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Nüchtern auf dem Umzug

Ach, ich armer Wiwi, mir ist die Fastnachtsfeierei missgönnt. Ich verkleide mich nicht, ich lerne. Doch heute, am Rosenmontag, gestatte ich meinem gemarterten Hirn eine kleine Auszeit und schau' mir den Umzug an.

Ich bin der Abschaum der Straße, denn ich trage weder Perücke noch Bunny-Body oder Augenklappe und flüchte vor verklärten Konfettiblicken hinter den Zaun zu den weißen Zelten mit der Aufschrift ,,Deutsches Rotes Kreuz'' zu vielen netten Sanitätern, die sich auch nicht hemmungslos betrinken dürfen. Sie tragen zwar eine Art Verkleidung und beäugen mich misstrauisch, aber nicht weil ich nicht versuche, Lady Gaga oder eine Spielkarte zu imitieren, sondern weil ich mich, nüchtern wie ich bin, sicheren Schrittes fortbewege. Zwei Helfer stützen einen desillusionierten Clown. Es ist 15 Uhr 30 und der Umzug bald vorbei. ,,Offiziell haben wir um 23 Uhr Feierabend, aber es wird schon immer später.'', sagt der nette Sanitäter, der gerade ein Telefongespräch führt. Er fragt das Jugendamt, ob er einen betrunkenen Sechzehnjährigen entlassen darf, der gehen will, laut fachlicher Meinung aber nicht kann. Er darf. Begründung: Mit 16 sollte man in der Lage sein, seine körperliche Verfassung richtig einzuschätzen.

Ist viel zu tun? ,, Heute morgen dachte ich noch, es ist wenig los, aber das Niveau vom letzten Jahr ist mittlerweile doch erreicht worden'', antwortet Christian Richter, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des DRK Mainz-Bingen. Vielleicht liegt's auch an der klirrenden Kälte. Wer länger im warmen Bett verharrt, trinkt dafür später mehr.

Welche Narren nehmen denn die Hilfsbereitschaft der Ehrenämtler in Anspruch? Kommen auch mal Senioren angelallt? ,,Klar, gibt's auch'', sagt Richter, ,,aber hauptsächlich sind das schon die 16- bis 20-Jährigen.'' Die Jugend von heute? Ja allerdings, aber früher war's anscheinend schlimmer. ,,Damals, vor meiner Zeit, mussten wohl ganze Turnhallen als Ausnüchterungsstationen zur Verfügung gestellt werden. Heute stellt die Uniklinik Raum für 20 Personen. Das sind aber auch wirklich die, die vor Ort in den Zelten nicht ausgenüchtert werden können. Insgesamt sind diese Exzesse stark zurück gegangen.''

Später am Abend erfahre ich, dass bisher 320 Trinkfreudige versorgt wurden, 70 von ihnen kamen geradewegs ins Krankenhaus. Ich erschrak ob solcher Fakten, doch diese Zahl erscheine gering im Vergleich zu den 183 Krankenhausfällen im letzten Jahr, sagt Mathias Hirsch, organisatorischer Leiter der Rettungseinsätze. Zwar seien ,,dieses Jahr durchschnittlich weniger Versorgungen vonnöten, dafür aber bei mehr Schweralkoholisierten''. Aber der Abend ist ja noch jung. Ohne Zelte und Ausnüchterungsstationen würde wohl die Fassenacht einige Alkoholleichen hinterlassen. Sieben DRK-Lager okkupieren ein Drittel der Zugstrecke, besetzt mit 120 Sanitätern und 20 Rettungsfahrzeugen. Also kann der Alkohol fließen, bis er in den frühen Morgenstunden versiegt, es betrinke sich wer kann und wer es übertreibt, wird gerettet! Er lasse sich zum Zelt hieven und wenn er die Karussellfahrt im Kopf übersteht, mache er Platz für den Nächsten. Erholt er sich aber nicht, wird er zur Ausnüchterung verfrachtet. Hier päppelt ihn einer der 25 Helferlein des Roten Kreuzes wieder auf.

Findet sich überall nur feuchtfröhliches Glück oder fordern Alkohol und Menschenansammlung auch aggressive Gemüter heraus, will ich zur Nachmittagszeit wissen. ,,Es gibt schon Schlägereien, aber meistens erst abends. Die Polizei hat bisher von einer Schlägerei berichtet, aber es geht doch relativ ruhig zu, was das betrifft.''

Wie schön, dass die Meenzer ein friedfertiges Volk sind. So behält man die Rosenmontage doch in guter, wenn auch etwas  verschwommener Erinnerung. Einmal kann ich auf die Feierei verzichten, denn es muss ja auch zurechnungsfähige Beobachter geben. Vor allem aber Helfer.

Text: Marie Cornell Zender