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Über aufgeschürfte Haut und Roger Moore

Thomas Braun ist Statisterieleiter am Staatstheater Wiesbaden. Das Besondere: Am 15. August feiert er 40-jähriges Dienstjubiläum an ein und derselben Spielstätte.

 

STUZ: Was macht ein Statist? Was ein Statisterieleiter?

Thomas Braun: Im schlimmsten Fall steht ein Statist nur rum. So war das früher auch tatsächlich. In meiner 40-jährigen Karriere hat sich das Bild eines Statisten allerdings verändert: Heute sagt man eher Bewegungschor dazu. Es heißt zwar immer noch Statist, ein Regisseur weiß aber, um was es geht, wenn von Bewegungschor die Rede ist. Oftmals sind Statisten in eine Choreografie eingebunden, es wird mehr verlangt.

 

Also hat sich das Berufsbild schon innerhalb Ihrer Laufbahn verändert?

Ja, auf jeden Fall.

 

Wie kamen Sie zu dem Job?

Ich hatte einen brachialtollen Einstieg. Bei den Maifestspielen war die Staatsoper Budapest zu Besuch, da war ich bei Spartakus das erste Mal im Theater tätig.

 

Hatten Sie immer schon eine Leidenschaft fürs Theater?

Nicht zwingend eine Leidenschaft, ich war wie jeder ab und an mal im Theater. Das Besondere an dem Beruf war für mich, dass es mit viel Unbekanntem behaftet ist.

 

Wie lange waren Sie Statist, bis Sie zu Ihrer jetzigen Position kamen?

Ich war 15 Monate lang Statist, daraufhin wurde ich Assistent – mit 17 konnte ich einer Aufsichtspflicht noch nicht nachgehen – und wurde dann Statisterieleiter.

 

Wie kommt es, dass man 40 Jahre lang bei der gleichen Spielstätte bleibt? Wird es nicht irgendwann langweilig?

Langweilig wird es alleine durch die hohe Fluktuation nicht.

 

Aber hemmt der immerselbe Ort nicht die Kreativität?

Nö, man kann seine Kreativität auch am gleichen Ort verwirklichen.

 

Was war Ihr schrecklichstes Erlebnis?

An einem Aufführungstermin waren drei befreundete Mädchen der Ansicht, dass keine Aufführung war. Alle drei waren telefonisch nicht zu erreichen. In ihrer Rolle sollten Sie mit Männern tanzen – insgesamt waren es vier Männer und vier Frauen. Nur eine Frau war da, die das zum Glück auch sehr gut machte. Die anderen Männer wollten nicht miteinander tanzen, sodass am Ende nur ein Paar miteinander tanzte.

 

Denken Sie, das Publikum bemerkte das?

Ich hoffe nicht! Vielleicht sagten Sie: „Oh mein Gott, was hat er sich dabei denn gedacht?“ Aber ich hoffe nicht, dass man es merkte.

 

Da lag die künstlerische Freiheit in der Improvisation.

Genau.

 

Was ist Ihr Lieblingsstück?

Spartacus. Ganz allgemein kann man das aber wohl nicht so sagen. Ich mag sehr gerne die italienischen Klassiker; Puccini, Verdi, Donizetti oder Rossini. Aber auch Loriot mag ich – er ist ein super Beobachter.

 

Wer war der bekannteste Promi, den Sie unter die Nase bekamen?

Oh, viele. Hier wird ja auch regelmäßig nach Komparsen für Filme Ausschau gehalten. Mit F. Murray Abraham saßen wir mal betrunken in der Kantine und Roger Moore habe ich auch schon getroffen. Alle sehr angenehm.

 

Benimmt sich keiner mal daneben?

Nein. Keiner. Roger ist ein Gentleman, durch und durch.

 

Was war die peinlichste Vorstellung, die Sie miterlebten?

Unter meiner Verantwortung ist eigentlich nie etwas Schlimmes passiert, die Statisten sind sehr diszipliniert. Oh, obwohl … da war einmal ein Statist, der sich das Bein aufschürfte. Der fiel in einen Bühnengraben und schürfte sich die Haut unterhalb des Knies auf.

 

Geht‘s ihm heute gut?

Ja.

 

Wie viele Intendanten bekamen Sie mit?

Neun.

 

Was machen Sie während der Sommerpause? Arbeiten Sie?

Nein. Ich fahre zwei Tage nach Holland, ich bin leidenschaftlicher Bootsfahrer. Ansonsten hüte ich das Haus.

Autor: 
Nicole Opitz
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