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„Ballett muss alle treffen“

Pascal Touzeau ist Chefchoreograf des „ballettmainz“. Wir sprachen mit ihm über seinen Job als Choreograf, über drohende Kürzungen am Staatstheater und über die Bedeutung des Filmes „Black Swan“.

 

STUZ: Hallo Pascal Touzeau, Sie sehen ganz schön verschwitzt aus – kommen Sie gerade von der Probe?
Touzeau: Ja, ich komme gerade vom Tänzertraining.

 

 

Gibt es das jeden Tag? Wie schaut denn so ein Tag bei Ihnen überhaupt aus?
Normalerweise komme ich um 9 Uhr ins Büro, und das Training für die Tänzer beginnt dann um 10.30 Uhr. Ab 12 Uhr beginnen die Proben, vor einer Premiere kreiere ich da natürlich den ganzen Tag. Und danach folgen noch Meetings und andere Treffen.

 

 

Klingt ganz schön stressig.
Es ist viel. Wir müssen ja auch sparen und haben kein Luxusbudget – da macht man eben nicht nur Choreografie, sondern auch mal Kostüm, Licht oder Set. In meinem Job muss man  multitalentiert sein, damit man so eine Compagnie wie das „ballettmainz“ vernünftig leiten kann.

 

 

Sie haben eben von „kreieren“ gesprochen – wie kommt man als Choreograf denn von der Idee zur fertigen Choreografie?
Nun, ich kreiere das Konzept, die Tänzer greifen das auf, und ich gebe dem Ganzen wieder eine andere Richtung. Choreografie bedeutet nicht, einfach nur Schritte zu machen.

 

 

Sondern?
Als Choreograf gibt man den Schritten der Tänzer Struktur und Atmosphäre. Irgendwann ist dann das Stück da. Dabei ist „ballettmainz“ keine Repertoire-Compagnie, wir machen neue Konzepte. Manche Stücke sind wie ein Laboratorium für die Tänzer und für mich – da braucht man eine starke Improvisationstechnik. Dabei entfernt man sich vom Traditionellen.

 

 

Ihre Choreografien haben sich vom Traditionellen ja schon ziemlich weit entfernt, Sie machen zeitgenössischen Tanz. Ohne Tütüs kommen Sie dabei auch aus ...
Um Ballett mit Tütü zu machen, braucht man sechzig bis achtzig Tänzer – wir haben hier zwanzig. So etwas wie „Schwanensee“ wäre hier nicht möglich. Doch die Adaption von „Romeo und Julia“ hat geklappt! Das traditionelle Konzept musste dafür aber komplett dekonstruiert werden. Dabei läuft man bei so etwas natürlich immer Gefahr, dass das Neue am Ende „schlechter“ als das Alte ist. Das Stück war bisher aber fast immer ausverkauft …

 

 

Das Mainzer Publikum scheint dem modernen Tanz also ganz offen gegenüberzustehen?
Nun ja, wir machen ja auch Sachen, die mehr neoklassisch sind. Das ist immer ein Spagat: Der Stil muss breit genug gefächert sein, damit sich alle damit identifizieren können. Dabei handelt es sich sozusagen um eine Art „Education Process“. Wir machen Kunst von jetzt, doch ein Stück wie „Heaven‘s Sky“ ist noch keine Avantgarde. Dafür sind wir noch nicht genug in der Gesellschaft akzeptiert, um das zu machen – und jede Produktion ist ja eine Produktion für das Publikum. Es ist genauso wie bei Picasso. Auch der hat traditionell angefangen – bis ihn die Leute akzeptiert haben. Und wenn das einmal geschehen ist, dann kannst Du als Choreograf verrückt werden.

 

 

Das klingt ganz so, als würden Sie Ihre Zukunft in Mainz sehen.
Die Zukunft? Die steht im Moment auf Messers Schneide. Um alles zu realisieren, brauchen wir Zeit – und ich hoffe, dass ich in Mainz diese Zeit haben werde, um mit meinen Strategien weiter zu machen. Die Compagnie ist noch nicht gefestigt. Ich brauche sechs Jahre für die Kontinuität – so lange dauert das normalerweise, bis sich eine Compagnie so richtig findet. Dann erst hat eine gute Compagnie auch eine richtige Identität.

 

 

Sie sehen Ihre Pläne von den aktuellen, teilweise rigiden Sparplänen also bedroht?
Wenn die Politik sagt, „wir schließen das Ballett“, dann wäre das schade für den internationalen Ruf von Mainz. Wenn wir mit unserem Ensemble auf Welttournée gehen würden, dann könnte jeder sehen – hey, die sind aus Mainz. Das wäre auch gut für den Tourismus, doch die Politiker denken da nicht dran.

 

 

Sie meinen, dass der internationale Ruf für Mainz wichtig ist?
Mainz ist keine Provinz mehr. Ein guter internationaler Ruf wird der Stadt auch finanziell helfen. Aber die Politiker sind ungeduldig, die wollen immer nur jetzt, jetzt, jetzt. Sie wünschen sich für die Stadt einen guten Ruf, wollen dafür aber möglichst kein Geld ausgeben. Doch ohne Geld gibt es keinen guten Ruf.

