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„Die Rebellion war anfangs nicht geplant“

Die Theater-Biennale „Neue Stücke aus Europa“ ist das weltweit größte Theaterfestival zeitgenössischer, lebender Autoren. Begründet durch Manfred Beilharz in Bonn, stellt die Biennale nun seit 22 Jahren in ihren Heimatländern erfolgreiche, jedoch im Ausland oft unbekannte Autoren einer breiteren Öffentlichkeit vor. Wir sprachen mit ihm über das Wesen dieses bedeutenden Festivals.

 

STUZ: Wie kamen Sie damals auf die Idee, ein solch großes Theaterfestival aus der Taufe zu heben?

Manfred Beilharz: 1992 war das Europajahr, und durch unsere Zusammenstellung europäischer, zeitgenössischer Schauspielkunst wollten wir ein Zeichen für Europa setzen. Außerdem stellten wir fest, dass der Autor – der Urheber des Stückes – immer mehr in den Hintergrund rückte.Während Regie- und Gesangs-Wettbewerbe immer häufiger veranstaltet wurden, waren es besonders die Autoren, die mich interessierten. Schließlich sind es ihre Ideen, denen Regie und Darsteller Leben einhauchen. Und Autoren können meiner Meinung nach als Chronisten ihrer Umwelt herhalten: Wenn man wissen und verstehen will, was unsere Nachbarn bewegt, welche Träume sie haben,  welche Sorgen und Nöte die europäischen Regionen bewegen, so betrachtet man am Besten ihr Schauspiel.

 

Wie können Sie sicherstellen, dass dieser Blick nicht durch die kuratorische Brille verengt wird?

Vorgeschlagen werden die Stücke durch die jeweiligen „Paten“ ihrer Herkunftsländer. Wir haben explizit in jedem der 42 Länder einen Paten, der alle Stücke vorschlagen darf, außer seinen eigenen. Aus den Empfehlungen suchen wir dann hundert bis hundertzehn Stücke aus, die wir in den jeweiligen Ländern anschauen.

 

Und dieses Jahr lag der Schwerpunkt auf Rebellion?

Beispielsweise schaute ich mir Stücke in Polen an. Und in Kattowice befasste man sich dann sehr mit dem Thema Identität. Wie wurden wir zu dem, was wir sind? Sind wir Deutsche? Sind wir Polen? Was sind Schlesier? Das ist ähnlich wie jetzt am Ende der Maifestspiele, wo wir den „Kirschgarten“ von Maxim Gorky zur Aufführung bringen. Was ist unsere Heimat? Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Ein solches Stück haben wir leider nicht einladen können. Das liegt aber dann an den Anbietern. Und nun haben wir aufgrund der Umstände in Europa seit der Finanzkrrise vermehrt Konfliktstoff. Rebellion ja, aber eben nicht ausschließlich. Es hat sich so ergeben. Wir reisen ja nicht durch die Lande mit der Prämisse, dass wir das Theater nun so oder so mit dem Schwerpunkt XY erwarten, sondern das Theater ist das Ergebnis der jeweiligen gesellschaftlich-emotionalen und kreativen künstlerischen Verhältnisse im jeweiligen Land. Wir reisen und entdecken also das Thema. Geplant war es nicht. 2010 hätte es ähnlich heißen können. Auch damals konnte man sehen, dass sich viele der Stücke mit der ökonomischen Krise befassten. Und mit den damit verbundenen – auch menschlichen – Zusammenbrüchen.

 

Muss das Theater rebellisch sein? Um aufzurütteln?

Letztlich ist nicht das Theater rebellisch, sondern die Stoffe, an denen sich das Theater bedient. Die Gesellschaften sind rebellischer.

 

Ist es nicht die Aufgabe des Theaters, rebellisch zu sein? War es nicht schon immer der Hofnarr, der der Gesellschaft den Spiegel vorhielt?

Natürlich, das ist immanent. Wo keine Konflikte existieren, existiert kein Theater. Theater lebt von Konflikten und Konfrontation. Hier verstehen wir rebellisch aber so, dass immer mehr Menschen in den Herkunftsländern der Stücke auf die Straße gehen – beispielsweise jetzt gerade in der Ukraine oder in der Türkei. Und das nicht nur in Europa. Im nahen Osten gehen die Menschen auch für ihre Überzeugung auf die Straße.

 

Sie reden jetzt von Ägypten und Syrien?

Als ich in Kairo war, war das eine ganz merkwürdige Stimmung. meine Übersetzerin – vollverschleiert – redete auf einmal davon, dass sich die Verhältnisse ändern müssten. Sie redete von Rechten von Frauen, von der sozialen Situation und so weiter. Ich fand interessant, was da passierte. Und zwei Wochen später war der Umsturz da. Es war kein geplanter Umsturz, keine Revolution, sondern Rebellion: Es bedeutet, gegen die bestehenden Verhältnisse zu demonstrieren, egal aus welchen Motiven heraus. Und manchmal ändert sich etwas.

 

Aber das ist nicht immer positiv?

Es ist eben leichter sich gegen etwas auszusprechen als sich darauf zu einigen, was man stattdessen will. Das sehen wir ja auch gerade in der Ukraine.

 

Gegen was rebelliert das deutsche Theater?

