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Nachwuchs(un-)glück

Für seinen Dokumentarfilm „Kleine Wölfe“ hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung dem Mainzer Kameramann und Regisseur Justin Peach den „Deutschen Nachwuchsfilmpreis 2009“ verliehen. Der Film portraitiert das Leben des Straßenjungen Sonu. Täglich müssen der Elfjährige und sein „Rudel“ sich in Nepals Hauptstadt Katmandu mit Essen und Drogen versorgen. Auf ihren Spaß wollen sie trotzdem nicht verzichten. Die STUZ mit hat Justin über seine Zeit als „kleiner Wolf“ gesprochen.

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STUZ: Herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung mit dem „Deutschen Nachwuchsfilmpreis 2009"!

Justin Peach: Dankeschön!

Du hast nicht nur den Filmpreis verliehen bekommen, sondern wirst auch bald Vater. Was fehlt dir noch zu deinem Glück?

Nichts, alles ist perfekt. Im Moment könnte es echt nicht besser laufen. Ich habe einfach im doppelten Sinne riesiges Nachwuchsglück.

Es ist aber nicht das erste Mal, dass du mit einem Preis ausgezeichnet wurdest: Für „Kleine Wölfe" wurden dir bereits mehrere Auszeichnungen verliehen und du warst unter Anderem zweimal Gewinner des „Short Cuts Festivals" in Mainz. Außerdem hast du insgesamt sieben Stipendien erhalten. Was ist es, das die Menschen an deinen Filmen begeistert?

Na ja, das ist schwer zu sagen. Es waren ja immer verschiedene Projekte und Anträge. Ich schätze, ich habe wohl einfach ziemlich viel Glück gehabt in letzter Zeit. Aber „Kleine Wölfe" ist handwerklich gut gemacht und das erkennen die Leute. Hoffe ich. Darüber hinaus habe ich auch nie alleine an den Filmen gearbeitet. Meine Freundin Lisa Engelbach zum Beispiel hat als Cutterin und Dramaturgin maßgeblich zum Entstehen von „Kleine Wölfe" beigetragen.

„Kleine Wölfe" war deine Diplomarbeit. Der Protagonist des Films ist der 11-jährige Straßenjunge Sonu , der zusammen mit seinem seinem „Rudel" in Katmandu lebt.  Wie kam es dazu?

Ich war mit einigen Kommilitonen bereits 2005 zum Wandern in Nepal. Damals haben wir dann in Katmandu auch die Kids gesehen. Sonu hat mich sofort fasziniert. Und als es dann hier in Deutschland darum ging, ein Diplomthema zu finden, war mir ziemlich schnell klar, dass ich ins Ausland will. Nepal selbst war schließlich eine Bauchentscheidung. Wir haben uns zunächst nur für das Land entschieden. Als ich dann nochmal alleine hin bin, habe ich das Rudel wiedergetroffen, es ein bisschen beobachtet, die Jungs auch schon mal angesprochen und ein grobes Konzept ausgearbeitet.

Und wie hast du die Kinder dann näher kennen gelernt?

Wir waren zuerst ohne Kamera bei den Kids, haben uns mit ihnen unterhalten und Fußball gespielt. Das sind die von Touristen gewohnt. Die machen das oft. Nach und nach haben sie aber gemerkt, dass wir jeden Tag kommen und auch länger da bleiben. Und irgendwann haben die gerafft, dass wir wirklich Interesse an ihnen haben.

Das heißt, ihr seid mit eurer ganzen Ausrüstung auf gut Glück nach Nepal gefahren und habt gehofft, dass die Jungs mitmachen?

Genau. Wir haben ihnen kein Geld dafür gegeben. Es bestand also durchaus das Risiko, dass sie sich einfach weigern oder versuchen uns zu erpressen. Darauf haben wir uns aber nicht eingelassen. Versucht haben sie es trotzdem immer wieder. Wir hätten zur Not auch irgendeine andere Gruppe nehmen können, aber ich wollte unbedingt mit Sonu arbeiten. Schließlich sind wir ihre Freunde geworden und haben uns irgendwann auch selbst wie Rudelmitglieder gefühlt.

