Quit Playing Games With My Heart
War das überhaupt von Take That? Naja, egal. Hauptsache es ist passiert, was passiert ist: Guido Westerwelle ist in Urlaub gegangen. Achja, und Robbie Williams hat das Sandkastenverbot aufgehoben und lässt seine alten Kumpels wieder mitspielen. 
Von Lars Reusch
Wahrscheinlich war ihm einfach langweilig. Das wird wohl am
Sommerloch liegen. Oder Robbie will mal wieder Rock'n'Roller sein. Zwischen den
vier Schmusejungs von Take That ist nämlich wirklich wenig nötig, um als
waschechter Bad Boy zu gelten. Unter den Blinden ist der Einäugige König.
Zeitsprung: 1995. Robbie Williams verlässt Take That, er ist
unzufrieden mit dem eng reglementierten Leben eines Boyband-Mitglieds. Seelsorge-Hotlines
werden eingerichtet. Zack: 1996. Take That löst sich schließlich auf. Thomas
Gottschalk witzelt: „Überall hab' ich Plakate gesehen, auf denen ‚Take That!'
stand. Nur auf einem nicht, darauf hieß es: Take Me!" Trotz vieler Lacher
werden wieder Seelsorge-Hotlines eingerichtet.
Nena wer?
In diesem seltsamen Jahrzehnt am Ende des 20. Jahrhunderts
feierten ja die verschiedensten musikalischen Richtungen Erfolge. Da gab es
Techno auf der einen, Grunge auf der anderen Seite. Hip Hop entwickelte sich
weiter und kulminierte mit MC Hammer in einer bis heute unerreichten Blütezeit
der Ballonhosen. Das meiste Mädchengekreische jedenfalls griffen die ab, die in
ihrem Fremdschäm-Potenzial den 80ern nacheiferten: die Boygroups.
Den Weg bereiteten schon Ende der 80er die New Kids on the
Block. Danach schossen die Boygroups dann wie Pilze aus dem Boden, und zwar
alle nach dem gleichen Muster. Vier oder fünf Jungs singen und tanzen zu simpler
Popmusik und versuchen dabei einigermaßen gut auszusehen. Tatsächlich gesungen
werden die Lieder - wenn mal gerade nicht auf Playback gezappelt wird - immer
nur von einem oder zwei Bandmitgliedern, der Rest darf höchstens mal den
Refrain mitsummen. Bei Take That waren und sind das Gary Barlow und Robbie
Williams. Die anderen drei dienen hauptsächlich zur Dekoration.
Aber hat das im Boybandbereich denn überhaupt Sinn, nach 15
bis 20 Jahren eine Reunion anzukündigen? AC/DC macht heute noch genau die
gleiche Musik wie vor 30 Jahren - deren Fans wollen aber auch gar nichts
anderes. Aus den verzottelten Headbangern von damals sind allerdings gegelte
Barone im Verteidigungsministerium geworden. Politische Einstellungen mögen
sich zwar im Laufe des Alters ändern, aber ein Rocker bleibt eben immer ein
Rocker.
Die 16-jährigen Mädchen dagegen, die damals wegen der
Retortenband um Robbie in Ohnmacht fielen, sind inzwischen jenseits der 30 und
sicherlich weit weniger ohnmachtsanfällig. Dafür hat das Take That der Neuzeit in
den Gärten der Vorstädte und Dörfer aber ein neues Zielpublikum gefunden: die
Muttis. Nachdem A-ha im Schmalzgenre eine klaffende Lücke hinterlassen hat, kam
„Patience" von Gary Barlow und den drei Namenlosen anno 2006 gerade recht. Es
war eine Win-Win-Situation. Die Ehemänner konnten endlich wieder CDs
verschenken und Take That war wieder wer.
...und wir waren dabei!
Und jetzt also die Sensationsmeldung: Robbie Williams stößt
wieder zur Gruppe. Wahnsinn! Der 15. Juli 2010, ein Tag für die
Geschichtsbücher. Dabei war das mediale Interesse beschämend gering. In Print-
und Online-Medien nur eine Randnotiz, wurde die größte Reunion des Jahrzehnts
auch in den Nachrichten an den Schluss geschoben. Klar, in Hamburg herrscht
gerade Schul- und Bürgermeisterchaos, außerdem läuft die Tour de France. Und
kürzlich wurde die Welt mit der Meldung erschüttert, dass Lady Gaga im letzten
Jahr mehr Geld verdient hat als Madonna. Trotzdem - da wäre mehr drin gewesen.
Wenigstens Claus Kleber hat einen angemessenen Kommentar zur Wiedervereinigung
von Williams und Barlow gefunden, als er Gundula Gause fragte: Was soll darauf
noch folgen?
Man darf gespannt sein, ob auch die Backstreet Boys auf den
Zug aufspringen und gemeinsam mit Gary, Robbie und den anderen drei Hanseln die
Rückkehr der goldenen Zeit der Boygroups feiern. Und wer weiß, vielleicht lässt
sich Macauly Culkin ja breitschlagen, mal wieder ein Weihnachten allein zu
verbringen. Lebt Joe Pesci eigentlich noch? Symbolbild: Arno Bachert / pixelio.de
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