Millionen ermordete Juden nicht eine unüberschaubare Masse, sondern sechs Millionen Menschen mit Gesichtern und Geschichten. Doch auch die Täter bekommen Namen und Gesichter. Ganz normale Menschen waren zum Völkermord bereit. Und ganz normale Menschen könnten es jederzeit wieder sein. Freilich, diesmal nicht die Deutschen, sondern die Araber. Das sagt natürlich keiner. Aber der Gedanke drängt sich auf, zumindest für einen kurzen Moment, den Bruchteil einer Sekunde, so unhaltbar er auch sein mag. Yad Vashem ist der Inbegriff von Erinnerung an die tragische Ausrottung des europäischen Judentums. Das ist „richtig und wichtig" wie unsere geliebte, leider meinungslose Bundeskanzlerin Angela Merkel sicher sagen würde, wenn man sie fragte. Die Auseinandersetzung mit dem perversesten Verbrechen der Menschheit lässt alles Seiende und Gewesene verblassen, denn der menschliche Sadismus hat sich seit dem Ende von Nazi-Deutschland nirgendwo mehr so umfassend manifestiert.

Verglichen mit dem Holocaust wirke jede Menschenrechtsverletzung, und sei sie noch so gravierend, nichtig. Das schreibt Burg in seinem umstrittenen Sachbuch. Seine These: Der Holocaust sei im jüdischen Bewusstsein der israelischen Gesellschaft längst nicht mehr als Teil der Geschichte der europäischen Juden kategorisiert - was schlimm genug ist, keine Frage - er sei ein Fleck auf dem kollektiven Bewusstsein aller jüdischen Bürger seines Landes. Ein Staatstrauma. Seine eigene Tochter habe in der Schule gelernt, dass sie eine Shoah-Überlebende sei. Dies führe zur Verrohung des jüdischen Volks in Israel. Der Holocaust liege den Israelis wie ein Schleier auf den Augen und mache es ihnen unmöglich zu sehen, was sie dem palästinensischen Volk antun durch diskriminierende Gesetze, Enteignungen, Ein- und Ausreiseverbote, Zäune, Straßensperren und willkürliche Razzien.

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Jerusalem - Stadt der Gegensätze

In Burgs Elternhaus wurde der NS-Terror kaum thematisiert, obwohl seine eigenen Eltern Holocaustüberlebende waren. Vater Josef Burg lebte in Dresden und Berlin, wo er die Ausreise deutscher Juden organisierte, bis er selbst 1939 floh. Klein-Avrum kam rund 16 Jahre später in Jerusalem (unsere Bilder: Panorama; Klagemauer) zur Welt - jener goldenen Stadt, welche als religiöses Zentrum Juden, Christen und Muslime gleichermaßen für sich beanspruchen. Touristen bestaunen den religiösen Pluralismus auf engstem Raum, die eindrucksvollen Monumente, den religiösen Nippes, die fremden Gewürze, die Menschen: orthodoxe Juden, pilgernde Christen auf der Via Dolorosa, fastende Muslime, Kinder mit Spielzeuggewehren. Palästinenser, die hier ihre Häuser verkaufen werden angeblich von Menschen aus dem eigenen Volk ermordet. Man erinnere sich. Hier herrscht ein erbitterter Konflikt um Land und Boden. Durch eine Mauer geteilt wie einst Berlin sind hier eher Palästinenser von Palästinensern getrennt als Palästinenser von Israelis; schließlich ist der israelische Staat nach wie vor nicht in der Lage, jüdische Israelis davon abzuhalten ins palästinensische Ostjerusalem zu ziehen. Irgendwie ironisch: In Jerusalem, auf dem Berg der Erinnerung, liegt Yad Vashem. Und hier wuchs Avraham Burg auf, das enfant terrible, der die kollektive Erinnerung an die Massenmorde kritisiert wie keiner vor ihm. Schon als junger Mann schien Burg die Provokation zu lieben. Schließlich schloss er sich gleich nach dem Militärdienst der Friedensbewegung „Peace Now" an. Wie Sumaya Farhat-Nassar, eine palästinensische Friedensaktivistin, bei ihrem letzten Besuch in Mainz berichtete, dürfen übrigens nur Israelis in den Vorstand dieser Bewegung. Eine interessante Voraussetzung für ihr Bestreben nach Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Aber wir wollen Burg nicht nur nach seiner Peace Now-Zeit beurteilen. Er war auch Berater von Shimon Peres, Vorsitzender der Jewish Agency und Sprecher der Knesset. Burg kennt sich aus mit israelischer Politik und gilt als aufgeweckter Gesellschafts- und Politikkritiker.

Zu lang, lang, lang!