Warum verwendest du den Begriff „Rudel" für die Gruppe?

Das war meine erste Assoziation, als ich gesehen habe, wie sie alle übereinander liegen. Auch die hierarchischen Strukturen innerhalb der Gruppe haben mich an die eines Wolfsrudels erinnert. Jeder hat seine Position und vertraut den anderen. Ich will sie damit nicht beleidigen. Sie erinnern mich einfach daran.

Hast du denn auch draußen bei den Jungs geschlafen?

Ich habe zweimal bei ihnen geschlafen, weil ich es miterleben wollte. Oder ich bin eben sehr früh morgens gekommen oder abends lange da geblieben. Aber normalerweise haben wir bei einer Familie in der Nähe der Jungs gewohnt.

Das Portrait zeigt Sonu sowohl als sehr ausgelassenen und starken, aber auch als ernsthaften und verletzlichen Jungen. Welches ist das stärkste Gefühl, das du ihm gegenüber empfindest?

Ich empfinde Sonu gegenüber großen Respekt. Aber auch Mitleid, weil er sich selbst kaputt macht. Trotzdem hat er einen sehr starken Charakter und ich denke, dass er von allen Kids die größte Chance auf eine Zukunft hat, zumindest in seinem Milieu. Er wird bestimmt auch mal Anführer des Rudels werden. Sonu ist sehr intelligent.

Woran machst du das fest?

Ein Beispiel sind die ruhigen Momente, in denen er von seinem Vater spricht. Um ehrlich zu sein: Ich schätze, dass er da schauspielert. Ich weiß es zwar nicht hundertprozentig, aber eben das charakterisiert ihn so gut. Wenn du ihm im Kino glaubst, bist du ihm auf den Leim gegangen. Das ist dann eine Information über ihn. Und wenn du ihm eben nicht glaubst, dann ist das auch eine Information.

Im Film schnüffeln die Kinder regelmäßig Klebstoff und rauchen Haschisch. Wie hast du dich bei diesem Anblick gefühlt?

Das war absolut schlimm. Das sind zehnjährige Junkies, die auch wirklich aggressiv werden, wenn sie ihre Drogen nicht kriegen. Ich hatte besonders zum Schluss hin Gewissensbisse und wusste nicht, ob es richtig ist, was ich da tue. Ich hab mich gefragt, was dieser Film überhaupt bringt und warum ich ihn drehe.

Und warum hast du dann weiter gemacht?

Ich habe mit meiner Freundin zuhause telefoniert und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass dieser eine Film Sonus Rudel vielleicht nicht helfen kann. Aber er kann etwas bewegen, indem er bei Touristen ein Bewusstsein darüber schafft, was sie anrichten, wenn sie den Kindern Geld oder Material zum Weiterverkaufen geben. Die investieren alles in Kleber. Und je mehr Geld die Touristen den Straßenkindern geben, desto mehr gibt es von ihnen. 

Sind die „kleinen Wölfe" Opfer? Oder verursachen sie ihre Situation selbst?

Das ist ganz dünnes Eis. Generell ist es so, wie in Deutschland auch: Straßenkinder haben keinen Bock auf Schule und auf Autorität. Sie wollen frei sein, Spaß haben und Drogen nehmen. Das ist das paradoxe daran: Sie sind gefangen in Freiheit. Aber für die Straßenkinder in Katmandu ist das Touristenviertel das Paradies. Sie führen dort ein regelrechtes Rock'n'Roll-Leben, das eben auch seine Schattenseiten hat. Der Film soll da aber nicht auf die Tränendrüse drücken, sondern einfach die Realität widerspiegeln: Ich finde, diese Kinder sind böse Jungs, die auf die schiefe Bahn gekommen sind. Hinsichtlich dessen sind sie aber mit Sicherheit Opfer.

Weil sie familiäre Probleme haben?

Zum Beispiel.

