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Der Hund auf dem kalten Wellblechdach

Nein, die testcard ist weder ein Schlemmerblock noch eine Karte, mit der irgendetwas getestet wird. Sie ist nicht mal eine Karte. Sondern eine Buchreihe des Mainzer Ventil Verlags. Im April erscheint sie zum zwanzigsten Mal.

 

 

„Testcard“ ist Englisch für „Testbild“ und – viel wichtiger – der Titel eines Songs der Post-Punk-Band „This Heat“. Die Urväter der testcard stammen nämlich aus der Punk-Szene und übernahmen den Titel für ihre Buchreihe. 1995 erschien die erste Ausgabe. Es kommt aber nicht nur Punk in die testcard, sondern alles, was mit Popkultur zu tun hat. Will heißen: Pop, Rock, Hiphop, Musik, Literatur, Film, Mainstream, Subkulturen, … Liste beliebig fortsetzbar. Der Anspruch dabei ist die kritische Auseinandersetzung mit der Popkultur, dem Mainstream und auch mit dem eigenen Kontext. Das geschieht auf insgesamt 300 Seiten, von denen 200 Platz für Artikel et cetera bieten; der Rest sind Rezensionen. Was die Formate angeht, ist die testcard off en, so gibt es zum Beispiel neben den Rezensionen Essays und Interviews, aber auch mal Fotostrecken zur anschaulichen Illustration. Dabei ist genug Platz für lange Texte, um sich intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen. Die Autoren arbeiten auf ehrenamtlicher Basis. Viele von ihnen stammen aus dem Unibereich oder dem Musikjournalismus, wie zum Beispiel die Mainzer Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger und Andreas Rauscher oder „Muff Potter“-Sänger Torsten „Nagel“ Nagelschmidt, dessen Debütroman ebenfalls im Ventilverlag erschien.

 

Momentan erscheint die testcard einmal im Jahr. Jede Ausgabe baut sich um ein Schwerpunktthema herum auf; dieses Mal dreht sich alles um „Orte“. Ausgangspunkt ist die Diskussion über Gentrifi zierung, also soziokulturelle Veränderungen in einem ursprünglich ärmlichen Viertel, wenn zunehmend wohlhabende Eigentümer Immobilien übernehmen und baulich verändern. Das passiert im Moment zum Beispiel in der Mainzer Neustadt. Die 20. testcard will den aktuellen Stand der Debatte einfangen und wirft dabei unter anderem einen Blick auf Kämpfe um Kulturräume und das Phänomen der Medienkonvergenz. Unter die Lupe genommen wird auch das direkte Verhältnis von Orten und Kultur, beispielsweise wie Landschaften einen Künstler und seine Werke beeinfl ussen. Wie haben Orte und das Leben dort sich in den letzten Jahren verändert, welche Konsequenzen erwachsen daraus? Ventil Verlag-Mitarbeiter Jonas Engelmann gefallen die langen Round-Table-Gespräche, die in dieser Ausgabe zum ersten Mal erscheinen, besonders gut. In den Gesprächen gehen die Teilnehmer (darunter beispielsweise Thomas Meinecke oder Avi Pitchon, Mitglied einer der ersten israelischen Punkbands) der Frage nach, was sie an ihren Wohnorten im kulturellen Bereich schätzen oder aber gerne ändern würden und sprechen über Sehnsuchtsorte. Die neue testcard erscheint unter dem Titel „Access Denied“ und kann in jedem Buchhandel oder direkt beim Ventil Verlag bestellt werden.

 

Der Mainzer Ventil Verlag, wie er heute existiert, entstand nach dem Zusammenschluss von Ventil und Bender Verlag sowie der testcard. Der Grund ist simpel: Buchhandlungen werden durch Großhändler beliefert, die nur Verlage ab einer bestimmten Größe in ihr Programm aufnehmen. Die testcard, zuvor nur über Abo und Direktvertrieb erhältlich, sollte aber in den Handel und mehr Leser erreichen. Aus dieser Fusion ist 1999 ein kleiner Verlag hervorgegangen, der in erster Linie von der Leidenschaft seiner Mitarbeiter lebt. Sie alle können jedoch von ihrer Arbeit im Verlag allein (noch) nicht leben. Jonas, der an der Uni Mainz in Literaturwissenschaft promoviert, bemerkt: „Natürlich hat man immer das Ziel, dass man von dem, was einem Spaß macht, mal leben kann.“ Etwa zehn Bücher erscheinen pro Jahr im Ventil Verlag. Das Angebot besteht vor allem aus Sachbüchern rund um Popkultur und Musikgeschichte. Übersichtsbücher zum Beispiel zum Punk und solche, die Nischenthemen wie „Frauen im Hiphop“ bedienen, stehen Buchrücken an Buchrücken.

 

 

Autor: 
Dominique Heinbach, Frederike Münd
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testcard #20
Jonas Engelmann im Gespräch