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„Austropop? Also dass das wieder aufkommt find ich lustig“

Interview mit Nino Mandl aka Der Nino aus Wien vor seinem Konzert im Baron, Mainz am 21.02.2015.

 

Es ist 19 Uhr: Ich treffe Nino draußen bei einer seiner liebsten Beschäftigungen, dem Rauchen. Nach ein, zwei Zigaretten suchen wir einen Platz drinnen im Warmen. Wir haben beide ein großes Bier bestellt.

 

STUZ: Die österreichische Musik befindet sich gerade dank Bands wie Wanda und Bilderbuch im Vormarsch, auch in den deutschen Charts. Macht dich das stolz als Österreicher?

 

Nino: Stolz ist so ein Wort, das ich eigentlich gar nicht verwende. Ich hab schon so viele Lieder geschrieben und noch nie kam das Wort „stolz“ vor. Aber ich freu mich schon über das was gerade abgeht, man spürt es irgendwie, besonders in Wien. Auch mit Wanda vor allem, das habe ich persönlich noch nie erlebt, dass eine österreichische Band vom einem österreichischen Indie-Label so groß ist – in Österreich und Deutschland. Aber es überrascht mich auch nicht, weil das schon ewig passiert ... sicher seit 7 oder 8 Jahren. Das hat sich langsam aufgebaut und jetzt kriegen es halt mehr Leute mit.

 

Denkst du dieser neue Hype zentriert sich auf Wien oder ist das ein gesamt-österreichisches Phänomen?

 

Wanda sind echte Wiener, so wie ich auch. Bilderbuch sind Oberösterreicher, leben aber in Wien wie die meisten Bands. Es sind in der Szene ein paar Steyrer dabei, ein paar Oberösterreicher. Es ist eigentlich Wurscht wo man herkommt, aber es treffen sich halt alle in Wien, eher als in Linz, momentan. Wien ist gnädig zu Musikanten und gibt ihnen viele Möglichkeiten aufzutreten, was in anderen Städten nicht der Fall ist. In Wien kannst du einfach in einem Wirtshaus spielen, in Paris musst du dafür zahlen, vor allem wenn du nur ein Typ mit einer Gitarre bist.

 

Im Zusammenhang mit der neuen Wiener Musikszene hört man wieder öfter den Begriff „Austropop“. Würdest du dich selbst als Teil dieser neuen „Austropop“-Szene sehen oder hebst du dich davon ab?

 

Szene ist auch so ein Begriff ... also eigentlich hab ich gar nichts zu tun mit den meisten Typen die das machen, zum Beispiel Kreisky. Bilderbuch kenne ich eigentlich auch nicht. Ja, Panik kenne ich und mag ich gern, aber die sind nicht in Wien, sondern in Berlin. Wanda sind Label-Kollegen aber sind halt auch ihre eigene Gang. Austropop? Mein Gott, also, dass das wieder aufkommt, find ich lustig. Ich lach darüber, vor allem wenn es Deutsche sagen, die vielleicht gar nicht wissen, was da passiert ist und wie sich der Austropop entwickelt hat.

 

Man kennt nur wenige Interpreten hier, und wenn dann von den meisten nur die Hits. Beispielsweise „Skifoahrn“ vom Wolfgang Ambros, dann hörts aber auch auf.

 

Ambros ist großartig. Der Beste für mich, ich bin ein Riesenfan. In den 70ern, von 1975 bis 80, hat er jedes Jahr ein Album rausgebracht und alles waren Meisterwerke. Damit hat es so für mich begonnen, mit dem Ambros. Ich hör auch nicht viel anderes Zeug. Nur wir haben damit nichts mehr zu tun, der Ambros lebt zwar noch, aber ihn interessiert gar nicht, was die Jungen so machen. Falco ist tot, Georg Danzer ist tot, Ludwig Hirsch ist tot, keine Ahnung was die Marianne Mendt jetzt macht. Wir sind wenn schon eine neue Welle halt, die nicht wirklich daran anschließt, was die Leute gemacht haben.

 

Eine neue Welle, die dann auch nicht mehr unter den Begriff „Austropop“ passt?

 

Ja, eigentlich passt das gar nicht. Aber mich stört es nicht, wenn man es so nennt. Das ist auch ein leichter Begriff, aber alle wehren sich dagegen. Nur, das müssen die Journalisten machen. „Neues Wienerlied“ hieß es vor eins, zwei Jahren. Blödsinn, das „Wienerlied“ ist was komplett anderes und schon viel länger tot.

 

Bei dir ist ja eh offensichtlich, dass du deine musikalischen Wurzeln eher im englischsprachigen Raum hast, bei Künstlern wie Lou Reed oder Syd Barrett.

