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"Die Politik hat nicht zu entscheiden, was Kunst ist"
Die Bopparder Künstlerin Uta Grün prangert in einem offenen Brief die rheinland-pfälzische Kulturpolitik an. Da die Messe „Kunst direkt" eine der seltenen Anlässe ist, dass rheinland-pfälzische Kunst in der Presse beachtet, nein, - das ist zu optimistisch - erwähnt wird, will ich die Gelegenheit nutzen und auf einige Eigenheiten, um nicht zu sagen Ungereimtheiten der Kulturpolitik dieses Landes aufmerksam zu machen, die in ihrer Häufung ausgesprochen schädigende Auswirkungen auf die hiesige Kunstszene haben. Die Künstlermesse löste 1993 die Landeskunstausstellung ab.
Ich persönlich stehe dieser Messe nicht negativ gegenüber, gebe aber zu bedenken, dass hier eine Spitzenförderung durch eine Breitenförderung ersetzt wurde. Was viele nicht wissen: die Teilnahme an dieser Messe (Stand, Beleuchtung, Transport, Übernachtungen ...) kostet einen Künstler im Durchschnitt ein Monatseinkommen. Umso ärgerlicher ist für die ausstellenden Künstler, dass keine messeübliche Preview stattfindet, Künstler also keine Möglichkeit haben, auch nur einen ihrer Galeristen oder Sammler zu den exklusiven Eröffnungsveranstaltungen einzuladen. Stattdessen führt die Referentin für Bildende Kunst Gäste von ZIRP („Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz"), eine finanziell hochpotente Vereinigung von Vertretern aus Wirtschaft und Politik, über die Messe. Sie können sich vorstellen, wie begeistert die Künstler sind, wenn der Tross, vorneweg unsere „Landesgaleristin", an den Ständen vorbeirauscht, zielsicher bei einzelnen Auserwählten einparkt und dort die umsatzträchtigen Verkaufsgespräche geführt werden.
Eine vom BBK (Berufsverband Bildender Künstler) angestrebte Podiumsdiskussion, vorzugsweise unter Leitung des SWR, wurde seitens des Ministeriums als nicht praktikabel zurückgewiesen. Dennoch lässt das Kultusministerium in der Folge zwei Podiumsgespräche organisieren, eines von ZIRP, das andere von der Leiterin des „ministeriumseigenen" Mentoring-Projekts für Bildende Künstlerinnen. Dazu ist zu bemerken: der BBK ist der ideelle Träger der Messe! Entsprechend autoritär ist das Vorgehen in Bezug auf die Förderkojen, eine vom BBK angeregte Neuerung der Messe 2010. Ein Galerist aus Frankfurt (so eine Herkunft gilt was in der Provinz!) wird von der besagten Referentin beauftragt, geeignete Künstler zu finden; keine Ausschreibung, keine Bewerbungsmöglichkeit, keine Jury, keine Einbeziehung des BBK.
Zur nächsten Merkwürdigkeit: Das Mentoring-Projekt für Künstlerinnen inszeniert sich zu einem Schwerpunkt der Messe und veranstaltet dort neben oben erwähnter Gesprächsrunde einen kostenpflichtigen! Workshop. Abgesehen von der unbefriedigenden Tatsache, dass männliche Mentees nicht vorgesehen sind, ist es eigentlich nicht hinnehmbar, dass inzwischen überwiegend Mentees, die nicht in Rheinland-Pfalz wohnen und arbeiten, auf Landeskosten derart umsorgt werden. Die Balmoral-Stipendien können jedoch eine noch weit beeindruckendere Bilanz vorweisen: nur 1 Stipendiat von den 42 der letzten 3 Jahre ist ein Künstler, der in diesem Land tätig ist und nicht nur hier geboren ist oder mal ein paar Jahre gelebt hat. Rechnet man die Edenkoben-Stipendien dazu, verschlechtert sich das Zahlenverhältnis nochmals. Übrigens scheint es in Edenkoben Stipendien-Abos zu geben: eine Dame kann schon 4 davon aufweisen!
