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„Die Kneipen haben vielen Leuten ein zu Hause geboten.“

Der Wahl-Hamburger Jens Eisel veröffentlichte im letzten Jahr mit „Hafenlichter“ seinen ersten Kurzgeschichtenband. Im Interview erzählt er von seiner Zeit auf St. Pauli, am Literaturinstitut Leipzig und der klassischen Eckkneipe.

 

STUZ: Ende der 60er Jahre schrieb Hubert Fichte „Die Palette“, einen wirren Roman über eine Hamburger Kneipe. Wie sieht es heute aus? Kann man immer noch gut einen trinken?
Jens Eisel:
Ja, klar. Es gibt immer noch sehr viele Kneipen, in die man gehen kann. Ich selbst bin nicht mehr so viel unterwegs, wie ich es mal war. Natürlich gibt es noch ein paar Läden, wo ich selbst gerne hingehe.

 

Du warst Schlosser, Hausmeister und Krankenpfleger. Sind das Lebensläufe, die in der deutschen Literatur zu wenig vertreten sind?
Ich weiß nicht, ob sie zu wenig vertreten sind. Florian Kessler hat das ja schon angesprochen als er meinte, dass die deutsche Literatur zur Zeit vor allem von Anwalts- und Ärztesöhnen gemacht wird. Mir hilft das natürlich schon weiter, dass ich das Milieu ganz gut kenne. Prinzipiell kann man bestimmt auch gute Texte schreiben ohne das erlebt zu haben, man muss dann natürlich mehr recherchieren. Ich hätte Hafenlichter nicht so geschrieben, hätte ich nicht so lange bei der Diakonie auf St. Pauli gearbeitet.

 

Nach deinen zahlreichen Jobs bist du ans Literatur­institut in Leipzig gegangen. Wurdest du da in eine andere Welt katapultiert?
Es war eine komplett andere Welt. Ich hab gar kein Abitur, sondern nur einen Hauptschulabschluss. Ich hätte niemals gedacht, dass ich irgendwann mal an einer Uni studieren würde. Auf der einen Seite war das Literaturinstitut eine riesige Chance für mich, die ich auch so gut es ging genutzt hab. Auf der anderen Seite war ich dort der Exot. Zwei, drei Leute aus meinem Jahrgang kamen direkt vom Abitur und die anderen hatten eigentlich alle schon ein abgeschlossenes Studium.

 

Wolltest du der Außenseiter sein?
Ich wollte nicht der Außenseiter sein, aber ein bisschen war ich es schon. Ich hab ziemlich schnell gemerkt, dass es beim Schreiben auf den Text ankommt und es nicht so wichtig ist, was man studiert hat oder welchen Abschluss man am Ende hat.

 

Du schreibst über Außenseiter, Leute, die am Rand stehen. Fühlst du dich auf eine Weise mit ihnen verbunden?
Ich fühl mich mit allen Figuren aus Hafenlichtern verbunden, weil ich meine Figuren mögen muss. Auch wenn das im echten Leben Menschen wären, mit denen ich gar nicht am Tresen sitzen wollte. Als Figuren muss ich sie trotzdem mögen.

 

Siehst du dich in der Gefahr den Lebensstil in einer Eckkneipe zu romantisieren?
Nein. Ich habe acht Jahre lang auf St. Pauli gelebt und in dieser Zeit ist die klassische Eckkneipe, die es auf St. Pauli gab, mehr oder weniger verschwunden. Die Kneipen haben vielen Leuten ein zu Hause geboten. Bei Hafenlichter ging es mir darum, die Veränderung, die gerade auf St. Pauli stattfindet, aufzuzeigen.

 

In deinen Geschichten wird oft ein stereotypes Bild der Männlichkeit heraufbeschworen. Boxclub, Eckkneipe. War dir das bewusst?
Klar, es gibt viele Archetypen, die dort auftauchen und die tauchen deshalb auf, weil ich seit meinem 16. Lebensjahr ganz viel in dieser Welt war. Mag sein, dass sie Stereotypen sind, aber es geht auch gerade um die Verletzlichkeit dieser Figuren.

 

Siehst du dich in einer gewissen Tradition mit deinem Schreibstil?
Die Geschichten sind alle in der Tradition einer klassischen amerikanischen Shortstory geschrieben. Ich hab sehr viele Sachen gelesen: Hemingway, Ford, Carver. Gerade in dieser Literatur spielt ebendiese Thematik eine große Rolle.

 

Du arbeitest viel mit Aussparungen. Der Leser weiß, was passiert, doch es wird nicht gesagt. Ist das wirkungsvoller als eine detailliert beschriebene Szene?
Bei Lesungen hab ich oft die Erfahrung gemacht, dass Leute zu mir kamen und gesagt haben, dass das toll und unglaublich detailreich beschrieben sei und man sich das ganz genau vorstellen kann. Aber ich hab es ja eben nicht so gemacht. Man liest einen Text immer mit dem Hintergrund seiner eigenen Biographie und seinen eigenen Erfahrungen. Wenn man sehr reduziert schreibt, fült der Leser die Leerstellen auf ohne es zu merken.

 

wtf
Jens Eisel liest aus Hafenlichter, 8. Dezember, 20 Uhr, Buchhandlung Bukafski

Autor: 
Tobias Siebert
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