Unersättlich
Am 13. Februar stand im Staatstheater Darmstadt eine Doppelpremiere an – Ben Jonson versus William Shakespeare, Volpone gegen Timon von Athen. Spätrömisch dekadent verzichteten wir auf Shakespeare. 
Ursprünglich aus rein logistischen Gründen zwar,
letztendlich hatte man nach Jonsons ‚Volpone' aber fürs Erste genug von
elisabethanischer Theaterkunst. Die Story fehlte, Spannung gab es keine,
Abwechslung schon gar nicht. Und auch die Pointen verfehlten größtenteils ihr
Ziel.
Aber der Reihe nach. Ben Jonson und Freund und Widersacher
Bill Shakespeare veröffentlichten Anfang des 17. Jahrhunderts fast zeitgleich
ihre Stücke Volpone und Timon von Athen, die beide von der Gier
nach Geld erzählen. In Darmstadt lassen sie sich im Kleinen Haus nacheinander
an einem Abend begutachten, inszeniert vom gleichen Regisseur, gespielt vom
gleichen Ensemble. Und ‚Volpone' lässt sich beim Thema Habgier wahrlich nicht
lumpen. Genauer gesagt gibt es nicht eine Szene, nicht mal einen Augenblick, in
dem sie nicht voll gegenwärtig wäre und altenglisch ironisch verteufelt würde.
Das jedoch wird ziemlich schnell ziemlich langweilig.
In Venedig zur Zeit der Renaissance versucht der reiche
Geschäftsmann und Titelheld Volpone den idealen Alleinerben für sein Vermögen
zu finden. Da er nicht dem lästigen Umstand einer eigenen Familie ausgesetzt
ist, kann er die Weitergabe seiner Reichtümer von ganz eigenen Kriterien
abhängig machen. Und so stellt er sich todkrank und lässt mit Hilfe seines
Assistenten Mosca seine ebenfalls reichen Freunde nacheinander aufmarschieren -
aber nicht um einen Erben auszumachen, sondern um seinen erbschleichenden
Freunden Bestechungsgeschenke abzuluchsen.
Ins Deutsche übertragen wurde die Komödie erst 1926 von
Stefan Zweig. Obwohl seine Bearbeitung sehr frei ist und viel des
Schriftstellers Zweig selbst in die deutsche Fassung einfloss, ist die Herkunft
des Stücks nicht zu übersehen. Regisseur Michael Helle gelang es leider nicht,
das große ironische Potential auszuschöpfen und kritische Spitzen treffsicher
und subtil zu setzen. Stattdessen gibt es viel Haudrauf-Humor und völlig
einseitige Charaktere.
Volpones drei Freunde sind drei verschiedene Gesichter ein
und des selben Typus: reich und doch nicht reich genug. Der eine setzt seinen
Sohn Leone als Erben aus und Volpone ein, der andere überlässt dem angeblich
Sterbenden seine Frau Colomba für eine Nacht, einzig um Volpones Vermögen zu
ergattern. Im Grunde ist das ganze Stück eine einzige Aneinanderreihung von
Versuchen, durch plumpes Intrigieren und Lügen anderen ihr Geld aus dem Kreuz
zu leiern. Selbst der junge Mosca, der den anständigen, Einsicht gewinnenden
Typen verkörpern soll, ist auch nur „wegen des Feierns und der Frauen" zu
Volpone gekommen.
Ganz am Rande einer Szene reibt sich Mosca die Hände mit
Desinfektionsmittel ein, und berührt daraufhin kurz mit der Fingerspitze seine
Zunge - um die vielen daraufliegenden Lügen, die sein Herr ihm vorgesagt hat,
wegzuwischen, abzutöten. Der Zuschauer wünscht sich sehnlichst mehr solcher
Einfälle, bekommt sonst aber nur einen fetzigen Song hingeschmettert, der als
Türklingel fungiert und zu dem die Darsteller spontan zu tanzen beginnen. Das
wirkt wie ein sehr hölzerner und verzweifelter Versuch, etwas Pfiff in die
festgefahrene Handlung zu bringen.
Einzig ein Gerichtsverfahren etwa zur Mitte der Aufführung
sorgt noch für ein klein wenig Zerstreuung. Der Richter erscheint durch einen
Zuschauereingang und nimmt in der ersten Reihe zwischen den Gästen Platz. Das
Verfahren selbst aber ist hauptsächlich eine Zusammenfassung des bisher
Geschehenen und recht langweilig. Bis am Ende Leone, der junge Mann, der
zugunsten Volpones enterbt wurde, abgeführt wird. Er hatte den Prozess
initiiert, weil er Volpone beim Versuch erwischt hat, Colomba zu vergewaltigen.
Alle anderen Protagonisten verbünden sich gegen ihn, woraufhin Leone, als er
weggebracht wird, eine Wahrheit herausbrüllt, die schon im alten Rom genauso
galt wie heute: Ist die monetäre Elite korrumpiert, dann ist es auch der Staat.
Ein heldenhafter Abgang, würde Leone nicht kurz vor Schluss noch einmal völlig
unnötigerweise mit einer Pistole bewaffnet zurückkehren, um sein Recht
einzufordern. Auf ihn wird eingeredet, er wird beruhigt, und er zieht
schließlich wieder von dannen, ohne dass sein Auftritt auch nur auf irgendwen
irgendeine Wirkung hinterlassen hätte.
Leider fühlte sich Michael Helle offenbar auch nicht dafür
verantwortlich, die beiden Frauenrollen, die sowieso schon weit in der
Unterzahl sind, ein bisschen weniger stereotyp zu gestalten: Da gibt es die
opportunistische Hure, die sich an jeden schmeißt, bei dem sie Geld vermutet,
und das liebe Naivchen, das sich schon mal von ihrem Mann verkaufen lässt.
Das Ensemble zumindest spielte die Premiere sehr ordentlich,
und bekam auch verdienten Applaus. Einige Buh-Rufe waren nur zu hören, als die
Regie auf die Bühne trat.
Shakespeares Tragödie ‚Timon von Athen', vergleichsweise
unbekannt und selten aufgeführt, beginnt etwa 45 Minuten nach dem Ende von
‚Volpone' im Kleinen Haus. Sie dreht sich um einen wohlhabenden, großzügigen
Athener, der, als er selbst einmal Geld benötigt, erkennen muss, dass die
meisten Menschen weniger solidarisch und uneigennützig sind als er selbst, und
wird fortan zum zynischen Misanthropen und Feind der Athener Zivilisation.
Schon vor Beginn der Aufführung meinte die junge Dame am
Pressetisch, unsere Wahl für Volpone und gegen Shakespeare sei eher
unglücklich. Das wunderschöne Theater in Darmstadt jedenfalls ist es allemal
wert, dieser Aussage auf den Grund zu gehen.
weitere Termine: 12.3. und 28.3.2010 im Staatstheater
Darmstadt, Kleines Haus
Text: Lars Reusch, Fotos: Barbara Aumüller
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