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Der Abgrund schaut nicht zurück

Xiu Xiu in der Kreativfabrik Wiesbaden, 05.11.12

 

Da sitzt er nun leibhaftig vor einem, auf einem ungemütlichen Stuhl mit Holzlehne, die Augen halb geschlossen und den Blick nach unten gewandt: Jamie Stewart, der Kopf sowie einziges festes Bandmitglied von Xiu Xiu, ist so ziemlich das Gegenteil davon, was man sich unter einem lebenslustigen Entertainer vorstellt. Wie sollte es auch anders sein bei dem Frontmann einer Band, die ihre Hörer mit schonungslosen Texten und experimentellen Klangkonstruktionen kopfüber in den Abgrund der menschlichen Seele blicken lässt.

 

Auf der kleinen Bühne der Kreativfabrik in Wiesbaden ist Jamie Stewart voll und ganz in der Musik versunken, während er die von ihm gespielten Instrumente fest umklammert: mal ein Keyboard, mal eine E-Gitarre, mal eine Autoharp und mal irgendwelche anderen Klangerzeuger. Dazu singt er mit dieser ergreifenden Stimme, die einem ungefragt viel zu nah kommt. Begleitet wird er an diesen Abend von der Percussionistin Shayna Dunkelman, die ein Vibraphon, eine große Trommel sowie eine Vielzahl von Becken bearbeitet.

 

Zusammen dekonstruieren die beiden die Xiu Xiu-Songs auf dieser Tour so radikal, dass man sie auch als Kenner des Schaffens der Band teilweise nur mit Mühe erkennt. Während ihre Musik schon auf Platte stets so klingt, als würde im Hintergrund die Welt auseinanderbrechen, ist sie live vollständig aus Trümmern aufgebaut – auch wenn diese immer wieder für kurze Momente schön funkeln. Doch irgendwie beschleicht einen das Gefühl, dass sich die Band live regelrecht gegen das Verstandenwerden sträubt. Es liegt nicht so sehr daran, dass sie die anwesenden Leute überfordern, sondern eher daran, dass es so wirkt, als wollten sie die von ihnen geschaffenen Klänge gar nicht mit irgendjemand anderem teilen. Der Zuschauer wird dadurch in die Rolle des Voyeurs gedrängt, ab und zu sieht man kurz das Weiße in den Augen von Jamie Stewart unter den Lidern aufblitzen, irgendwann schlägt er sich dreimal hintereinander wuchtig auf die Wange.

 

So intensiv dieses Spektakel auch anmuten mag, Intimität kommt dabei trotz des kleinen Rahmens nicht zustande. Vielleicht sind Xiu Xiu eine Band, die der Vorstellung, die sie von sich aufbauen, in der Realität niemals gerecht werden können. Auf der Bühne bauen sie mit ihrer Musik eine Mauer zwischen sich und dem Publikum auf, und so sehr man sich als Zuschauer auch bemüht, diese zu überwinden, man hat nicht das Gefühl, Teil dieses Exorzismus zu sein und an der kathartischen Wirkung teilhaben zu können.

 

Am Ende klatschen die Leute und warten im Dröhnen der Verstärker auf eine Zugabe, bis das Dröhnen schließlich aufhört und beliebige Musik vom Band ertönt.

 

Autor: 
Jonas Trautner
Ressort:
Musik / Live
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Galerie: 
Xiu Xiu in der Kreativfabrik Wiesbaden (Foto: Jonas Trautner)
Xiu Xiu in der Kreativfabrik Wiesbaden (Foto: Jonas Trautner)
Xiu Xiu in der Kreativfabrik Wiesbaden (Foto: Jonas Trautner)