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THEATERBIENNALE-BLOG

Der Papst ist tot, lang lebe der Papst. Die Maifestspiele sind vorüber, Wiesbaden und Mainz bleiben aber die Theaterhauptstädte Europas: Vom 17. bis 27. Juni findet die Theaterbiennale "Neue Stücke aus Europa" statt. Selbstverständlich berichten die STUZ-Rezensenten auch diesmal in einem Blog von der europäischen Theaterkultur.

Bisher gemessen, gewogen und für gut oder weniger gut befunden: Schweden, Frankreich, Rumänien, Albanien, Island, Litauen, Irland und Türkei.

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Existenzialistischer Glühbirnenaustausch (Alles oder nichts - Litauen)

Mit „Viskas arba Nieko/Alles oder nichts" steuern der litauische Regisseur Cezaris Grauzinis und sein Ensemble der Wiesbadener Theaterbiennale eine Reflektion über die Darstellungsformen des Undarstellbaren bei und führen uns in die absurde Welt der menschlichen Seele.

von Sarina Lacaf
// Am Anfang lernt einer das Laufen. Aus seinem apathischen Stillstand geleiten sie ihn Schritt für Schritt, heben ihm ein Bein vor das andere, stützen und halten ihn, bis er sich von ihnen löst und ganz von selbst seine Runden mit ihnen dreht. Bis die Musik in seinem Kopf einsetzt. Bis er läuft, als wäre es das erste Mal.

Nüchtern betrachtet führt sein Weg nirgendwohin. Die Bühne um ihn herum bleibt schwarz und leer bis auf vier karge Schemel. Doch ist nicht gerade die Welt, die sich in unserer Vorstellung entfaltet, oft viel faszinierender als alles sinnlich Wahrnehmbare? Sind die Bilder, die wir aus Erzähltem für uns selbst zusammensetzen, nicht weitaus vollkommener, als es die wahre Begebenheit jemals hätte gewesen sein können? „Du bist wie ein Fotoalbum. Voll mit Bildern", sagen sie ihm. „Kannst du zumindest eins davon sehen?" Diese Bühne ist jeder vorstellbare Ort, diese Figuren sind alles, was sie sich auszudenken im Stande sind. Hier versucht Cezaris Grauzinis, uns einen mentalen Prozess, Gefühle und Gedanken sehen zu lassen, indem diese ohne direkte Abbildung bleiben. Alles und zugleich nichts.

Ein wenig erweckt es den Anschein einer Aneinanderreihung unkontrollierter Improvisationsübungen, wenn die vier Akteure auf der Reise durch ihre Gedankenwelt plötzlich unbändig zu tanzen beginnen, sich im nächsten Moment durch einen Wolkenbruch kämpfen, gegen eine unsichtbare Bedrohung aus dem Reich der Toten antreten oder ein Pinguinei ausbrüten. Gerade dieses Bruchstückhafte, Unbeständige ihrer Innenwelt zeugt am allerdeutlichsten von einem Dasein ohne Zusammenhalt, das letztlich das große Thema von „Alles oder Nichts" ist. Welten werden erschaffen, um gleich darauf wieder zerschlagen zu werden, einzig die Angst bleibt eine Konstante im kollektiven Bewusstsein der abstrakten Figuren - im großen Kosmos unserer heutigen Existenz, möchte man schließen, verweist doch einer von ihnen immer wieder auf „diese Zeiten, in denen wir leben", während er untröstlich nach einem lebensnotwendigen „Fürsprecher" verlangt. Egal, wohin sie sich träumen, stets befinden sich die Figuren auf der Flucht vor einer ungreifbaren Bedrohung, fürchten das Dunkel, suchen das Licht, tauschen die durchbrennenden Glühbirnen bis zur vollkommenen Erschöpfung aus. So oft sie auch tanzen, singen, sich in die Arme fallen, die Reise verläuft im Kreis, führt unaufhörlich zu den gleichen Schrecken, um schließlich die Unmöglichkeit von Nähe, von Vertrauen und von Geborgenheit vorzuführen. Dabei schließt die Cezaris Gruppe geradezu nahtlos an ein Theater von Beckett an, ohne dem inhaltlich viel hinzuzufügen - Apropos: Aus dem Pinguinei, außer dem im ganzen Himmel bis dahin nichts existiert hat, schlüpfen im Übrigen Sonne, Mond und Sterne, alles Existierende und natürlich auch die Menschen. Einsam und verletzlich stehen sie in diesem Stück immer wieder auf der nackten Bühne, dabei wollen sie nichts als geliebt werden.

