Schreiende Ungerechtigkeit
Mit „Michael Kohlhaas“ nach der Novelle Heinrich von Kleists inszeniert Regisseurin Konstanze Lauterbach ein so schwieriges wie aktuelles Thema. Die Umsetzung der Geschichte über Gerechtigkeit am Staatstheater Wiesbaden ist gelungen. 
„Es tut uns leid,
dass wir Ihnen in Ihrer Sache einen abschlägigen Bescheid geben müssen, jedoch
hat ein Formfehler nach Aktenlage ergeben, dass ..." so kann der Beginn eines
Schreibens lauten, das den Einspruch gegen einen Steuerbescheid hinfällig
werden lässt oder die Verurteilung eines Kindermörders unmöglich macht.
Formaljuristisch zwar einwandfrei empört sich allerdings das individuelle
Rechtsempfinden in solchen Fällen aus tiefstem Bauch heraus. Heinrich von
Kleist erzählt mit seiner Novelle „Michael Kohlhaas" Anfang des 19. Jahrhundert
von diesem ewigen Konflikt zwischen Staatsräson und Bürgern. Wer allerdings
schon einmal die „dergestalt, daß"-Schachtelsätze - gerne auch mal länger als
eine Buchseite - des von Kleist gelesen hat, hat nicht immer der spannenden
Essenz der Geschichte bis zum Ende
folgen wollen oder können. Die Aufgabe für Lauterbach, aus Kleists
verschwurbeltem Sprachduktus eine moderne und verständliche Bühnenadaption zu
erschaffen, ist also neben der schauspielerischen Darstellung eine besondere
Herausforderung an die sprachlichen Fähigkeiten der studierten Germanistin.
Die Kulisse Mit einem überschaubar arrangierten Bühnenbild gelingt es Lauterbach,
die Wesentlichkeit des gesprochenen Wortes zu bewahren, ohne das Schauspiel zu
sehr zu verkopfen. Klare Formen und geometrisch in der Familie der Rechtecke
verbleibende Kulissenelemente verdeutlichen die Positionen der Protagonisten.
Der präsente Hauptdarsteller Michael Günter wird im ersten Bild sehr schnell
von den starken Darstellern Doreen Nixdorf als seine Frau und Jörg Zirnstein
als Herse, seinem Knecht, eingebettet. Die Geschichte trägt sich sofort über
den Inhalt und lässt dadurch den verhältnismäßig harten Schnitt bei
Bild-Eintritt des Clans rund um den adligen Tronka in den Hintergrund treten.
Dynamisch, verständlich und vom Ensemble glaubwürdig gespielt nimmt die
Handlung ihren Lauf.
Die Geschichte Der brandenburgische Kohlhaas, Rosshändler von Beruf, wird
beim Grenzübertritt nach Sachsen Opfer politischer Willkür. Der junge, adlige
Tronka verlangt von Kohlhaas zwei Rappen als Pfand für die spätere Vorlage des
vorgeblich benötigten Passscheins. Wenig später kehrt sein Knecht Herse
verprügelt und der Pferde entledigt zu Kohlhaas zurück. Dieser glaubt an die
Gerechtigkeit der Gesetzgebung seines Landes und will auf amtlichem Wege
Genugtuung erreichen. Nach mehreren advokatischen Winkelzügen will seine Frau
persönlich beim Herrscher des Landes vorsprechen und wird von den Schergen
getötet. Daraufhin versetzt Kohlhaas Haus und Hof und beginnt, seinen Anspruch
lauthals einzufordern. Mehr und mehr Menschen schließen sich der „gerechten
Sache" an und lassen Kohlhaas zu einem Politikum werden. So wird er zum
Spielball politischer Interessen und trotz seiner standhaften Beteuerung, nur
seinen erlittenen Schaden ausgeglichen haben zu wollen, endet seine Odyssee in
der Hinrichtung.
Das Fazit „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht",
sagt Ulrike Meinhof, bevor sie die Grenze konstruktiver Kritik in Richtung
zerstörerischem Populismus überschreitet. Wie schnell diese Grenze verschwimmt,
ist bei Kohlhaas exemplarisch zu beobachten. Lauterbach gelingt es, mit der
sehr detaillierten und konsequenten Entwicklung der Charaktere genau diese
Frage aufzuwerfen. Ihre Interpretation lässt dem Betrachter die Freiheit, nicht
zwischen Gut oder Böse wählen zu wollen oder zu müssen. Vielmehr schafft es das
Stück anhand der wechselnden Identifikationsfähigkeit des Zuschauers mit den
verschiedenen Figuren und Funktionsträgern, den Absolutismus einer Meinung ad
absurdum zu stellen.
Text: Stephan Kraatz,
Bild: Martin Kaufhold, Staatstheater Wiesbaden

Michael Kohlhaas
Staatstheater Wiesbaden
Kleines Haus
12. und 25. Februar, 5. und 20. März
Jeweils 19.30 Uhr
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