Sonus Eltern sind tot, seine Tante schlägt ihn. Sein Bruder ist Taschendieb und seine Schwester hat ein kleines Geschäft in der Nähe. Sie ist bereits zum zweiten Mal verheiratet. Sonu behauptet, er wolle nicht vom Geld dieses neuen Mannes leben. Gleichzeitig ist sein Leben auf der Straße von Gewalt, Drogen und sexuellem Missbrauch geprägt. Kannst du trotzdem nachvollziehen, dass er nicht zurück nach Hause will?

Ja, das kann ich schon verstehen. Ich selber war nicht bei ihm zu Hause, aber Andreas, ein Teammitglied hat ihn einmal begleitet. Die beiden sind zu seiner Tante gegangen. Andreas meinte, es sei das Traurigste gewesen, das er jemals gesehen hat. Sonu war etwa ein Jahr lang nicht mehr bei seiner Tante gewesen. Und plötzlich taucht er mit einem Ausländer auf und es interessiert niemanden. Andreas wurde zwar der obligatorische Tee angeboten, aber die Familie hat sich nicht vom Fernseher weg bewegt. Sonu meinte dann: „Was wollen wir hier? Lass uns gehen!". Und seine Geschwister haben einfach nicht genug Geld, um ihn zu versorgen.

Hast du momentan Kontakt zu Sonu?

Ja. Bekannte, die noch dort sind, treffen ihn von Zeit zu Zeit. Anscheinend war er zwischenzeitlich, als weniger Touristen in Katmandu waren, auch einmal in einem Kinderheim. Aber gleich zu Beginn der Urlaubssaison ist er wieder abgehauen.

Insgesamt hast du drei Monate mit Sonu und den anderen Jungs verbracht. Was hast du während dieser Zeit von ihnen gelernt?

Ich kann mittlerweile sehr gut auf Nepali fluchen.

Du warst bisher schon sehr erfolgreich. Trotzdem studierst du momentan Journalistik in Mainz. Was erhoffst du dir von diesem Aufbaustudiengang?

Damit will ich mir meine Brötchen verdienen. Dokumentarfilmen ist zwar meine Leidenschaft und mein langfristiges Ziel, aber für den finanziellen Rückhalt ist es doch besser, noch etwas anderes zu können.

Und was kommt als Nächstes?

Das Baby. Im Februar möchte ich aber auch noch einmal nach Nepal fliegen und sehen, wie Sonu jetzt aussieht. Ich denke, dass, wenn ich ihm etwas beibringen kann, es Ehrlichkeit und Verlässlichkeit sind. Ich will ihm zeigen, dass ich keinen Profit aus seinem Leben schlagen will, sondern, dass ich ihn ernst nehme. Vielleicht kann ich ihm damit helfen, eben auf meine eigene Art und Weise.

Das Interview führte Daniela Bilstein

Links:

www.justinpeach.de

www.kleinewölfe.de

 

Filmografie Justin V. Peach

 

2008/2009: Kleine Wölfe

Diplom-Dokumentarfilm in Katmandu, Nepal

Portrait eines Straßenjungen

Kamera/Regie

 

2007: Maos 5000 Meter Traum (Recherche)

Dokumentarfilm von Peking nach Lhasa,Tibet

Die Vor- und Nachteile des höchsten Zugs der Welt

Kamera/Regie

 

2006: Nachttanke

Experimenteller Kurzfilm

9 Überwachungskameras erzählen eine Geschichte

Kamera/Produktion

 

2006: Die Beduinin

Doku-Werbefilm

Das Leben einer Aussteigerin in Petra, Jordanien

2006: Die Bunte Liga

Dokumentarfilm von David D. Larera

Hobbykicker in Mainz

Kamera/Co-Regie

 

2005: Der Goldene Käfig

Dokumentarfilm - Illegaler Tierhandel in Ecuador

ASA-Stipendium

Kamera/Regie

 

2005: Calvin & Hobbes

Kurzfilm (Comicverfilmung)

Kamera/Schnitt/Produktion

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Bild oben: Justin Peach mit Kameramann und dem „Rudel"

Bild unten: Lisa Engelbach