So einen Lebenslauf muss man erst mal vorweisen. Dennoch hätte ihm jemand - zum Beispiel sein Lektor - sagen müssen, dass hundertfünfzig Seiten für diese Mischung aus Autobiografie, Bibelkommentar und politischem Pamphlet gereicht hätten. Denn da Burg seine These, dass israelisches Denken allein durch die Erinnerung an Hitler gelenkt werde, dauernd wiederholt, gehen gewitzte Anekdoten und spannende Fakten zu oft im Wortschwall unter. Schön klingende Sätze wie „Hitler ist nicht mehr. Aber wir leiden immer noch unter seinem bösen Vermächtnis und weigern uns, uns trösten zu lassen. Es war Hitler ein leichtes uns unser Leben zu nehmen, und es ist schwierig für uns, Hitler aus unserem Leben zu verbannen" tauchen in anderen Worten immer wieder auf. Danke, Herr Burg, aber durch Wiederholung wird auch nicht wahr, was einfach nicht stimmt. Zumindest scheint es abwegig, dass der Holocaust einen größeren Einfluss auf die israelischen Vorurteile gegenüber den Palästinensern hat als die beiden Intifadas. Schließlich tragen die palästinensischen „Freiheitskämpfer", die israelische Zivilisten in die Luft jagen, sobald sie die Chance bekommen, nicht weniger zur israelischen Fremdenfeindlichkeit bei als der Holocaust. Aber warum glauben die Palästinenser noch gleich, sich mit Gewalt gegen die regionale Supermacht Israel wehren zu müssen? Ach ja. Aufgrund der Siedlungspolitik und der gesetzlich verankerten Diskriminierungen haben sie bis heute Angst, vertrieben zu werden.

Da stimmt was nicht im Staate Israel

Vielleicht wird die Geschichte der europäischen Juden zu sehr verallgemeinert und damit zur Geschichte aller Juden gemacht, wie Burg schreibt. Vielleicht verstärkt dies noch die Vorurteile gegenüber den Arabern. Vielleicht macht es unsensibel für die eigenen Greueltaten. Vielleicht. Vielleicht wird die Shoah deshalb zur Geschichte aller gemacht, weil ein Staat ohne gemeinsame Grenzen doch wenigstens eine gemeinsame Geschichte braucht. Vielleicht lenkt auch Burg mit seinem Erklärungsversuch mehr von des Pudels Kern ab, als dass er ihn benennt. Nicht die Shoah ist schuld an der kompromisslosen israelischen Besatzungspolitik. Die Politik ist schuld daran, dass die Shoah heute zum gemeinschaftsstiftenden Element werden konnte. Nicht die Shoah ist schuld an der gegenwärtigen Angst in der israelischen Bevölkerung, sondern die Tatsache, dass man die Araber so sehr unterdrückt, dass junge Palästinenser sich in ihrer Verzweiflung oft nur noch durch Gewalt zu helfen wissen. Private Auseinandersetzungen mit dem Nazi-Trauma sind absolut wünschenswert. Aber politisch relevanter und heilsamer für alle Beteiligten wäre eine Auseinandersetzung mit den Palästinensern, die seit Jahren im Gazastreifen von der Außenwelt abgeschirmt sind und die anscheinend von Israel vergessen werden. Oder mit den Bauern in der Westbank, die durch den „Schutzzaun" von ihren Feldern getrennt werden. Oder mit der Frage wie es weitergehen soll, nachdem die eigenen Siedlungen eine Zwei-Staaten-Lösung unmöglich gemacht haben - nicht die Siedlungen selbst, sondern die Menschen, die sie bauen und die Politiker, die sie schützen. Die angeführten Parallelen zur Weimarer Zeit sind an den Haaren herbei gezogen und wirken eher wie ein Zeichen von Altersschwäche als wie eine politische Analyse. Deutschland hatte Grenzen. Es gab in Deutschland keine Wasserknappheit. Deutschland war durch den ersten Weltkrieg „geschwächt" (leider nicht geschwächt genug), während Israel die regionale Supermacht ist und so weiter. Wer diesen Gedanken für sich weiter denkt, hat das Gefühl, selbst verrückt zu sein.

Das Museum zur Geschichte des Holocaust in Yad Vashem ist unterirdisch in einem Berg. Die Idee dahinter: Das Grauen soll diesen Ort nicht verlassen. Hier sollte auch Burg seine persönliche Aufarbeitung lassen und sich gemeinsam mit seinen Landsleuten auf die realen, gegenwärtigen Probleme fokussieren.


Text & Bilder: Sarah Marzouk //
Buchcover: Campus //



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Avraham Burg

Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss

Campus

280 Seiten

22,90 Euro

www.campus.de