„Ich wollte Sie nur fragen, ob sie mich lieben würden?", fragt einer, der sich zu seinem Erstaunen mit einem Föhn in der Hand in einer Schüssel mit Wasser wiederfindet.
„In Ordnung, ich werde Sie lieben. Und ich werde Sie sehr sehr lieben. Sagen Sie mir nur wie."
„Ich habe keine Ahnung."

Bild: Martin Kaufhold


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Herr, erschlag mich (Liebe Isländer - Island)

In „Liebe Isländer" werden die Auswirkungen der Finanzkrise auf Island behandelt. Die Einwohner werden erschlagen von Rechnungen, die Zuschauer von banalen Monologen.

von Lars Reusch //
Sieben Menschen stehen in einem großen Käfig auf der Bühne und gehen dort auch nicht mehr heraus. Der Maschendraht erinnert an solch einen Käfig, wie er im amerikanischen Wrestling oft eingesetzt wird (oder wurde? Ob es das noch gibt?). Da kämpf(t)en dann zwei oder mehr Muskelmänner um den Sieg - entweder durch K.o., der letzte, der noch steht, gewinnt. Oder die Feiglingstaktik: wer zuerst aus dem Käfig herausklettert. Eine gelungene Metapher für die Bewältigung beziehungsweise Nicht-Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise.

Der Maschendrahtzaun zwischen Künstlern und Publikum erinnert aber noch an etwas anderes. Manchmal sieht man so etwas in üblen, heruntergekommenen Spelunken in amerikanischen Filmen - da schützt der Zaun dann vor herumfliegenden Bierflaschen. Natürlich ist das Wiesbadener Theaterpublikum nicht unbedingt für Randale bekannt, und Bier hat sowieso fast niemand getrunken. Aber wer weiß, welche Sitten in isländischen Theatern herrschen. Wäre zumindest nachvollziehbar, würde die ein oder andere Bierflasche an den Zaun knallen. Dann schliefe man wenigstens nicht ein.

Das Stück beginnt mit einem Monolog über einen Chihuahua. Es folgen weitere Monologe über irgendwelchen Unsinn. Irgendwann erzählt jemand, dass man einen Mojito auch mit Petersilie machen könne. Zwischendurch prasselt immer mal wieder ein großer Schwung Papierzettel, das sollen wohl Rechnungen sein, aus Klappen an der Decke. Jedes Mal gehen die Darsteller rechtzeitig in Deckung, und es entwickelt sich zur spannendsten Frage des Abends, wann es mal jemanden erwischt. Und tatsächlich: Irgendwann lässt sich der alte Rentner mit Krückstock von dem Papierberg begraben. Allerdings steht er zuerst an der falschen Stelle und muss deshalb noch extra unter die Klappe humpeln, um die Pointe nicht zu vermasseln. Bezeichnend für die ganze Inszenierung.

Nach 90 gequälten, monologisierten Minuten ist es dann schließlich zu Ende, und keiner weiß, was das Ganze eigentlich sollte. Die Darsteller scheinen von ihrer eigenen Leistung genervt, die Zuschauer, die noch da sind, applaudieren verhalten. Beneidenswert sind die, die die Wiesbadener Wartburg schon nach 20 Minuten verließen.

Bild: Martin Kaufhold


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Rache ist nicht süß, sondern sehr sehr bitter (Allegretto Albania - Albanien)

„Ich kann Ihnen jetzt schon sagen, es lohnt sich!", hieß es in der Einführung vor dem Stück, und so war es auch. Skurriler Humor und bitterer Ernst in einer wunderbar albanischen Mischung ersetzen wahrlich jedes WM-Spiel.

von Johannes Kraus
// Mittwoch, der 23.06.2010, Deutschland steht kurz vor einem möglichen WM-Vorrundenaus gegen Ghana auf dem Fußballplatz in Südafrika und ich sitze im Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz, um mir ein albanisches Theaterstück anzuschauen. Alle hoffen auf einen Sieg, nicht wenige auf ein beherztes Foul an Kevin-Prince Boateng, Rache für Ballack. Löw warnt davor und auch Stefan Çapaliku, der Autor von „Allegretto Albania", warnt, klagt sie sogar an, die Rache.

