Auf die Kunst gekommen
Museen sind oft wie Kathedralen: heilige Hallen, in denen man nichts anfassen und nicht mal husten darf. Besucher erstarren aus Ehrfurcht vor Kunstwerken. Langweilig? Die „Jungen Freunde der Kunst“ aus Wiesbaden sehen da Handlungsbedarf. 
von Judith Drokur // Bundesweit gibt es sie etwa zwanzig Mal, die Jungen Freunde, und alle verfolgen dasselbe Ziel: Kunstvermittlung für Menschen von 18 bis 30 Jahren. „Weil denen bisher eine Plattform fehlte", erklärt Lukas Picard, der gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr im Museum Wiesbaden absolviert. Seine Aufgabe ist es, die Treffen der Freunde zu organisieren, die einmal im Monat stattfinden. „Es gab zwar viele Angebote speziell für Kinder, aber kaum für junge Erwachsene, die Spaß daran haben, sich aktiv mit Kunst auseinander- zusetzen." Das hat sich in Hessens Landeshauptstadt vor drei Jahren, mit der Gründung der Jungen Freunde als Arbeitsgruppe des Vereins „Freunde der Kunst im Museum Wiesbaden e.V." geändert: Atelierbesuche bei Künstlern und anschließend die Nacht zerreden, über das Leben und die Kunst. Stadtspaziergänge, um Wiesbaden mit anderen Augen zu sehen. Filmvorführungen im Caligari wie „Das Mädchen mit dem Perlenohrring" passend zu einer Vermeer-Ausstellung. Und die Klassiker: Führungen durchs Museum, geleitet von ambitionierten, kunstallwissenden und vor allem kunstliebenden Museumsmitarbeitern wie Dr. Peter Forster. Bei der Konzeption seines kreativen Programms legt FSJ-ler Lukas Wert darauf, den Teilnehmern der Veranstaltungen einen tiefgehenden Zugang zur Kunst zu ermöglichen, wofür inhaltlich und thematisch auch mal etwas weiter ausgeholt werden darf. Weil Kunst nicht nur Malerei ist, wird ein Blick über den Tellerrand versucht. Das Programm 2009/2010 spannt einen breiten Bogen von „ars viva" über immer aktuelle Themen wie den Mauerfall bis hin zur „arte povera". Und es bietet sich immer auch die Möglichkeit, ungezwungen und vielleicht unwissend, unbedarft-offen und gern subjektiv mit Gleichaltrigen über das Gesehene zu diskutieren. „Auf unsere eigene Art eben", sagt Lukas. Dabei ist es gar nicht wichtig, Ahnung von Kunst zu haben, denn was man noch nicht kennt, kann man für sich ganz neu entdecken. Die Teilnahme an den Veranstaltungen der Jungen Freunde ist übrigens grundsätzlich kostenlos.
Macht den Museumsbesuch besonders Das Museum in Wiesbaden sei wie ein Geheimtipp, groß und versteckt stünde es da und niemand wisse davon, sagt eine Kunstinteressierte beim Treffen der Jungen Freunde. So richtig zu verstehen ist das nicht, und der Bekanntheitsgrad des Museums sollte sich am besten schleunigst verdreifachen, denn durch die altehrwürdigen Hallen in der Friedrich-Ebert-Allee weht ein frischer Wind. Die weitläufig-hellen Ausstellungsräume sind nicht wie in anderen Einrichtungen didaktisch aufgebaut und nach kunstgeschichtlichen Epochen geordnet. Vielmehr werden entlang der Sammlungsschwerpunkte Entwicklungen nachvollzogen und künstlerische Positionen vorgestellt. „Diese wiederum werden zueinander in Beziehung gesetzt, wodurch ihre Verbindungen und Unterschiede deutlich werden", so Lukas. Besonders beeindruckend findet er „die poetisch-philosophischen Maschinen von Rebecca Horn, die raumgreifenden Installationen von Ilya Kabakov und Jochen Gerz oder die Arbeiten der Minimal-Art, die mit unseren gewohnten Wahrnehmungsmustern von Kunst spielen und auch mal mit ihnen brechen." Das Museum Wiesbaden ist eine kleine Welt für sich und es lohnt sich, einen Blick hineinzuwerfen. Unter einem Dach vereint sind die verschiedenen Kunstabteilungen sowie Restauratoren, Grafiker, Techniker, Ordnungspersonal - und sogar einen eigenen Präparator für die naturwissenschaftliche Sammlung gibt es. Und wenn man einmal auf die Kunst gekommen ist, will man immer wiederkommen. Hingehen und in Lieblingsfarben, Installationen, Geräuschen, Bewegungen versinken.
Die nächste Veranstaltung der Jungen Freunde findet am 27. März um 19.30 Uhr statt. Geplant ist ein Rundgang auf der „Kurzen Nacht der Galerien und Museen" in Wiesbaden. Treffpunkt ist am Museum. Wie immer können alle Interessierten teilnehmen, ob Mitglied oder nicht. Eine Vereinsmitgliedschaft, für einen ermäßigten Beitrag von 20 Euro zu haben, bietet ungeahnte Vorteile. Alle Infos zu Verein und Programm gibt es unter www.museum-wiesbaden.de und www.freunde-museum-wiesbaden.de.
Museum Wiesbaden Friedrich-Ebert-Allee 2 65185 Wiesbaden

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