 

Voll. Als Kind hab ich halt die Austropop-Hits gehört und dann wieder als mir Leute gesagt haben, dass ich singe wie der Heller oder der Ambros. Aber vom Ursprung her hab ich nur englische Musik gehört und hör auch immer noch fast nur englische Musik, auch wenn ich viel Ambros hör. Syd Barrett, Lou Reed, aber die Beatles vor allem. Ich hör nicht viele verschiedene Sachen. Falco noch, Velvet Underground und die Beach Boys noch.

 

In einem deiner Songs glaube ich aber noch einen anderen Einfluss entdeckt zu haben: Der Song „Graz bei Nacht“ vom „Träume“-Album klingt sehr nach dem Song „Horrorshow“ von The Libertines.

 

Ja, der eine Teil. Live fällt das vor allem auf. Bisschen Libertines war das, voll. Aber grundsätzlich hab ich das Lied vor zehn Jahren geschrieben. Nur hab ich es nie aufgeschrieben. Also nur den Refrain ... ist eigentlich ein unübliches Lied für den Nino aus Wien.

 

Eine Bedienung taucht auf und serviert Nino einen Salat, was ihn etwas verwirrt, da er eigentlich einen Fisch bestellt hat. Er stellt den Salat möglichst weit von sich weg.

 

Pete Doherty ist aber schon groß für dich, oder?

 

Ja, das war schon so eine Phase, wo das was getaugt hat für mich. Die Libertines waren schon die interessanteste von den vielen Indie-Rock-Bands in dieser Zeit gewesen, allein schon textlich und wie sie singen: Das war nicht so ganz gerade aber doch eingängig. Jetzt würde ich es mir aber nicht mehr anhören und ich hab auch lange nichts mehr gehört von Pete Doherty oder seinen neuen Sachen. Ich weiß, dass die Libertines für ein neues Album zusammenkommen, aber es interessiert mich nicht mehr. Ich bin ausgestiegen nach „Down in Albion“ von den Babyshambles.

 

Nach welchem du dann ja auch dein Album „Down in Albern“ benannt hast.

 

Ja, das war ein Zufall und ist mir auch erst danach aufgefallen.

 

Zu deinen Alben: Was hat dich dazu bewogen mit „Bäume“ und „Träume“ zwei Alben gleichzeitig auf den Markt zu bringen? Und warum nicht einfach als Doppelalbum?

 

Ich wollte zwei Alben machen, auch zwei verschiedene, die sich unterscheiden. Ich wollte sie am selben Tag herausbringen und schauen, was passiert: Und es ist lustig, weil die meisten beide kaufen. Irgendwie fand ich es lustig, aber ich würde es nicht zu ernst nehmen. Es ist genauso eine Schnapsidee wie ein Album in Mazedonien aufzunehmen, wie „Bulbureal“. Ich habe immer so lustige Ideen, damit mir nicht fad wird. Und mich bringt das selbst zum Lachen, weil ich zwei Alben an einem Tag rausbringe und eins heißt „Bäume“, eins „Träume“,... das ist ja absurd eigentlich.

 

Deine beiden neuen  Alben sind stilistisch unterschiedlich. Welches der beiden ist mehr wie „Der Nino aus Wien“?

 

Essind beides vollkommene Alben. Es sind ein Paar Aspekte von „Nino aus Wien“ verteilt auf die zwei Alben. Es ist nicht gleich und so wird es nie sein. Es kann sich nicht alles auf eine Sache reduzieren. Daher würde ich sagen, es sind beide volle "Nino aus Wien“-Alben. Aber es geht glaub ich auf dem „Träume“ eher um alle anderen als um mich und auf dem „Bäume“ geht es eher um mich und um meine engsten Dinge, Menschen ... und um meine liebsten Städte. Auf „Träume“ sind eher so Lieder in denen ich in eine Rolle schlüpfe.

 

Mein Lieblingslied von dir befindet sich auch auf dem „Träume“-Album – „Anna Maria Morett“. Wer ist eigentlich die darin besungene Person?

 

Keine Ahnung, ich hab den Namen erfunden. Die gibt’s nicht. Das war schon seit meiner frühesten Kindheit ein Hobby von mir, Namen oder Geschichten zu erfinden. Also ist das Lied ganz in der Tradition meines bisherigen Lebens, dass ich einfach irgendetwas singe, über irgendjemanden, den es nicht gibt und der irgendetwas erlebt oder auch nicht. Deshalb ist es auch ein sehr typisches „Nino aus Wien“-Lied.

 

Du wurdest gefragt, den österreichischen Beitrag für den diesjährigen Eurovision Song Contest zu schreiben. Wieso hast du das Angebot ausgeschlagen?