 

 

Sie wollen aber trotzdem in Mainz bleiben?
Ich bin sehr gerne hier in Mainz und habe gelernt, dass ein guter Ruf Zeit braucht. Wenn man Forsythe irgendwo sieht, dann denkt man automatisch auch an Frankfurt. Nicht nur an die Hochhäuser, sondern auch an modernen Tanz. So ist das zum Beispiel auch mit Pina Bausch und Wuppertal. Man muss die Kunst leben lassen. Und gerade in Mainz müsste das doch gehen.

 

 

Warum gerade in Mainz?
Ich bin nicht religiös, aber die Kirche ist wichtig für manche Menschen – und die Stadt ist doch froh, dass sie ihre Religiosität beziehungsweise ihre Kirchen hat. Nun ist es so: Die, die nicht in die Kirche gehen, die gehen ins Theater. Wir sind keine Religion, doch was wir machen, ist genauso wichtig für die Menschen. Kultur hat ja im Grunde den selben Zweck wie Religion. Die Leute denken über ihr Leben nach. Somit leistet auch das Staatstheater seinen Beitrag zur Balance der Gesellschaft. Es ist sehr wichtig, dass die Menschen nachdenken. Nach zwei Stunden Vorführung denkt man vielleicht anders oder auf jeden Fall über andere Dinge nach als zuvor.

 

 

Durch den Film „Black Swan“ wurde Ballett für die Menschen in den vergangenen Monaten wieder zum Gesprächsthema. Auch Leute, die sich sonst überhaupt nicht dafür interessieren, reden auf einmal davon. Was halten Sie von dem Streifen?
Ich finde, der Film ist gut, um Ballett populärer zu machen, so wie das auch schon bei „Fame“ oder „Let‘s Dance“ der Fall war. Ballett ist keine exklusive Sache, an der man nur teilhaben kann, wenn man davor einen Champagner im Foyer trinkt. Ballett muss alle treffen.

 

 

Und wie stehen Sie der dargestellten Qual gegenüber, durch die Natalie Portman im Film erst zur herausragenden Tänzerin wird?
„Black Swan“ ist das Klischee überhaupt. Aber so etwas existiert nicht. Das ist gespielt und Quatsch! Man könnte
mit so einem Stress nicht arbeiten, das Klischee des Filmes ist für uns ekelhaft.

 

 

Und was ist mit selbstzerstörerischen Tendenzen?
Natürlich gibt es auch Destruktion. Man führt als Tänzer ja schon jeden Tag einen Kampf mit sich und seinen Kollegen. Das Schwerste für einen Tänzer ist aber, dass er keine richtigen Befehle bekommt, sondern dass der Körper sein Befehl ist. Aber ich glaube nicht, dass Künstler generell mehr Probleme haben als der Rest der Gesellschaft. Viele Leute sagen immer „ach, diese Künstler“ und befinden sich dabei selber in einem regelrechten Koma. Arbeiten von sieben bis fünf, danach RTL2 und um elf ins Bett. Das ist doch noch viel schlimmer als jeder Selbstzweifel – weil die nicht leben!

 

 

Ist also alles gar nicht so schlimm?
Unser Risiko ist halt, dass wir zu sehr mit unserer Kunst leben und deswegen im Endeffekt alleine mit uns selbst dastehen. Leben in einer Box, Sein oder nicht Sein (lacht). Ist man immer nur im Theater und wird dann plötzlich mit der Realität konfrontiert, dann ist das eben für manche ein Schock. Um diese Unterschiede zwischen Realität und Wahrnehmung zu überbrücken, brauchen manche Drogen oder Alkohol. Das kann sich aber auch so äußern, dass man sich einfach unglaublich viele Klamotten kauft! Mit dem Klischee von „Black Swan“ bin ich auf jeden Fall nicht einverstanden. Es gibt beim Ballett sehr viele starke Leute, die dem Publikum und sich selbst trotzdem sehr viel zu geben haben.

 

 

Verraten Sie noch kurz etwas zu Ihrem nächsten Stück?
Das nächste Stück wird eine ganz intensive Fusion. Drei Choreografien legen da den Finger direkt an das Individuum. Ich stelle mir einen sehr farbigen Abend vor: laut, romantisch und lustig. Für das Ende der Spielzeit wird das ein feu d‘artifice! Ein Feuerwerk!

 

 

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Pascal Touzeau wurde am Konservatorium seiner Heimatstadt Bordeaux ausgebildet. Seine Tanzkarriere führte ihn in alle Ecken der Welt. Unter der Leitung von William Forsythe war er 1992 bis 2001 Mitglied des Balletts Frankfurt, bevor er für drei Jahre als Choreograf und Ballettdirektor nach Madrid ging. Seit 2009 ist Touzeau Chefchoreograf des „ballettmainz“.
Ich tanze, seit ich sieben bin, und mit 16 hatte ich meinen ersten Vertrag. Mit Zwanzig war ich dann Solist, also ein „Principle Dancer“. Schon auf der Schule war das meine Berufung (Franz.: „vocation“). Dass ich Choreograf geworden bin, ist kein Zufall – Choreograf sein, das ist für mich was ich bin und nicht nur was ich mache.

 

Autor: 
Fabian Scheuermann
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