Mehr als gewohnt
Unter dem Titel „Mehr als gewohnt“ lud das Mainzer Büro der Friedrich-Ebert Stiftung am 25. Februar zu einem Vortrag über Prävention und Gesundheitsförderung in der Kommune ein. 
von Fabian Scheuermann
(26.2.) // Sie sind fett, sprach- und verhaltensgestört - Kinder aus sozial
schwachem Umfeld. Platte Vorurteile wie diese sind diskriminierend, doch
erschreckenderweise belegen mittlerweile bereits mehrere Studien einen realen
Zusammenhang zwischen zum Beispiel Armut und Sprachstörungen oder Armut und
Fettleibigkeit. Klar, auch reiche Eltern können dicke Kinder haben, genauso wie
gesunde Kinder auch aus ärmlichen Verhältnissen kommen können. Doch ist es
leider tatsächlich so, dass sozioökonomische Parameter wie Einkommen,
beruflicher Status oder Bildung in engem Zusammenhang mit Gesundheitszustand
und -verhalten stehen. Was hierbei allerdings oft nicht beachtet wird, sind die
gesundheitlich belastenden Lebensbedingungen, denen ärmere Familien oft
ausgesetzt sind.
Senfgelb verschimmelt
Genau diesen räumlich bedingten Lebensbedingungen und deren
Einfluss auf die Gesundheit nahm sich
nun zur Veranstaltung „Mehr als gewohnt" der Friedrich Ebert-Stiftung Frau Dr.
Bettina Reinemann vom Deutschen Institut für Urbanistik an. Denn wo leben denn
die meisten der sozial benachteiligten Familien? Die ehemalige Mainzer
Sozialbau-Wohnsiedlung an der Zwerchallee illustriert das Problem geradezu
lehrbuchartig. Eingezwängt zwischen Umweltbelastung (große, stark befahrene
Straßen), Lärmbelastung (Bahnstrecken in direkter Nachbarschaft) und ohne
Sport- oder Erholungsmöglichkeiten im direkten Einzugsgebiet, wurden die
senfgelben Blöcke vor allem von sozial schwachen Gruppen wie Arbeitslosen und Migranten
bewohnt. Wohngebiete in der nördlichen Neustadt oder auch am euphemistisch
betitelten „Sonnigen Hang" in Mainz-Marienborn finden sich in einer ähnlichen
Situation wieder. Zu guter Letzt kann man hinter den Wänden vieler dort
befindlicher Behausungen auch noch Asbest oder Schimmel vermuten. In einem
Draiser Nebensträßchen hat man diesen Eindruck nicht. Entgegen gängiger
Vorurteile sind die gesundheitlichen Bedingungen ärmerer Familien also
keineswegs stets selbstverschuldet.
Einige Schritte
voraus
Wenn man sich diese Tatsachen betrachtet, drängt es sich
einem geradezu auf: Hier muss etwas geschehen. Zwar ist gesundheitliche
Förderung auch in den bundesweiten Stadtteilentwicklungsprogrammen der
„Sozialen Stadt" vorgesehen, doch rangiert diese hier an eher nachrangiger
Stelle. Von den 523 vom Programm geförderten Stadtteilen, können nur ungefähr
zwanzig Prozent eine gesundheitliche Förderung vorzeigen. Städte und Gemeinden
stehen hier also in der Pflicht. Doch was
können diese für die Gesundheit ihrer sozial benachteiligten Bürger tun? Was
diese Fragestellung angeht, ist die Stadt Mainz der bundesweiten Diskussion
bereits einige Schritte voraus. Neben Trier-Nord kann die Mainzer Neustadt als
eines von bundesweit wenigen Stadtquartieren Gesundheitsteams vor Ort
aufweisen. Dr. Bettina Reinemann beschreibt dieses auf Initiative des Landes
Rheinland-Pfalz ins Leben gerufene Projekt der Gesundheitsteams als
„einzigartig".
Doch nicht alle Städte können mit solch einer Rückendeckung
ihrer Landesregierung rechnen. In der bayerischen Stadt Fürth zum Beispiel,
welche im Rahmen einer Untersuchung des Institutes für Urbanistik evaluiert
wurde, war gesundheitliche Vorsorge auf Stadtteilebene komplettes Neuland.
Zudem ist ein großes Problem der kommunalen
Gesundheitsförderung stets die Finanzierung. Denn Krankenkassen sind zwar
vielleicht für prestigeträchtige Leuchtturmprojekte zu gewinnen, doch längerfristig
wollen sie sich nicht an finanzielle Verpflichtungen auf Quartiersebene binden.
Und hier liegt nicht nur das Problem der kommunalen
Gesundheitsförderung in speziellen Stadtgebieten, sondern auch der
Veranstaltung „Mehr als gewohnt". Denn so wichtig es auch ist, auf das fehlende
Engagement der meisten Gemeinden hinzuweisen, so wünschenswert wären hier auch
realistische Lösungsvorschläge. Ganz klar wurde zwar festgestellt, dass man
etwa viele Zuständigkeiten auf Quartiersebene belassen, auf vorhandene
Strukturen zugreifen und auf jeden Fall eine Koordinierungsstelle einrichten
solle. Doch konkret wurde es erst in der anschließenden Diskussion. Müsste man
nicht alle Krankenkassen an einen Tisch bringen, um gemeinsame
Handlungsspielräume zu evaluieren? Und wie kann man einmal in Gang gesetzte
Prozesse verstetigen?
Auf die Agenda!
Leider konnte solch konkreten Fragen meist nur die immer
gleichen Antworten entgegengesetzt werden: Die Finanzierung ist schwierig, die
Krankenkassen schwer einzubinden und eine Beurteilung von Erfolgen einzelner
Projekte schwer nachzumessen. Werden übergewichtige Kinder automatisch dünner, nur
weil man ihnen einen neuen Spielplatz vor die Nase setzt? Nach Besuch der
Veranstaltung „Mehr als gewohnt" bleibt ein flaues Gefühl, denn ein großer
Graben zwischen Theorie und
Anwendbarkeit tut sich auf. Doch zweifelsohne ist es wichtig, das Thema der
Prävention und Gesundheitsförderung auf der Agenda lokalpolitischer Debatten zu
etablieren. Die Veranstaltung war hier
ein Anfang.
Bild: www.pixelio.de, femek
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