Jimmy@hotblood.org - You‘ve got Mail
„Einen guten Morgen wünscht die eingesperrte Familie." - „Ebenfalls einen guten Morgen wünscht die Familie, die sich rächen will." - „Wir hoffen, ihr erfreut euch alle bester Gesundheit. Wann hebt ihr denn die Blutrache auf, damit wir unser Haus wieder verlassen können?" - „Vielleicht in einem Monat, vielleicht aber auch erst in einem Jahr. Einen schönen Abend wünschen wir euch." ...So könnte ein Internetdialog zwischen verfehdeten Familien aussehen. Zumindest nach Ansicht der Nachrichtensprecherin Padima, die sich im Rahmen eines Hilfsprojektes um die eingesperrte Familie des Stücks kümmern will. Dazu versorgt sie sie mit wenig sinnvollen Hilfsgütern wie Nähmaschine und Röntgenapparat. Aber auch ein Laptop ist dabei, damit sich die verfeindeten Familien im Intranet aussöhnen können. Denn Padima hat eigentlich natürlich keine Zeit. Sie hat ja so viel damit zu tun, die Nachrichten zu sprechen.

Die Familie besteht aus vier Personen. Mutter, Vater und zwei Söhne. Ein Cousin der Mutter hat einen Mann einer anderen Familie getötet und ist geflohen. Jetzt ist Blutrache angesagt. Da der Mörder nicht greifbar ist, geht das Los an den „Besten Mann der Familie" über und das ist nach Ansicht des Familienvaters, einem Musikkritiker, kein geringerer als er selbst. Ständig schwankt er zwischen Todesangst und dem Drang nach Ansehen. Alternativ könnten aber auch seine Söhne „haften". Die ganze Familie ist also eingesperrt. Was tut man da? Kartenspielen, Gewehrputzen und auf den zwei Jägerstand-artigen Bühnenaufbauten Ausschau nach möglichen Mördern halten. Zwischendurch liefern sich die Eltern herzhafte verbale Gefechte um die Vormachtstellung in der Familie, aber auch wenn der Mann hin und wieder aufbraust und auch mal den Tisch durch die Gegend wirft, ist er einer, der befehlen darf, wenn seine Frau ihm die Erlaubnis dazu gibt.

Beherzt werden Lieder aufs Vaterland gesungen und dazu mit Luftinstrumenten gespielt. Grotesk-lustig-frisch und zugleich anrührend harmonisch-familiär. Für Lacher sorgt auch der etwas dusselige Lehrer, der den ältesten Sohn unterrichten soll: „Das ist der Frosch. Das ist der Frosch im Profil. Aus den Eiern schlüpfen Kaulquappen und die werden nach verschiedenen Entwicklungsstadien zu Fröschen. Ein Frosch legt bis zu...äh...3000 Eiern." Sohn (überwältigt-überrascht): „Fuck off!"

Spaß beiseite, Ernst kommt die Treppe runter
Zwischen all diesen Lachern steckt immer etwas Ernst. So skurril es auch auf uns wirkt, wenn der Vater pathetisch-zornig die seltsamsten Paragraphen des „Kanun", des albanischen Blutrachekodex herbetet, spiegelt es die Realität wider. Hunderte von Familien sind in Albanien Gefangene im eigenen Haus, aus Furcht vor Blutrache. Offiziell ist sie verpönt und tabu, aber dennoch Bestandteil des alltäglichen Lebens. Und die Bitterkeit der Todesangst und der Gefangenschaft brechen immer wieder durch die Charaktere heraus. Autor Stefan Çapaliku führt uns in seinem Stück einfühlsam und in viel Komik verpackt ein herzergreifend schreiendes Thema albanischen Lebens vor Augen und Altin Basha inszenierte mit Biss und Herz ein kurzweiliges, aber langfristig ergreifendes Spektakel der Gefühle.

