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Die Forscher forschen, die Politik pennt

Die Vereinten Nationen rücken 2010 die Biodiversität ins Rampenlicht. Was sich hinter dem
Zungenbrecherwort verbirgt, und warum es genau so viel Aufmerksamkeit verdient wie das Klima.

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Es war nur ein Krümel nötig, um den größten Teilchenbeschleuniger der Welt, den Large-Hadron-Collider an der französisch-schweizerischen Grenze, in Turbulenzen zu stürzen. Ein Vogel hatte das kleine Brotstückchen fallengelassen und so einen Kurzschluss in einer elektrischen Anlage verursacht. Nach ein paar Stunden war der Defekt behoben, der Täter unterdessen weitergeflogen. „Biodiversität legt Teilchenbeschleuniger lahm" lautete die Überschrift hierzu auf www.biodiversity.de. Aber was hat das mit Biodiversität zu tun?
 „Ein kleines Augenzwinkern ist dabei. Aber das Beispiel zeigt auch, dass wir die Natur nicht ausblenden können und nicht gegen sie sondern mit ihr planen müssen", sagt Sebastian Tilch, Pressesprecher des Netzwerkforums zur Biodiversitätsforschung Deutschland (Nefo), dem Betreiber der Homepage. Und: „Obwohl der Mensch mit seinen technischen Fähigkeiten die Natur in ihrer Vielfalt so stark dezimieren konnte, ist die noch so modernste Entwicklung nicht vor deren Rückschlägen gefeit. Und je vielfältiger sie ist, umso vielfältigere Anpassungsmethoden hat sie, um sich gegen die maßlose Ausbreitung des Menschen zur Wehr zu setzen."
Hinter dem Begriff Biodiversität verbirgt sich die Artenvielfalt, deren Definition laut Nefo neben der rein naturwissenschaftlichen auch eine politische und eine gesellschaftliche Dimension hat. „Biodiversitätsforscher untersuchen, welche Auswirkungen der unaufhaltsame Ressourcenhunger des Menschen und der Klimawandel auf diese auch für ihn überlebensnotwendige Vielfalt des Lebens haben", erklärt Elisabeth Kalko, Ökologie-Professorin und zudem Vorsitzende von Diversitas Deutschland, dem Verein, in dessen Rahmen das Projekt Nefo durchgeführt wird.

Manche mögen's unverbindlich
Zweierlei lässt sich also festhalten: Zum einen ist der Mensch ein recht destruktiver Bestandteil der Artenvielfalt, zum anderen korrespondiert sie mit dem Klima. Es stimmt also nicht ganz, wenn Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) sagt, der Schutz der Ökosysteme sei „die zweitwichtigste Herausforderung nach dem Klimawandel." Er ist genauso wichtig. Röttgens Parteikollegin, Bundeskanzlerin Angela Merkel, verwies in ihrer Rede zum Auftakt des Internationalen Jahres der Biodiversität 2010  auf die Notwendigkeit eines wissenschaftlichen Beratungsgremiums der UN-Mitgliedstaaten des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD). Ob dieses Gremium kommen wird, entscheidet sich im April. „Wahrscheinlich wird es das Gremium geben", vermutet Tilch. Ihn beschäftigt eher die Frage, wieviel Verbindlichkeit dem Gremium zugesprochen wird. „Länder wie Brasilien", so Tilch, „hätten es lieber unverbindlich." Wohin der starrsinnige Blick auf nationalstaatliche Interessen führt, wurde im letzten Jahr beim Kopenhagener Klimagipfel einmal mehr deutlich. Doch auch das Thema Biodiversität ist nicht neu, und auch hier wurden Ziele verfehlt, auch hier ist kein wirkliches Vorankommen zu beobachten. Auf dem „World Summit on Sustainable Developement" 2002 in Johannesburg hatten die CBD-Staaten das Jahr 2010 als Zielmarke für eine deutliche Verminderung des Verlusts biologischer Vielfalt festgelegt. „Doch der Schwund der Artenvielfalt geht unvermindert weiter", lautet nun das ernüchternde Fazit seitens Nefo. Dieses Fazit wird im Mai im „Global Biodiversity Outlook 3" offiziell werden, untermauert von einem Bericht, der es belegt, beispielsweise anhand von Indikatoren wie den Fangmengen in der Fischerei.

Verheerende Vernachlässigung
Im Oktober steht die nächste CBD-Vertragsstaatenkonferenz an, die COP10 in Japan. Im Vorfeld wollen Forscher aus aller Welt bei der Trondheimkonferenz (1. bis 5. Februar) neue Wege zum weiteren Vorgehen aufzeigen. „Um Erkenntnisse aus der Wissenschaft besser umzusetzen, müssen Forschung und Politik besser zusammenarbeiten", fordert Nefo in einer Pressemitteilung. Das ist nett formuliert, denn bislang arbeitet vor allem die Forschung, während die Politik entweder kaum oder dagegen arbeitet. „Das größte Defizit in der Biodiversitätspolitik sehe ich in ihrer Vernachlässigung", formuliert die Nachhaltigkeitswissenschaftlerin Susanne Stoll-Kleemann, ebenfalls Nefo-Mitgied, das eigentliche Problem. Ändert sich an dieser Vernachlässigung in den kommenden Jahren nichts, wird man sich irgendwann nicht mehr darum sorgen müssen, ein Vogel könne den weltgrößten Teilchenbeschleuniger kurzschließen. Dann werden die Menschen ganz andere Sorgen haben.


Text: Ingo Bartsch, Bild: Kim Sasse