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Georg Büchner – Che Guevara des 19. Jahrhunderts?

Die Galerie „Kemenski & Ich“ ließ für einen Abend Georg Büchner wiederauferstehen. In Kooperation mit dem Literaturwissenschaftler Hermann Kurzke und dem Künstler Tobias Mohr fand am Mittwoch, den 12. Mai, eine Annäherung an den so jung verstorbenen Dichter statt.

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„Was bedeutet es, wenn man bereits mit 21 Jahren steckbrieflich gesucht wird?" fragt Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Kurzke in die Runde. „Wie wirkte sich dies auf das weitere Leben Büchners aus?" Der Mainzer Literaturwissenschaftler entwirft an diesem regnerischen Mittwochabend in der kleinen Gonsenheimer Galerie ein neues, frisches Bild des scheinbar altbekannten Dichters. „Büchner Revisited" steht in dicken Lettern auf der Einladung, und besser kann man die Zeitreise in das reaktionäre Großherzogtum Hessen der 1820er Jahre nicht beschreiben. Zum 200. Geburtstag Georg Büchners 2013 soll eine Biographie des Dichters erscheinen, Hermann Kurzke gibt nun Einblicke in seine bisherige Arbeit. Hinter ihm illustrieren sechs Bilder Büchners Werk. Der Künstler Tobias Mohr hat diese  - angeregt durch die Galerie „Keminski & Ich" - angefertigt. 

Georg Büchner, 1813 im hessischen Goddelau geboren, gilt als revolutionärer Dichter, einer, welcher gegen die Reaktion ankämpfte und neben seinen politischen Ansichten auch in der Dichtung seinen Zeitgenossen ein halbes Jahrhundert voraus war. Expressionistisch, individualistisch, ein Leben für die Freiheit! Ein junger Mann mit wirrem Haar, der auf den Barrikaden in der einen Hand das Flugblatt, in der anderen ein Buch schwenkt. Ein Ahne Che Guevaras, sozusagen? Doch der Literaturprofessor holt das Revoluzzer-Bild recht schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Büchner hat sicherlich das Flugblatt „Friede den Hütten, Krieg den Palästen" verfasst, Büchner hat sich für die Menschenrechte mutig eingesetzt und die hessische Obrigkeit hat ihn verfolgt. Aber es wäre langweilig, den großartigen Dichter derartig einseitig zu betrachten. In einer gebildeten, erfolgreichen Familie aufgewachsen, entschließt sich Georg Büchner nach dem Abitur zu einem Medizinstudium in Straßburg. Dort lernt er auch seine spätere Verlobte Wilhelmine Jaeglé, die Tochter des Hauses, kennen. 1833 kehrt er zurück ins Großherzogtum Hessen, wo er bald in Kontakt mit dem oppositionellen Friedrich Ludwig Weidig kommt. Sein Pamphlet im „Hessischer Landboten", welcher die hessische Landbevölkerung zur Revolution gegen den Obrigkeitsstaat aufruft, hat einigen Erfolg und wird sogar in einer 2. Auflage erneut gedruckt. Hermann Kurzke weist auf den Einfluss Weidigs hin, welcher schon vorher einige Flugschriften verfasst hat und den Druck und die Verteilung des Flugblattes maßgeblich organisierte. Kurzke stellt  Bezüge her, beschreibt die Flucht Büchners nach Straßburg und die wichtige Rolle Weidigs für die heutige Büchner-Forschung.

Kurzke thematisiert den „Bruch" in Büchners Leben, da mit der Flucht nach Straßburg sämtliche revolutionäre Energie in literarische Kreativität umgewandelt wird. Es entstehen seine bedeutendsten Werke: Lenz, Leonce und Lena und Woyzeck. Büchner zieht sich von politischen Aktivitäten zurück, beendet sein Medizinstudium in Straßburg und übernimmt 1836 an der Universität Zürich eine Lehrtätigkeit als Privatdozent. 1837 erkrankt er an Typhus und stirbt.

Hermann Kurzke wagt einen neuen Blick auf Büchner, welcher bisher nur allzu sehr auf den Revoluzzer zugeschnitten war. Dass Büchner aber in seinen „ruhigen Jahren" vor allem im literarischen Bereich wahrhaft Revolutionäres geleistet hat, wird oft vergessen.

Die Illustrationen des Selzener Künstlers Tobias Mohr nähern sich - wie Kurzke - Georg Büchner an: ein schreiender Woyzeck, ein Hauptmann, welcher dem Diktator Tito nicht unähnlich sieht und ein melancholisch wirkender Danton.

Der Organisator des Abends, Oliver Kemmann, brachte den Literaturwissenschaftler und den Künstler zusammen. Der Galerie, welche seit Oktober 2009 in Gonsenheim existiert, geht es um mehr als die Ausstellung von Bildern. „Das Projekt ist auch ein Augenzwinkern" meint Kemmann, man will auch das Neugierige, Schalkhafte in der Kunst zeigen.

So ist bis zum 30. Mai 2010 im Obergeschoss der Galerie noch die Ausstellung „Landschaften, die sie mit der Hand schafften" zu bewundern. Ab 5. Juni widmet sich die Galerie „Keminsik & Ich" dann ganz der WM in Südafrika. Tobias Mohr präsentiert Bilder unter dem Thema „Heldenbrust und Fönfrisur". Begleitet wird die Einzelaustellung von Lesungen, denn  - wie der Abend gezeigt hat - Kunst und Literatur passen wunderbar zusammen!

 

Mehr Informationen zur Galerie unter : www.kemenski.de

 

 

Text: Daniel Hadwiger
Foto: Wojzeck, Tuschezeichnung von Tobias Mohr