Die Hauptdarsteller Mirush Kabashi (Vater), Olta Daku (Mutter), Xheni Fama (jüngerer Sohn) und Gazmend Paja (älterer Sohn) führten uns eine Familie vor Augen, die man lieben muss. Etwas kantig und hier und da kratzig, aber herzensgute Menschen, denen man nur alles Gute wünschen kann, denn der Schluss bleibt ein offenes Geheimnis. Und immer wieder zwischen fröhlichen Liedern melancholisch bedrückende Cellomusik. Ich habe den Theatersaal mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlassen müssen. Die erste rein albanische Theaterproduktion auf der Biennale war ein absoluter Erfolg (trotz 30 Mann zählendem winzigen Publikum).

Das erste Vorrundenfinale war mir plötzlich nicht mehr wichtig, aber wenn die Deutschen mit so viel Herzblut Fußball spielen wie diese Albaner Theater machen, dann ist uns der WM-Titel sicher.

Bild: Lena Obst


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Mit ordentlich Zwiebeln und Knoblauch, bitte (Rumänien! Küss mich - Rumänien)

Im Rahmen der Biennale „Neue Stücke aus Europa 2010" gab eine Theatergruppe vom rumänischen Teatrul Naţional 'Vasile Alecsandri' Iaşi mit dem Stück „România! Te pup" ein Gastspiel im Mainzer TiC.

von Bernd Fabritius
// Rumänien, das Land am Fuße der Karpaten, stinkt nach Speck und Zwiebeln. Und die Leute, die dort herkommen, tun es auch. Das sagt zumindest Frau Renata, die hysterische Dame mit Katze und eine von drei Protagonisten, die ihr Heimatland um jeden Preis Richtung Westen verlassen wollen. Die anderen zwei sind Herr Neagoe, ein arbeitsloser Alkoholiker, der seiner Frau Richtung Italien folgt, und Vasile, das junge Mädchen mit dem männlichen Namen, das in die USA auswandern will. Die Dramatik spitzt sich zu, als die drei sich ein Zugabteil teilen und sich gegenseitig mit ihren Problemen und ihrer Abneigung gegenüber ihrem Leben und ihrem Land auf den Wecker gehen.

Unterlegt und getrennt werden die Szenen von einem Orchester aus Schauspielern, die mit fürs ländliche Rumänien so typischen Alltags- und Küchengeräten wie Tonschüsseln, Alu-Tassen, Reibeeisen und Quirl beeindruckende Beats und Klänge erschaffen. Wenn man schon unterlegt, dann richtig - so war wohl der Gedankengang des Regisseurs David Schwartz, und er trifft damit voll ins Schwarze. Das Milieu der Szenen wird nicht nur klanglich, sondern auch geruchlich untermalt. Ob Herr Neagoe mit einem Schmuggler im Auto, Frau Renata und eine tyrannische Beamte am Bahnhofsschalter oder das Zugabteil mit den drei Heimatflüchtigen; der Geruch von geschnittenem Knoblauch, Zwiebeln und Senf wird mit Ventilatoren ins Publikum geblasen, gepaart mit dem frequentierten Versprühen von Geruchsneutralisierer, wobei auch das Publikum als Sprüher mit einbezogen wird.

Das Stück ist inspiriert von der Realität im provinziellen Rumänien, und könnte dramatischer kaum sein. Laute Dialoge, gespickt mit Flüchen, spiegeln die Verzweiflung von Menschen am Abgrund wider, und die hervorragenden Schauspieler, die immer wieder auch das Publikum miteinbeziehen, tun ihr übriges, um dem Ausdruck zu verleihen. So macht Theater Spaß: Das Stück von Autor Bogdan Georgescus ist unkonventionell, unvorhersehbar, unterhaltsam. Direkt ins Gesicht der Zuschauer. Auch wenn dem einen oder anderen wohl etwas schwindlig wurde von der sauerstoffarmen, knoblauchlastigen Luft im Raum.