Die Stipendienhäufelwut treibt noch mehr wunderliche Blüten. So vergibt unsere Stipendienzentrale Schloss Balmoral ein Aufenthaltsstipendium in Schloss Wiepersdorf an eine Künstlerin, während diese in einem anderen Bundesland ein Atelierstipendium genießt; und, rekordverdächtig, verhilft einer Künstlerin zu ihrem 11.! Stipendium. Auch andere Bundesländer vergeben Stipendien auf nationaler und internationaler Ebene (Schloss Solitude, Stuttgart, Villa Concordia, Bamberg) einerseits und für „Landeskinder" andererseits, achten aber darauf, dass dabei die im Lande arbeitenden Künstler neben den Vertretern eines „kreativen Inputs" keine Randerscheinungen sind. So vergibt die Kulturstiftung des Landes Baden-Württemberg deutlich mehr Stipendien an in Baden-Württemberg arbeitende Künstler, als an nur dort geborene, aber inzwischen woanders lebende. Auch Niedersachsen vergibt die Jahres- und New York-Stipendien an Künstler, die im Lande leben und nicht nur biographische Berührungspunkte mit dem Förderland vorweisen können. In Nordrhein-Westfalens ist es selbstverständlich, „das künstlerische Potenzial" der „mehr als 30.000 hier lebenden Künstlerinnen und Künstler zu fördern". Und in Hessen gilt: „Grundsätzliche Voraussetzung für eine Landesförderung in der Bildenden Kunst ist, dass der Lebensmittelpunkt der Künstler in Hessen liegt." Die Künstlerförderung in Rheinland-Pfalz ist dagegen so abwegig gestaltet, dass es für Künstler empfehlenswert ist, auszuwandern - und sie tun es auch! Mit dem Imagegewinn Kölner, Berliner oder Frankfurter Künstler, also ein „überregionaler Künstler", zu sein, lassen sich praktisch alle rheinland-pfälzischen Förderangebote und Ausschreibungen dann besser abgreifen. Grundsätzlich sollte man sich, wenn man über Stipendien redet, immer darüber klar sein, dass diese Art der Förderung nur für Menschen in gewissen Lebenssituationen geeignet ist, für Menschen, die keine familiären oder ernährungsstrategisch notwendigen Verpflichtungen haben bzw. jemanden im Hintergrund, der sie über Monate davon befreit. Es besteht also eine Vorauswahl, die absolut nichts mit künstlerischer Leistung zu tun hat.
Als Begründung für die dürftige Berücksichtigung der im Lande aktiven KünstlerInnen sickert immer wieder das Argument durch, es gäbe hier zuwenig geeignete, also künstlerisch interessante Bewerber für das Mentoring-Projekt, die Landesstipendien oder für eine Messe mit einem höheren Gesamtniveau. Das Problem liegt aber eher darin, dass all diese Projekte für die hiesigen Verhältnisse falsch konzipiert oder einfach zu groß ausgelegt sind. So dürfte zum Beispiel die Messe „Kunst direkt" nicht mehr als 100 Stände (+ die ca. 20 Sonderstände) haben, um einem angemessenen künstlerischen Anspruch zu genügen. Viele Künstler schreckt nicht nur das finanzielle Risiko, sondern auch das Niveau ihrer Mitaussteller.
Es ist nicht so, dass die rheinland-pfälzischen Künstler nicht für die kulturpolitischen Ideen taugen, sondern umgekehrt! Die Kulturpolitik taugt nicht für dieses Land und seine Kunstschaffenden. Keine Bestandsaufnahme, kein Problembewusstsein, kein Konzept! Die Kulturpolitik setzt auf die Unterstützung einzelner meist nicht hier lebender Künstler. Es ist aber nicht Aufgabe der Politik, zu entscheiden, was Kunst ist, sondern Freiräume zu schaffen und Strukturen so zu gestalten, dass die Arbeitsbedingungen für Künstler verbessert werden. Qualität erwächst aus einer lebendigen, reichen Szene. Künstler müssen die Möglichkeiten einer leistungsbezogenen Profilierung haben. Dafür mangelt es aber es an einer Akademie, die sich mit denen anderer Länder messen kann, an privaten und städtischen Galerien, Atelierhäusern, wirklich attraktiven Ausstellungsräumen (nicht Sparkassen- oder Rathausfoyers), außerdem an Foren wie z. B. einer Landeskunstausstellung, an intelligenten Ausschreibungen (nicht Themen wie „Sonne, Sand, Silvaner") und hochkarätigen, natürlich immer mal wechselnden Kuratoren und Juroren.
