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Der Mann, der nach 30 Minuten Langeweile bekommt

Interview mit Dylan Baldi von Cloud Nothings.

 

Im Vorfeld des Konzerts von Cloud Nothings in der Räucherkammer in Wiesbaden am 21.08.2014 hatte die STUZ ein Gespräch mit Dylan Baldi, dem Sänger und Gitarristen der Band. Mr. Baldi erscheint entspannt mit einer Tasse Kaffee. Es ist 19 Uhr.

 

Zuerst einmal, Glückwunsch zu eurem neuen Album „Here and Nowhere Else“.

Dylan Baldi (DB): Vielen Dank!

 

Viele Fans fragen sich welches Genre ihr eigentlich am Meisten mögt. Eure Alben dauern oft nur 30 Minuten, was die typische Länge eines klassischen Punk-Albums ist. Dann wiederum habt ihr Songs wie „Pattern Walks“ die 8 Minuten plus dauern.

DB: Das Genre was ich am Meisten höre? Für mich ist eigentlich Rock im Allgemeinen das Beste. Deswegen machen wir vielerlei Sachen. Unsere Platten sind glaube ich einfach nur 30 Minuten lang, weil ich nach 30 Minuten Langeweile bekomme. Das ist glaube ich einfach der Grund. Ich will nicht mehr als das machen. Es ist egal wie lange die Songs an sich sind, es geht nur darum wie lange die Platte ist.

 

Oft spielen Bands Cover-Songs ihrer größten Idole oder featuren sie sogar auf ihren Alben, so wie es Arcade Fire zuletzt mit David Bowie machten. Wenn du eine Band bei einem Konzert covern würdest bzw. einen Act auf deinem Album featuren könntest, welcher wäre es?

DB: Wenn ich einen Song einer Band bei einem Konzert covern würde, wäre es ein Song der „Wipers“: Sie sind großartig. Aber ein Album-Feature...vielleicht jemand wie John Coltrane?

 

Ihr kommt aus Ohio, was aktuell viele bekannte Indie/Alternative-Acts beheimatet. Denkst du Ohio hat das Potential das neue Seattle zu werden?

DB: Das denke ich nicht. Es gibt zu wenige Leute in Ohio die wahrnehmen was gerade passiert, geschweige denn sich um Musik kümmern. Die meisten Bands stehen auf eigenen Beinen, so wie wir es eigentlich auch. Niemand in der Stadt interessiert sich, da Musik nicht so populär dort ist. Weißt du, es gibt gute Bands, aber die Einwohner dort interessieren sich nicht. Außer wenn sie eine gute Zeit haben wollen hören sie mal ein wenig Musik. Ich glaube aber ich habe gerade speziell an Cleveland, unsere Heimatstadt, gedacht.

 

Ihr habt alle drei einen sehr einheitlichen Kleidungsstil, der ziemlich nach 90ern aussieht (Dylan lacht). Sind euch Kleider wichtig?

DB: Nein, eigentlich ist es mir ziemlich egal. Ich werfe für gewöhnlich meine Klamotten nach einer oder zwei Wochen weg und kaufe mir dann neue Sachen. Beispielsweise Shirts für zwei Dollar in irgendeinem Laden. Mir ist der Look nicht so wichtig.

 

Das ist ziemlich witzig wenn man bedenkt dass Urban Outfitters mal ein Video für euch produzierte, nämlich das zu „No Future/No Past“.

DB: Ja, das haben sie ... sie gaben uns Geld dafür, aber im Endeffekt haben wir damit gemacht was wir wollten. Das war ziemlich spaßig.

 

Eure Songs sind meist ziemlich depressiv. „Wasted Days“ ist ein perfektes Beispiel dafür. Macht ihr das absichtlich oder ist das einfach Teil der Genre-Grenzen in denen ihr euch befindet?

DB: Es ist einfach das was mir gefällt: Wenn ich etwas mache was so klingt ist das so oder so Spaß für mich. Also die Songs könnten auch super-poppig sein, glaube ich. Es könnten auch fröhliche Sachen besungen werden, aber das würde nicht glaubhaft für mich sein. Ich mache lieber etwas Deprimierendes weil es für mich selbst glaubhafter ist. Es muss jedoch nicht notwendigerweise so sein: Ich finde man kann traurige und fröhliche Inhalte zusammenbringen. Es kann ausgewogen sein, dann wird das Resultat besser, finde ich.

 

Ich habe neulich ein ziemlich befremdliches Video von euch gesehen...ich glaube du weißt welches ich meine?

DB: Nein nicht unbedingt. Sie sind eigentlich alle sehr befremdlich (Dylan lacht).

 

„I’m Not Part of Me“?

