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Von innen durchleuchtet

„Die Nibelungen“ – das zweiteilige Stummfilmepos von Fritz Lang wird im März in Frankfurt aufgeführt. Live dazu spielt das hr-Sinfonieorchester die original Begleitmusik des Komponisten Gottfried Huppertz.

von Tabea Müller  //  Es ist der 14. Februar im Jahr 1924. Vor dem Berliner Filmtheater im Ufa-Palast, dem größten Kino Deutschlands, versammelt sich in der frühen Dämmerung das Publikum zur Premiere des Stummfilms „Die Nibelungen". Man darf gespannt sein, wie der altdeutsche, monumentale Sagenstoff nach zwei Jahren Arbeit und mithilfe von acht Millionen Reichsmark auf die Leinwand gebannt wird. Die erste Filmrolle wird eingespannt, das Licht geht aus, das Orchester beginnt zu spielen. Nicht dabei ist der Regisseur Fritz Lang. Fieberhaft arbeitet dieser im Filmstudio Babelsberg an den letzten Änderungen seines Films. Jede gerade fertiggestellte Filmrolle wird in wilder Aufregung von einer Polizeieskorte zum Kino gefahren, um dort rechtzeitig abgespielt werden zu können. Der Dirigent Ernö Rapée erlebt an diesem Abend die härtesten Stunden seines Lebens. Die Patitur des Komponisten Gottfried Huppertz enthält zwar über 1.000 Synchronangaben, jeder Stimmungswechsel, jeder Tempoübergang ist dort genauestens notiert. Zu dem neuen Filmmaterial aber, das hinter ihm und seinem sechzig Mann starken Orchester nun plötzlich abgespielt wird, passt kaum eine der Angaben mehr. Man braucht wohl nicht zu erwähnen, dass die Premiere der „Nibelungen" eine ziemliche Katastrophe wurde.

Groß, klar und stark
Beim nächsten Film, den der Komponist Gottfried Huppertz mit Fritz Lang zusammen entwickelte, wartete er nicht erst auf das fertig geschnittene Filmmaterial, sondern setzte sich, wie Fotos belegen, an ein Klavier direkt am Set von „Metropolis". Während die Schauspieler teilweise noch improvisieren mussten, entwickelte Huppertz dort parallel zu den Dreharbeiten die Grundmuster für seine Musik. Als „groß, klar und stark" wurde die so entstandene Filmmusik später beschrieben. Die Kritiken fielen derart gut aus, dass man sich entschloss, zum ersten Mal in der Filmgeschichte Aufnahmen der Filmmusik getrennt vom Film auf Schellackplatten zu verkaufen.

Am 11. März 1887 in Köln geboren, legte sich Gottfried Huppertz nach seinem Musikstudium zunächst auf keinen bestimmten Beruf fest. Zum einen arbeitete er als Opernsänger und Theaterschauspieler, zum anderen begann er früh, Lieder und sogenannte Theatermusik zu komponieren. In Berlin lernte er Fritz Lang kennen, mit dem er fast jede Nacht durch die wilde Kulturszene der Zwanzigerjahre in Berlin streifte.

Eine musikalische Parallelhandlung
Für „Die Nibelungen" schrieb Huppertz eine spätromantische, bewusst schwerblütige Musik, die sich an der Beschaffenheit der Werke Richard Wagners orientiert. Jede Person, ja jeder Gegenstand von Bedeutung erhält von ihm ein Motiv, das fortan immer dann zu hören ist, wenn derjenige auf der Leinwand zu sehen ist - oder wenn man an ihn denken soll. Durch akustische Anspielungen ruft er beim Zuschauer in bestimmten Szenen gar Erinnerungen an etwas völlig Unabhängiges wach. Es entsteht eine musikalische Parallelhandlung. Auf einer unbewussten Ebene können so die Empfindungen des Zuschauers mitgelenkt werden. Huppertz' Musik ist exakt auf die Handlung im Film hin komponiert, sie scheint sie von innen zu durchleuchten.

...bald in Frankfurt
Frank Strobel ist Leiter der Europäischen Film-Philharmonie in Berlin. Unter seiner Leitung werden „Die Nibelungen" am 12. und 13. März im Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt aufgeführt. „Diese Musik kann viel mehr als illustrieren", erläutert er, „sie erzählt die Handlung mit. Beim Dirigieren spüre ich: Der Film ist mein Partner."
Filmmusik muss sich zwar immer dem Diktat der Bilder unterwerfen, sie genießt dafür aber immer auch mehr klangliche Freiheiten als absolute Musik. Dieses schöpferische Privileg macht das Werk von Komponisten wie Gottfried Huppertz so außergewöhnlich hörenswert.

Fritz Lang: Die Nibelungen (1922/24)
12. März 2010 - Teil 1: Siegfried
13. März 2010 - Teil 2: Kriemhilds Rache
Dirigent: Frank Strobel
Sendesaal des Hessischen Rundfunks
Bertramstraße 8
60320 Frankfurt