Anzeige

Der Unterschied zwischen Neid und Missgunst

Die Poetiklesung der Hochschule RheinMain in Wiesbaden wird seit Winter 2004 jedes Semester von einem anderen Autor gehalten. Im Wintersemester 2011/12 übernimmt Thomas Glavinic diesen Posten.

 

Am 12. Mai – also bereits im Sommersemester – stellt sich der junge Autor Thomas Glavinic in kleinem Rahmen an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden vor. Im Gespräch mit Prof. Dr. Lorenz Jarass aus dem Fachbereich „Design Informatik Medien“ erzählt der 1972 in Österreich geborene Glavinic aus seinem Leben, beantwortet Fragen zu seiner Arbeit und liest ausgewählte Abschnitte aus „Das bin doch ich“ sowie aus seinem neuesten im Februar erschienenen Roman „Lisa“. Liebe, Angst und Einsamkeit sind Motive, die sich in seinen Werken immer wieder finden. Und: der Ich-Erzähler. Glavinic betont, dass, wenn auch immer wieder die gegenteilige Annahme auftritt, er nicht dieser Ich-Erzähler ist, der gerne mal zu tief ins Glas schaut und sich nicht hundertprozentig gesellschaftsfähig aufführt. Er habe unterschätzt, wie sehr Leser den Autor mit dem Erzähler identifizieren. Kritiken liest er keine. Da könnten zwanzig gute Kritiken kommen, die eine, die im Gedächtnis bleibt, sei die schlechte Kritik, sagt er. Es ist wohl auch eine gesunde Einstellung, sich nicht durch den Geschmack anderer beeinflussen zu lassen, sondern zu schreiben, was man schreiben will.

 

Zur Frage, wie es sei, bereits mit knapp 18 Jahren den ersten Roman geschaffen zu haben, meint er nur: „Die einen fangen mit dem Studieren an, die anderen fangen als Schriftsteller an.“ Als Jarass allerdings anmerkt, dass man diese Frühwerke wohl später einmal posthum veröffentlichen werde, räumt Glavinic ein, seine ersten Schreibversuche so schrecklich zu finden, dass er hofft, diese Texte seien vernichtet worden. Erst mit seinem 1998 schließlich erschienenen Debütroman „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ sei er so zufrieden gewesen, dass er ihn an verschiedene Verlage schickte. Und wenn auch der Ich-Erzähler namens Thomas Glavinic in „Das bin doch ich“ so etwas von sich gibt wie „wer meine Bücher ablehnt, ist des Teufels“, zeigt sich der echte Glavinic beinahe bescheiden, als er sagt, dass er anderen Autoren gönne, sehr erfolgreich zu sein – erfolgreicher als er selbst zurzeit. „Ich missgönne es ihnen nicht, doch natürlich hätte ich auch gerne zwei Millionen verkaufte Bücher. Aber nur weil einer weniger Bücher verkauft, ist er noch lange kein schlechter Autor.“

 

Vor Thomas Glavinic bestritt unter anderem auch schon Daniel Kehlmann die Poetiklesung der Hochschule RheinMain. Dessen Roman „Die Vermessung der Welt“ wurde später schnell zum Bestseller. Aufkleber mit dem Begriff „Bestseller“ schmücken Thomas Glavinics Romane zwar schon jetzt, die Übernahme der Vorlesung wird seinen Bekanntheitsgrad aber sicher zusätzlich vergrößern. Es dürfte spannend werden.

Autor: 
Frederike Münd
Facebook:
Artikel bewerten:

Dies bewerten

Noch keine Bewertungen vorhanden

Flattr