DB: Oh, das war sehr verrückt. Der Regisseur des Videos ist ein Freund von uns. Er wuchs mit uns auf, er heißt John Ryan Manning. Er macht alle Videos von uns. Und wir sagen ihm auch nie was er darin machen soll...er weiß war er tut. Wir denken uns so: „Ja, wir stimmen dir zu“ und lassen ihn machen. Ich glaub das Video hat absolut gar keine Message. Keine Ahnung, vielleicht gab es für ihn eine. Mein Gesicht ist auf einem iPhone in dem Video zu sehen. Es ist ein verrücktes Video, wirklich verrückt.

 

Denkst du das neue Album bedeutete eine Weiterentwicklung im Sound der Band?

DB: Ich habe versucht etwas Anderes zu machen als auf dem letzten Album. Jedes Mal wenn ich ein Album mache, mache ich eins das für mich in diesem besonderem Moment gut klingt. Ein Jahr später denke ich vielleicht: „Oh, das hier war nicht gut“. Im Hier und Jetzt klingt das Album gut und darum geht es. Man muss mit dem gehen was im Moment gut ist.

 

In Interviews sagst du dass du eure frühen Alben gerne vergessen würdest. Stimmt das?

DB: Ja das stimmt. Heute weiß ich gar nicht mehr wieso ich das gemacht habe. Danach wollte ich was anderes machen. Und „Attack on Memory“ hat es dann geschafft dass die Leute anfingen uns zu mögen. Nichtsdestotrotz ist jedes unserer Alben für mich nur ein Album und nicht mehr. „Attack on Memory“ ist gut, aber nicht super besonders für mich persönlich.

 

Gibt es Pläne für ein neues Album in naher Zukunft?

DB: Ja, ich möchte nächstes Jahr wieder etwas machen. Ich möchte ein neues Album rausbringen, ich kann einfach nicht nichts tun. Ich liebe es zu arbeiten. Vielleicht werden wir wieder den Produzenten wechseln, wir haben noch nicht genau darüber nachgedacht.

 

Eure letzten beiden Alben wurden von der Presse sehr hoch gelobt. Interessiert es euch was die Musik-Presse über euch schreibt? Besonders Pitchfork hat euch für viele Leute bekannt gemacht.

DB: Natürlich finden wir es toll wenn die Menschen unsere Musik mögen. Es macht unser aller Leben besser. Aber wiederum brauche ich die Presse eigentlich nicht. Ich mache einfach das was ich mag. Ich lese nicht das was jeder über uns schreibt: Wenn ich eine positive Kritik lese, denke ich: „Oh, ich war gut“. Wenn ich eine negative Kritik lese, denke ich: „Oh, ich war schlecht“. Ich möchte keines der beiden Gefühle ehrlich gesagt erleben. Obwohl ich sie nicht lese helfen uns gute Rezensionen natürlich. Pitchfork hat geholfen.

 

Ihr seid jetzt schon seit fünf Monaten auf Tour, seid ihr müde?

DB: Ja, sehr sogar. Mitte September haben wir einen Monat Pause, danach touren wir noch bis Dezember. Auch wieder in Europa. Es gab noch keine freie Minute um Songs für das neue Album zu schreiben.

 

Woher ziehst du die Inspiration für deine Songs? Von bereits bestehender Musik?

DB: Ich habe viele Einflüsse, da ich auch sehr viel Musik höre. Meistens spiele ich einfach auf der Gitarre, wenn es gut klingt mache ich es irgendwie noch besser. Ich höre viel Musik, aktuell vor allem Jazz, und diese Dinge fließen in die Musik die ich mache mit ein. Ich mache Musik, die mich an die Musik die ich mag erinnert. Man sollte die Dinge die schon gemacht wurden nehmen, und sein eigenes Werk daraus machen.

 

Auf „Attack on Memory“ hört sich deine Stimme wie die von Kurt Cobain an, war das Absicht?

DB: Oh nein, absolut nicht. Darüber habe ich ehrlich gesagt auch noch nie nachgemacht. Ich habe einfach auf eine Art und Weise gesungen, die gut zur Musik gepasst hat. So habe ich es jetzt auch auf dem neuen Album gemacht. So etwas passiert aber eher unabsichtlich. Ich analysiere mich selbst nicht allzu sehr, weil mir dann immer Sachen auffallen die ich an mir oder der Musik nicht mag, bis ich alles nur noch schlecht finde.

 

Warst du vorher schon einmal in Deutschland?

DB: Ja. Schon einige Male in Berlin und Köln. Wir geben schon Konzerte in Deutschland seit die Band vor fünf Jahren gegründet wurde. Ich mag Deutschland. Nach Wiesbaden kamen wir jedoch nur, weil die Konzerthalle uns haben wollte.

 

Sagst du dann heute auch etwas auf Deutsch? Zur Begrüßung des Publikums vielleicht?

DB: Ich hatte sogar vier Jahre deutsch in der High School, aber ich weiß gar nichts mehr. Vielleicht noch „Hallo“, aber das war dann auch schon alles.

 

Autor: 
Florian Kölsch
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