Die Kunsthalle Mainz umgeht die laut Leitlinien verpflichtende Berücksichtigung regionaler Künstler, indem sie die Balmoral-Stipendiaten und Studenten der Mainzer Akademie zu rheinland-pfälzischen Kunstschaffenden erklärt. Übrigens braucht man für solche Veranstaltungen einen Extrakurator. Die Leiterinnen von Schloss Balmoral bzw. der Kunsthalle bewältigen das nicht.
Auf „landestypische", also etwas gedankenlose Art, haben sich auch Kulturbegeisterte in der Landeszentrale für politische Bildung der Kunst angenommen: sie tappen jedes Jahr ins gleiche Atelier zum gleichen Künstler.
Die Mängelliste ließe sich noch fortführen, wenn man der Frage nachginge: Welche Kunst kommt wie bzw. durch wen auf die Bundesgartenschau 2011 in Koblenz? Auch hier scheint das gleiche unschöne Muster durch.
Ist irgendwo ein Hoffnungsschimmer in Sicht, der optimistisch stimmt?
Auf Nachfrage bekundete unser scheidender Kulturstaatssekretär unter Zeugen, dass kein Konzept für die Entwicklung der Bildenden Kunst in RLP existiert. Noch nicht einmal die übliche Lüge, es wäre etwas in Arbeit oder man hätte zumindest die Problematik erkannt, ist dem Land die Bildende Kunst wert. Berechtigte Frage: Wo bleibt die offizielle Interessensvertretung der Bildenden Künstler, der BBK? Er, oder besser die, die ihn über Jahre dominierten, waren mit der einträglichen Sparte „Kunst am Bau" nahezu voll beschäftigt und wohl auch ganz gut versorgt. Kein „KunstamBau-Gewinnler" wird durch kritische Bemerkungen beim Kultusministerium in Ungnade fallen wollen, schließlich werden dort (zusammen mit dem Finanzministerium) Künstlerlisten für KunstamBau-Wettbewerbe erstellt und auch die Namen für Direktvergaben gehandelt. Für die Direktvergaben auf kommunaler Ebene gilt: seid nett zu Bürgermeistern und Stadträten und stellt euch auf deren Kunstverständnis ein. So wird das Land möbliert mit affirmativer Auftragskunst.
Dies, wie das Stipendienunwesen, kostet beachtliche Summen, deren Effizienz in Hinblick auf die hiesige Kunst- und Künstlerförderung hinterfragt werden müsste. Wo bleiben die kulturpolitischen Einwände der Opposition? Ich befürchte manchmal, es gibt es hier eine parteiübergreifende Einigung auf eine Politik nach der Maßgabe: wenn ich ab und zu ein Glas Milch trinke, schaffe ich mir ja auch keine Kuh an. Falls man mal Künstler braucht, kann man sie temporär importieren - Kultur als Schmuck für die Festtage, nicht als tief verwurzelte Notwendigkeit. Und wo bleiben eigentlich die kritischen Kulturjournalisten? Diese oft wunderlich multikompetenten Leute beschäftigen sich wohl lieber damit, ihre Anmutungen zu Literatur, Theater, Ballett und Bildender Kunst kundzutun - unter erfolgreicher Umgehung kulturpolitischer Fragestellungen.
Wohin es führt, wenn der kritische Diskurs fehlt, lässt sich gut beobachten (wenn man nicht wegschaut). Es werden, gezielt und ungestört, Strukturen mit diktatorischem oder feudalem Charakter (Höflinge inbegriffen) aufgebaut. So entsteht ein Netzwerk, gesponnen über den Köpfen der Betroffenen. Im Zentrum, wo alle Fäden zusammenlaufen, befindet sich ein Schreibtisch, von dem aus, gestützt auf die Verfügungsgewalt über Steuergelder, ein absoluter Kontrollanspruch über die Kunst praktiziert wird, nach Gutdünken letztlich Künstler gemacht oder verhindert werden.
Uta Grün, Verfasserin des offenen Briefes, lebt als freischaffende Künstlerin in Boppard. Sie ist bei der Kunst direkt (12.- 14. März, Rheingoldhalle Mainz) mit einem Stand vertreten. Foto: Heike Stiebel
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