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Das Feuer in Max Riemelt

Der Film „Der deutsche Freund“ mit Max Riemelt in der Hauptrolle wird zurzeit in Frankfurt gedreht. Wie viel eigene Emotionen er beim Schauspiel zulässt, erzählte er unserer Redakteurin beim Setbesuch.

 

Als wir ankommen, ist Max Riemelt gerade zum Luft schnappen vor die Tür gegangen und lässt sich bereitwillig von einigen Statisten fotografieren. Erkannt haben wir ihn erst einmal nicht. Vielleicht waren wir nachhaltig Napola-benebelt. In dem Film von 2004 spielt Max Riemelt einen jugendlichen Boxer, der eine der elitären Nazischulen besucht. Erwartet hätten wir deshalb wohl eher einen großen, athletisch-gestählten Adonis- Mann, natürlich oberkörperfrei und mit ölverschmierter Brust. Leider ist es kalt an diesem Tag und Max Riemelt trägt einen grauen Rollkragenpullover und einen etwas schmuddeligen, dunkelgrünen Parka. Statt Boxerattitüde ein scheues Lächeln. Er verspricht, später noch mit uns zu reden. Jetzt wird nämlich erst einmal gedreht.
 

„Nicht so nett anfassen“

 

Der Film spielt zur Zeit der 68er-Studentenbewegung. „Ho Ho Ho Chi Minh“ und „Scheiß auf Bürokraten, Eier-Handgranaten“, brüllt eine Gruppe von Demonstranten, während Polizisten versuchen, sie in Schach zu halten. Ab und zu durchquert die Regisseurin Jeanine Meerapfel das Set mit energischen Schritten und gibt Anweisungen. Sie verströmt förmlich den südamerikanischen Esprit ihres Heimatlandes Argentinien. „Der Polizist soll den Demonstranten nicht so nett anfassen, das muss alles schneller gehen“, fordert sie und fährt sich mit der Hand durch die dunklen Haare. Max Riemelt fällt unter den Demonstrierenden kaum auf. Obwohl die Luft steht und durch die Filmscheinwerfer auf mindestens dreißig Grad aufgeheizt ist, tragen alle Parkas und sind natürlich langhaarig. Die Journalisten stehen brav am Rand. Beim anschließenden Pressegespräch ist dann aber Schluss mit lustig und die ausnahmslos weiblichen Pressevertreter stürzen sich auf Max Riemelt. Benjamin Sadler, der die zweite männliche Hauptrolle spielt, sitzt am Rand der Gruppe und sein störrischer Gesichtsausdruck verrät, dass er jetzt eigentlich lieber mittagessen würde. Die Reporterin eines großen deutschen Privatsenders möchte von Sadler wissen, was ihn eigentlich an der Geschichte des Films so interessiere. Max Riemelt verdreht die Augen. „Was soll das denn für `ne Frage sein“, raunzt er leise. Als die Vertreterin eines Kulturradios dazu übergeht, die Regisseurin Jeanine Meerapfel nach ihrem psychologischen Blick auf die 68er-Generation zu befragen (Meerapfel: „Das ist kein psychologischer Blick“), schnappe ich mir Max Riemelt. Wir lehnen gegen einen Tresen, der gerade noch Teil der Polizeirevierkulisse war. Ich frage ihn, wie er sich in die Rolle des politischen Aktivisten und Kämpfers einfinden kann, ob es denn heute überhaupt noch etwas gibt, wofür wir kämpfen müssen.

 

Spürst Du das Feuer?

 

„Na klar, auf eine andere Art und Weise. Früher gab es natürlich eine ganz andere Notwendigkeit als heute. Ich bin in einer Gesellschaft aufgewachsen, wo man sich die Probleme eher selbst macht.“ Ich möchte wissen, wie er sich dann in die Rolle einfühlen konnte. Von dem „in die Rolle einfühlen“ hält er aber nicht viel. „Eigentlich sind das ja nur irgendwelche Bilder oder Ideale, die man im Kopf hat und die man wiedergeben will. Es geht nicht darum, davon selbst wahnsinnig überzeugt zu sein, sondern eher am Set ein klares Bild von der Situation zu definieren.“ Ich bin enttäuscht: „Aber du musst doch auch dieses Feuer in dir spüren, wenn du einen politischen Aktivisten spielst?“. Er beteuert, das Feuer in sich zu haben, „aber ich kann ja auch an sonst was dabei denken“. Während dieses Wortwechsels hält er festen Blickkontakt ohne zu zwinkern. „Aha, und an was denkst du dann?“, frage ich. „Also ich denke an gar nichts. Oft ist ja die eigene Emotion auch nicht immer richtig oder gesund für das Bild, sondern es geht auch immer darum technisch zu arbeiten.“ Der minutenlange Blickkontakt macht mich nervös. Als ich kurz den Blick abwende, hechtet die Frau mit der psychologischen Betrachtung der 68er-Generation dazwischen. Ich überlasse ihr den Mann. Ob wir das Feuer des politischen Protests tatsächlich in Max Riemelts Brust lodern sehen, wird sich 2012 im Kino zeigen.

 

„Der deutsche Freund“ spielt in Argentinien und in Deutschland in den 50er- und 60er-Jahren. In Argentinien leben nach dem zweiten Weltkrieg geflohene Nazis und Juden Haus an Haus. So kommt es, dass der Sohn eines Nazis, Friedrich (Max Riemelt), sich in die Jüdin Sulamit (Celeste Cid) verliebt. Um sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, reist Friedrich nach Deutschland, wo er sich mit Leidenschaft der Studentenbewegung anschließt. Sulamit reist ihm nach. Da Friedrich völlig eingenommen vom politischen Kampf zu sein scheint, verliebt sie sich in Michael, gespielt von Benjamin Sadler. Doch Friedrich
geht ihr nicht aus dem Kopf.

 

 

Autor: 
Mira-Sophie Potten
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