Bild: Lena Obst


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Der Wert des Lebens (Kreise / Fiktionen - Frankreich)

Im Rahmen der „Neuen Stücke aus Europa" gab der französische Autor und Regisseur Joël Pommerat sein Stück „Kreise / Fiktionen" im Wiesbadener Staatstheater zum Besten. Doch nicht nur das Bühnenbild und der Auftritt eines Pferdes überraschten.

von Daniel Hadwiger
// Alles ist in Dunkel gehüllt, nur ein Kronleuchter, der über der Mitte der Bühne schwebt, spendet ein wenig Licht. Darunter ein Tisch, ein melancholischer Mann und dessen einsilbiger Diener. Im Hintergrund hört man das dumpfe Donnern eines Krieges. Die Zuschauer sitzen im Kreis um die Bühne herum, wie in einem Amphitheater, es riecht durchdringend nach Bienenwachs. In der Manege spielt sich das Leben und Leiden von Menschen ab, die in der heutigen Zeit leben, aber irgendwie nicht ganz mit dessen Werten und seiner Schnelllebigkeit zurechtkommen. „Kreise/Fiktionen" hat keinen einzelnen, klaren Handlungsstrang, und ist dennoch eine runde Sache.

Geld schafft Beziehungen
Da gibt es eine kaltherzige Dame, welche ihrer Dienerschaft erklärt, wie sie zueinander stehen. Nicht eine emotionale, sondern eine rationale Bindung gehen sie ein. Sie bekommt, was sie will, im Gegenzug erhält die Dienerschaft ihren Lohn. In den Folgeszenen stirbt das Baby der Herrin, am Frühstückstisch zeigt sie keine Regung, und erwidert immer wieder auf die zahlreichen Trostversuche ihr ewiges: „Ich verstehe nicht". Eine berechnende Welt scheint es zu sein, in die Joël Pommerats achtköpfige Compagnie den Zuschauer einführt. Dann plötzlich schwarz, man sieht nichts, das Licht geht wieder an, radikaler Szenenwechsel. Wie im Film. Ein Bankangestellter trifft im Parkhaus zwei obdachlose Frauen, die ihm versprechen, er werde „der Größte" werden. Und wenn er eine der beiden Obdachlosen küsse, werde er der „Allergrößte" werden. Zuhause erfährt der Bankangestellte vom Tod seines Vorgesetzten, er werde dessen Platz einnehmen. Nach und nach gerät er in die Sogwirkung der mysteriösen Obdachlosen, er küsst sie, steigt auf, schläft schließlich mit einer von ihnen und wird „Nummer eins". Seelisch ist er nun ein Wrack, schluchzend antwortet er auf die Gratulationen. Seine Frau hofft, er habe dies doch nicht nur für sie getan?

„Du musst lernen, dich zu verkaufen!"
Wieder alles im Dunkeln, die grünen Lämpchen der Übersetzgeräte leuchten lustig im Kreis um die Manege herum. Als das Licht wieder angeht, erkennt man einen Stuhlkreis, nach und nach kommen desillusionierte Arbeitslose herein und setzen sich. PAFF! Ein Coach, ein furchtbar motivierter Coach tritt herein und feuert die Arbeitslosen an, wie man einen Job bekommt. Man probt das Einstellungsgespräch, welches unglaublich an Szenerien aus der Deutschen Agentur für Arbeit erinnert. Anklopfen, freundlich die Hand geben, höflich sein. Der Coach ist beständig auf Spannung, hat keine Zeit, will alles schaffen. Schnell, schnell, schnell. Schließlich verlässt er den Raum, sein Versprechen, dem Besten unter ihnen einen Job zu vermitteln, bricht er. „Das war doch nur ein Spiel!"

Szenen später geht derselbe Coach auf Organsuche. Sein kleines Kind liegt todkrank im Spital, er verhandelt mit Obdachlosen, wie viel Geld sie im Austausch für eine „freiwillige" Organspende erhalten sollen. Die Szene wirkt absurd, die Penner treiben die Summe mehr und mehr in die Höhe, der Coach verzweifelt und zerrt schwitzend an seiner Krawatte. Schließlich kommt jemand im Austausch für eine Packung Zigaretten mit ihm.

