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Dialoge wie Minenfelder
Nie war es so einfach, seine Mitmenschen zu diskriminieren, wie heute: Bruce Norris‘ „Clybourne Park“ in der deutschsprachigen Erstaufführung im Mainzer Staatstheater.
Verdienter Premierenapplaus. Das dauert. Der schmächtige, ein wenig scheu wirkende Mann lässt sich an den Händen von Intendant und Regisseur Matthias Fontheim und Schauspieler Markus Mislin über die Bühne führen, verbeugt sich. Bruce Norris, so heißt der Mann, hat auch schon geschauspielt, schreibt inzwischen aber lieber Theaterstücke. Soeben feierte zum zweiten Mal eines seiner Stücke Deutschlandpremiere in Mainz: „Clybourne Park“, eine dunkelschwarze und bereits mehrfach ausgezeichnete Komödie über Rassismus in einer US-amerikanischen Wohngegend.
Spießbürgerliche Heuchelei
Zunächst thematisch ein alter Hut: die beschämenden Abgründe im bürgerlichen Gemeinwesen, der „Neger“ im Schmelztiegel der Völker, die aufgeräumte Fassade mit der hässlichen Fratze dahinter. Gottlob, soviel sei vorweggenommen, ist „Clybourne Park“ keine pädagogisch motivierte Anleitung für ein tolerantes Miteinander, denn dafür steckt zuviel Sarkasmus darin, stellenweise wird es morbide – kein seichter Slapstick, keine Schonung, keine Grenzen, die irgendein guter Geschmack meint vorschreiben zu müssen. Das ist nur gut, denn auch ein anzüglicher Witz, der auf „Mami will dich in den Arsch ficken“ endet, gerät hier nicht zum gewollten Wachmacher, sondern gehört ganz logisch in den Kontext.
Ort des Geschehens ist das Haus 406 Clybourne Street, im ersten Akt im Jahre 1959, im zweiten fünf Jahrzehnte später. Im ersten Teil erzählt Norris nicht nur die Geschichte von süffisant bis bösartig behandelten Farbigen, sondern auch die Geschichte einer weißen Familie, die, obschon angemessen im Viertel integriert, Opfer von Diskriminierung wird. Denn nachdem der Sohn sich aufgrund seines Koreakrieg-Traumas das Leben genommen hat, zeigen die netten Nachbarn ihre kalte Seite. Der Trost von Pfarrer Jim (Lukas Piloty) und die Besorgnis des Rotariers Karl (André Willmund) sind spießbürgerliche Heuchelei. Es geht nicht darum, Russ (Marcus Mislin) und seiner Frau Bew (Nicole Kersten) über den Verlust des Sohnes hinwegzuhelfen. Es geht darum, dass alles bleibt wie es ist. Die Nachricht, dass Russ sein Haus nun zum Schleuderpreis an „Neger“ verkauft, trifft das Viertel wie ein Bombenteppich und lässt den wohlerzogenen Karl letztlich ekelhaft entgleisen – alles im Beisein des schwarzen Hausmädchens Francine und ihres Mannes Albert (gespielt von den Gastschauspielern Lara-Sophie Milagro und Toks Körner).
Zum Ausklang ein Moment der Ruhe
Im zweiten Akt, also im Jahr 2009, heißt das schwarze Pärchen Lena und Kevin und vertritt die Interessen der überwiegend schwarzen Anwohner, speziell das Interesse, das weiße Pärchen Lindsey (Johanna Paliatsou) und Steve (Willmund) daran zu hindern, das Haus 406 Clybourne Street umzubauen. Intendant und Regisseur Fontheim sieht hier eine Parallele zu aktuellen Entwicklungen in Mainz, Stichwort: Gentrifizierung, doch dieses Phänomen kommt nicht zur Sprache und erschließt sich nur Zuschauern mit dem entsprechenden Hintergrundwissen. Stattdessen nach wie vor im Vordergrund: Diskriminierung. Autor Norris zeigt hier fulminant auf, wer und was heutzutage so alles diskriminiert werden kann und wie schnell das geht, selbst versehentlich und unbewusst: Schwarze, Weiße, Schwule, Schwangere, Vergewaltigte, Juden, Schüler … im Grunde jeder. Nahezu jedes Wort wird in den rasenden Dialogen zur Beleidigung; es hat etwas Geniales, wie Norris diese Dialoge zu Minenfeldern macht: Egal, wer was mit welcher Absicht sagt, es hätte nie gesagt werden dürfen, und irgendjemand fühlt sich gekränkt. Dazu passend sind alle Anwesenden aufgeschlossene Kosmopoliten, haben die Metropolen dieser Welt bereist und hören nur dann auf, „weltoffen“ daherzureden, wenn ihr Handy klingelt. Teilweise treibt Norris es zu weit, überspitzt die perfekt sitzende Pointe noch einmal – man kann sich den Autor lebhaft vorstellen, wie er tippend dasitzt und sich denkt: Da geht noch einer!
Klar jedenfalls, dass das Gruppengespräch am Ende des zweiten Akts zu keinem Ergebnis kommt, ausgenommen eben dem, dass alle Anwesenden im Laufe der Unterhaltung diskriminiert worden sind. Man trennt sich mit einer hässlichen Szene, auch 2009 sind Rassismus und Chauvinismus noch nicht überwunden, nur vielfältiger. Zurück bleibt der Bauarbeiter (Mislin), der das Vermächtnis der 1959er-Bewohner im Garten ausgebuddelt hat, eine Holztruhe mit dem Abschiedsbrief des toten Soldaten (Piloty) drin. Gekonnt wird diese Szene mit einer Rückblende verbunden, 1959 und 2009 noch einmal gemeinsam auf der Bühne. Norris gönnt dem Publikum dann doch einen Moment der Ruhe, schließt mit den beiden einzigen Nebenfiguren, einem Proletarier und einem Selbstmörder – den beiden Charakteren, die in dem Stück nichts Diskriminierendes von sich gegeben haben.
Weitere Aufführungen: 12., 17., 26. und 30. April sowie 4., 8. und 24. Mai, jeweils 19.30 Uhr, Kleines Haus
Foto: Bettina Müller