 

Ich hätte gar keine Zeit dafür gehabt, weil die Aufnahmen für diese Fernsehsendung genau dann gewesen wären als ich mit dem Sir Tralala auf Wirtshaustour war. Außerdem will ich es nicht machen. Ich will auch wirklich nichts damit zu tun haben. Auch hat gerade die Conchita Wurst gewonnen, jeder der da mitmacht, kann nur verlieren. Außer er hat wirklich den Über-Plan. Zu viele Leute wollen dir leider auch was einreden, ob vom ORF oder sonst wo, und man kann dann sowieso nichts machen. Ich würde es nicht überleben. Zumindest spirituell nicht.

 

Nino bekommt seinen panierten Fisch mit Bratkartoffeln serviert. Er lässt sein Essen gerne erstmal ein Bisschen stehen, weil er das immer so macht. Der Beilagensalat ist immer noch jungfräulich unberührt.

 

Auch im Mainstream-Bereich erlebt Österreich gerade ein Revival mit Conchita Wurst und Andreas Gabalier.

 

Vielleicht hängt das alles sogar zusammen, dass die Vibrationen gerade auf groß stehen für die Musikanten in Österreich. Und Conchita Wurst, find ich ganz gut, was sie macht. Das taugt mir, was sie macht. Als sie gewonnen hat, war ich gerade in Wörgl und habe ein Konzert gespielt. Nach dem Konzert haben wir zusammen den Song Contest geschaut und haben uns ur (wienerisch für „sehr“) gefreut. Sie ist auch eine Kunstfigur, die sehr Underground für Wien ist. Weit weg von dem, was wir alle in Wien so machen. Sie ist trotzdem genauso in den Clubs in Wien und macht dort Kleinigkeiten. Und ich fand das Lied auch ganz gut. Gabalier halte ich halt gar nicht aus.

 

Ich weiß, das ist ein rotes Tuch für dich, aber du bist schon wieder zwei Mal für den Amadeus-Award nominiert, wieder in den Kategorien „FM4-Award“ und „Alternative Rock/Pop“.

 

Nein, gar nicht, aber ich bin sehr froh, weil ich jetzt Rekordhalter bin: Ich hab jetzt acht Nominierungen ohne Sieg. Ich bin jetzt der Leonardo DiCaprio des Amadeus. Nein, aber ich will den Leuten nicht mehr damit auf die Nerven gehen, was ich in bei den ersten zwei Malen noch wegen dem Voting gemacht habe. Es ist ein lächerlicher Award, aber ich gehe dieses Mal trotzdem hin. Ich war die letzten zwei Mal nicht da, als ich nominiert war. Jetzt geh ich eigentlich nur wegen Wanda hin.

 

Es ranken sich gewissen Mythen um deinen zweiten Vornamen: Im Internet findet man dich als Nino Ernst, Nino Otto oder Nino Franz. Wie heißt du denn nun wirklich?

 

Erzähl mir mal: Wie kommt man zu einem zweiten Vornamen, wie kriegt man einen zweiten Vornamen?

 

Durch die Eltern. Das wird in der Geburtsurkunde festgelegt.

 

Wenn sie dir einen geben wollen. Aber ich habe keinen zweiten Vornamen. Das ist nie so geplant gewesen, aber irgendwann übernimmt man es halt. Ich hab irgendwann mal auf Facebook geschrieben, dass ich sogar bei Wikipedia als „Nino Ernst“ stehe – und da hab ich dann gesagt: „Nein, ich habe keinen zweiten Namen.“ Das müsste ja dann im Pass stehen, wenn ich einen hätte, oder? Da schauen wir mal.

 

Nino holt seinen Pass aus der Hosentasche.

 

Na, siehst du da einen zweiten Namen?

 

Tatsächlich nicht, aber hast ein schnatzes Bild!

 

Als abschließende Frage: Warum singst du nicht mehr so oft im Wiener Dialekt?

 

Ich singe jeden Abend im Dialekt. Ich meine, ich schreibe zwar nur ein, zwei Mal pro Jahr Lieder im Dialekt, aber das ist quasi meine erste Fremdsprache gewesen. Meine liebere Sprache ist immer schon das Hochdeutsche. Dass ich damals „Du Oasch“ im Dialekt geschrieben habe, war ein Zufall und ein Gag eigentlich. Dass das den Leuten so getaugt hat, hat mich irritiert und deshalb hab ich danach auch zwei Jahre lang nichts mehr im Dialekt geschrieben. Ich schreibe zwar selten im Dialekt, dafür sing ich sehr gern im Dialekt. Wie jetzt auch auf der Tour mit Raphael Sas und mit Ernst Molden sowieso, weil wir auch zusammen Austropop-Sachen covern.

 

Vielen Dank, lieber Nino.

 

Inzwischen ist Nino mit seinem Essen fortgeschritten: Der panierte Fisch wurde von ihm genüsslich verzehrt. In den Bratkartoffeln stocherte er lange rum, aß dann aber nur wenige. Der Salat blieb ewig uninteressant.

 

Autor: 
Florian Kölsch
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