Ein netter, weißgekleideter Herr und ein Pferd

Die einzelnen Szenen werden immer wieder von einem Showmaster, einem Conférencier, unterbrochen. Edel gekleidet spricht er direkt das Publikum an und fordert es auf, seine Träume zu leben. Er will ein Spiel spielen, das „Spiel der Unendlichkeit". Der Einsatz: Glaube. Einige Zuschauer lachen. Der alte Herr nickt tadelnd. Nicht den Glaube an einen Gott meint er, sondern den Glaube an sich selbst! Sobald man an sich selbst glaubt, kann man sich zum Besseren ändern. Zum Schluss bietet er sich selbst als Gewinn an.

In den Schlussszenen trifft ein Bibelverkäufer auf eine müde, schlaffe Frau. Er will ihr seine Bibel verkaufen, und wird, indem er sie überzeugen will, mehr und mehr zu ihrem Psychiater. Am Schluss liegen beide am Boden und träumen von Spanien. Von Sonne, Caballeros und Freundlichkeit. Plötzlich ist wieder alles in Dunkel getaucht, das Licht geht an und man sieht ein braunes Pferd mit einem Ritter darauf. Stille, das Pferd schnaubt ein wenig vor sich hin. Dann wieder alles in Dunkel getaucht. Der imaginäre Vorhang fällt und man klatscht, bis die Handflächen brennen.

Bild: Martin Kaufhold


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Aus der Midlifecrisis einer schwedischen Dentalhygienikerin (Wir sind Hundert - Schweden)

Das Stadttheater Göteborg gastiert mit „Wir sind Hundert" im Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz. Und kommt in der Midlifecrisis ganz ohne Porsche aus.

von Johannes Kraus
// Auf der Bühne drei Stühle, ein paar Kameras und eine schwarze Kiste. Drei Frauen kommen hinzu. Sie beginnen sich zu unterhalten, überlegen sich umzubringen. Aus der schwarzen Kiste holen sie verschiedene Messer in verschiedenen Größen, eine Pistole, ein Maschinengewehr und einen Sprengstoffgürtel. „Eins, Zwei,..." „Wir sind bereit, haben keine Höhenangst, die aufgehende Morgensonne blendet uns, wir tun es jetzt!" „Eins, zwei..." „Wir sind bereit, haben keine Höhenangst, die aufgehende..." Nachdem sie mehrere Anläufe genommen haben sich selbst oder, da sie es nicht schaffen, zumindest sich gegenseitig umzubringen, beschließen sie, noch einmal das bisherige Leben Revue passieren zu lassen. „...Kurz darauf lernten wir unsere große Liebe kennen." „Ach ja?" „Wir verliebten uns Hals über Kopf." Die drei Frauen erzählen nicht einfach jede aus ihrem Leben, sie erzählen EIN Leben, ihr gemeinsames. Sie sind das junge, das mittlere und das ältere Ich einer Frau. Laut Jonas Hassen Khemiri ist es nicht einmal das konkrete Leben einer Frau, sondern ein allgemeines menschliches Leben. Das Stück kann alternativ auch von drei Männern gespielt werden.

Erschießen oder nicht erschießen?
Die junge Frau ist eine Revolutionärin. Sie hat hohe Ideale, will sich nicht unterdrücken lassen, will Diktaturen und Regime stürzen, die Armut auslöschen. Sie stöhnt laut auf, als die mittlere erwachsene Frau beschließt, Dentalhygienikerin zu werden, zu Arthur, dem Exfreund zurückzukehren, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Das ältere Ich ist auf der Suche nach Sinn, erinnert sich. Warum hat sie aufgehört, feurige wütende Ideale zu verfolgen? Sie muss die beiden anderen auch immer wieder an verschiedene Stationen erinnern: „Aber daran erinnert ihr euch wahrscheinlich nicht mehr. Das ist eben die Jugend, sie kann sich nichts merken." Ein spannender Moment ist die Überlegung der mittleren Frau, dass sie vielleicht ihr jugendliches Ich langsam ablegen muss, es töten sollte. Daraufhin greift diese die ältere Frau an und scheint sie zu töten. Die mittlere Frau erschießt ihre Jugend und steht in einem Leben gefangen mit Mann und Kind, weiß nicht mehr, warum sie dieses Leben gewählt hat, was aus ihr noch werden soll. Leer, eine Hülle. Am Ende überlegen die drei Frauen, warum es sich nach solch einem Leben lohnt, sich nicht umzubringen. Wir stehen wieder am Anfang.

Die Inszenierung der Regisseurin Mellika Melouani Melani zeichnet sich durch ihr Tempo aus. Die Szenen folgen schnell hintereinander, die drei Schauspielerinnen reagieren unentwegt aufeinander, schneiden sich das Wort ab, antworten, fragen, schreien sich an, schlagen sich, trösten sich, erinnern sich. Viele Statistinnen (zum Teil aus Schweden, zum Teil vom Staatstheater Mainz) verstärken die Gruppe des Stadttheaters Göteborg, um eindrucksvoll das allgemeine Schicksal, das nicht nur die drei-eine Frau betrifft, zu bebildern, in Sprechchören zu untermalen. Zudem befinden sich verschiedene Möglichkeiten auf der Bühne, um scheinbar einfach nur Krach zu machen, als Ausdruck der Wut: Ein Rohr, das über ein Seil auf Stahlplatten zugeschoben werden kann und verschiedene Sehnen, vom Boden zur Decke gespannt, um sie zu zupfen oder mit dem Boden zum Schwingen gebracht zu werden.

Fotzenlecker!
Zwischendurch kam auch der deutsche Zuschauer zum Schmunzeln. Neben einem deutschen, abgelesenen Party-/Beziehungsgespräch, in dem jeder Kosename durch den herrlich übertriebenen schwedischen Akzent und eine sehr ironische Betonung wie eine Drohung gegen Leib und Leben klingt, sorgte vor allem eine Schimpftirade für Abwechslung. Zwischen Flüchen und Beleidigungen wie „Fotzenlecker", „Schwanzlutscher" und „verdammte Hundeliebhaber" reihten die Schweden ganz frech und scheinbar beiläufig „blöde Festivalsplaner, Wiesbadendramaturgen und scheiß Experimentaltheaterpublikum" ein. Aber das verschmitzte Grinsen und der Hundeblick im Anschluss hätten wohl jede gutmütige Provokation wieder gut gemacht.

Laute elektrische Geräuschmusik mit dazu zuckenden Lichteffekten machten es mitunter schwer, den synchronübersetzten deutschen Text aus dem Kopfhörer zu verstehen. Die ständig präsenten Kameras fanden kurzzeitig zwar gute Verwendung, um den eigentlichen Monolog der mittleren Frau dialogisch, als erinnertes Gespräch dazustellen, irritierten aber die meiste Zeit. Und am Ende blieb das ganze Stück trotz aller Wut, Angst und einsamer Verlorenheit im Grübeln über den Sinn des Lebens nur die Bestandsaufnahme einer Midlifecrisis. Für eine gute Stunde ununterbrochenen Monodialog vielleicht doch etwas zu wenig. Aber vielleicht auch einfach typisch schwedisch-melancholisch.

Bild: Martin Kaufhold


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Fall doch! Oder nicht? (Freefall / Im freien Fall - Irland)

Ohne das beinahe Zerbersten der Weltmärkte 2008 hätte es dieses Stück wohl nie gegeben. Haben wir da etwa noch einmal Glück gehabt?

von Fabian Scheuermann // Es ist schön, auch im Rahmen der Biennale einmal ohne Kopfhörer und Simultangequake auszukommen und trotzdem etwas zu verstehen. Und schön ist es im Fall von „Freefall" (dt. „Im freien Fall") auch, dass das Stück zwar auf Englisch ist, aber nicht aus England kommt. Denn der irische Akzent beschönigt nichts.

Ein Mann. Ein Schlaganfall. Eine Geschichte. So einfach sich die Ereignisse des Stückes „Freefall" auf dem Papier auch lesen mögen, so vertrackt erfuhren sie die Zuschauer im Kleinen Haus des Wiesbadener Staatstheaters. Was will dieser Mann da vorne, wie ist das einzuordnen und: Was soll das überhaupt?

Fragen!

Fragen, auf die weder Regisseurin Annie Ryan, noch die Mitglieder der Dubliner Corn Exchange eine klare Antwort geben wollen. Aber das versteht sich, sie haben schließlich auch alle Hände voll zu tun. Rasante Szenenwechsel legen den von Minute zu Minute fester an den Sitz gefesselten Zuschauern eine diffuse Dringlichkeit nahe. Das Verständnis hechelt hinterher. Die jungen Iren zeigen kein Erbarmen.

Und das ist gut so! Frische Ideen beleben die zwischen Selbstbestimmung und Hilflosigkeit pendelnde Collage. Ein Mann geht aufs Klo, eine Frau kümmert sich nebendran per Mikro um die passenden Geräusche. Doch nach den auf diese Art sporadisch provozierten Lachern nimmt die Verwirrung noch zu. Meinen die das jetzt ernst?

Antworten?

Der Hauptdarsteller mogelt sich auf jeden Fall hier irgendwie durch. Mal dreist, mal hilflos zuschauend, haut er Zeit und Logik ein Brett um die Ohren. Die Macher sagen, dass es ihnen in „Freefall" um die Anpassungsfähigkeit von Körper und Hirn unter sich verändernden Umständen geht. Eine spannende Sache. Aber kann (oder soll?) man das jetzt auf die Finanzkrise und das kleine Irland übertragen? Wer weiß. Manchmal ist es doch auch schön, nicht auf alles eine Antwort geben zu müssen. Oder?

Bild: Martin Kaufhold

 

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„Du bist so hässlich, das wir Dich gut leiden mögen" (Hässliches Menschlein - Türkei)

In Anlehnung an das alte dänische Märchen vom hässlichen Entlein spielen drei junge türkische Frauen ein freches, sozialkritisches Stück - das „Hässliche Menschlein".

von Fabian Scheuermann // Ja, mit ein bisschen Sozialkritik kommt man im Theater eigentlich immer gut an. Doch wenn diese Sozialkritik einer anderen Kultur entspringt, in (dem Autor dieses Textes) fremder Sprache vorgetragen wird und noch dazu jung, frech und ‚in ya face' daherkommt - dann sitzen im Publikum hoffentlich auch, zumindest gedanklich, frische Leute.

Hässliche Details

„Piep, piep, piep!" quietscht eine der drei Mädels in Richtung der kleinen Menge vor der Wiesbadener Studiobühne. „Das junge kroch heraus und war unglaublich hässlich geworden." Gesprochen wird türkisch, flink müssen die Pupillen den eingeblendeten Übertiteln nacheilen. Man würde hier auch vieles einfach so verstehen, klar. Doch für die Details muss man schon ran an den Text. Und der hat es in sich.

Kein kleiner Schwan ist es hier, der von seinen Kameraden gehänselt und als allzu anders, ja gefährlich ‚unnormal' abgestempelt wird. Es ist im Wechsel eine Kurdin, eine Lesbe und eine Muslima. Menschen also, die es 2010 sogar in der als weltoffen und tolerant gepriesenen Metropole Istanbul noch schwer haben.

Wohin mit dem falschen Küken?

Szenen aus dem Leben der drei Mädchen werden gespielt, eingebettet in die Originalverse des Märchens, die in diesem Kontext auch nach 150 Jahren noch erstaunlich und erschreckend aktuell sind. Wo bleibt im so vorbildlich säkularen Staat die Erkenntnis, dass auch hier Religion toleriert werden muss? Wann kommen auch in einem solchen ‚Rechtsstaat' Homosexuelle zu ihrem Recht? Haben es hier groteskerweise Schwule noch einfacher als Lesben?

Mit forschem, alles einnehmenden Spiel schaffen es die drei jungen Schauspielerinnen trotz vermeintlicher Sprachbarriere, die oben erwähnten Fragen an gut einsehbaren Stellen des Zuschauerhirnes zu befestigen. Montag, Dienstag, Mittwoch. Die Fragen bleiben - und die Antworten freilich aus. So muss Sozialkritik aussehen! Ob man dazu dann auch gerade im richtigen Land ist, scheint letztlich egal. Frage ist Frage. Und gab es beim Hässlichen Entlein nicht schließlich ein Happy End?

Bild: Martin Kaufhold