Rebellion besteht auch im Rückblick auf eine andere Zeit. Unter diesen Gesichtspunkten wird dann die Gegenwart betrachtet. Der deutsche Beitrag „Muttersprache Mameloschen“ ist beispielsweise so ein Stück. Es geht dabei um einen Generationenkonflikt innerhalb einer jüdischen Familie: Großmutter, politisierte Mutter und die dazwischenstehende Tochter. Das ganze Stück befasst sich mit der Frage, inwiefern die deutsche Geschichte zu einem besonderen Anspruch an das eigene Leben berechtigt. Ganz plastisch wird das auch im türkischen Stück „Iz – die Spur“. Übrigens hervorgegangen aus einem türkischen Ableger unseres Festivals, einem türkischen Theater-Autorenwettbewerb. Und in der Türkei wurden auch theatrale Mittel eingesetzt, um den Protest am Taxim auszudrücken. Theater als Teil der Rebellion.

 

Trommeln und so weiter ... ist das die Form von Rebellion, die sie meinen?

Die ad hoc geschriebenen Stücke lassen sich nicht einfach nach dem restlichen Europa transportieren, weil sie natürlich voller Anspielungen auf die jeweilige Geschichte sind. Beispielsweise die griechisch-türkischen Progrome von 1955 wegen des Zypern-Konfliktes. In unserem Stück besteht die Rebellion in der Auflehnung gegen die offizielle Geschichtsschreibung, nach der es ja diese Progrome nie gegeben hat...

 

Wird es denn heute totgeschwiegen wie der türkische Genozid an den Armeniern?

Nein, das kann man ja auch gar nicht. In den Städten redet man schon darüber. Istanbul ist da eh viel liberaler als wir das uns hier vorstellen. Berlin ist ein Dreck dagegen, wenn Sie mal da waren, werden Sie überrascht sein, was da läuft. Istanbul ist ebenso hip wie Tel Aviv. Alles andere als diese religiös verdruckste Welt, die man sich hier meist vorstellt.

 

Rebellion ist also Zeitgeist? Der derzeitigen politisch-gesellschaftlichen Situation geschuldet?

Ja. Wir gehen da nicht mit der theaterwissenschaftlichen Brille durch die Lande und suchen uns Stücke, die in unseren Kram passen. Da das Theater auf die Welt und die Gesellschaft reagiert, finden wir die Thematik so vor. Und wir bündeln das einfach

 

Haben Sie Beispiele für tagespolitischen Themen in Stücken?

Das Stück „Zoran Dzinzic“ beispielsweise. Es ist der Versuch einer Hypothese, wie der erste frei gewählte Präsident Serbiens nach dem Krieg ermordet werden konnte. Das Stück untersucht und thematisiert den gesellschaftlichen Geist, der letztlich zum Klima der Ablehnung und zur Ermordung beitrug. Oder Breivik. Der wollte auch gegen –  aus seiner Sicht – Missstände rebellieren. Zum Glück sehen das die meisten Menschen als furchtbar und verrückt an. Aber aus seiner Innensicht wollte er die Welt „verbessern“. Er hat ein 1.500 Seiten langes Manifest ins Netz gestellt. Daraus hat ein dänischer Autor ein Theaterstück gebaut, das enorm verstört. Man könnte fast ihm zustimmen wollen, so präzise sind seine Argumente und Analysen. Wären da nicht die grausigen Schlüsse, die er daraus zog und letztlich auch praktizierte. Er deduziert so messerscharf und so klar, dass man sich echt überwinden muss um dann aufzustehen. Um ihm entgegenzurufen: „Entschuldigung, aber das, was du daraus schließt, ist eine menschenverachtende Abartigkeit! Du hast ne Macke!“

 

Erinnert an das Schweigen der Lämmer. Thomas Harris führt die Opfer des Scheusals ja auch nicht gerade als Sympathieträger ein, obwohl man mit ihnen mitfühlen sollte.

Ich kenne den Film zu wenig. Aber bezogen auf Rebellion in unserer Gesellschaft kann man schon von einer Rebellion von rechts sprechen. Ungarn, Frankreich, Niederlande ... aber auch bei uns sind die Rechten auf dem Vormarsch. In Norwegen war das auch so, seit Breivik ist die Bevölkerung allerdings aufgewacht. So etwas wollte man dann doch nicht.

 

Wo sind Sie denn rebellisch?

Ich? Ich bin harmlos. Ich war von 68er-Ideen begeistert und bin sehr misstrauisch geworden, als die harte Zeit der RAF anbrach. Damit konnte ich mich nicht identifizieren.

 

Wobei Andreas Baader in der Retrospektive ja nicht wirklich links war. Er war ein Selbstdarsteller ...

… und Breivik ist das auch. Insofern weiß ich auch gar nicht, ob er wirklich als rechts einzustufen ist, oder einfach als Psychopath, der die rechte Ideologie um sein Geltungsbedürfnis herum gebaut hat. Und das so perfide, dass man geneigt ist, ihm bei Lektüre des Manifests zuzustimmen, wenn da nicht diese absolut grauenhaften Konsequenzen daraus entstünden. Das macht das Ganze furchtbar nachvollziehbar. Es ekelt einen an.

 

Welche Publikumsreaktionen erwarten sie?

In erster Linie verstehen wir unser Festival als eine Informationsveranstaltung, die über Gegenwartstheater informiert. Es ist eben nicht so, dass nur Klassiker Qualität hätten. Ich will Shakespeare nicht zu nahe treten, aber die Moderne wird dem gegenüber viel zu sehr unterschätzt. Es gibt so viele spannende Stücke, aber die kennt keiner. Es ist ein Versuch, den kleineren Sprachgemeinschaften eine Plattform zu bieten, um sich zu repräsentieren. Rumänische Stücke haben es eben nicht so einfach, im Ausland gezeigt zu werden. Und es ist auch ein Versuch, Kulturnationen zu präsentieren. Lessing begründete unsere deutsche Klassik, in dem er deutsche Stoffe einführte. Weg vom Französischen, hin zu eigenen Themen. Ebenso hat jede Sprache ihre Kultur. Und die zeigen wir hier.

 

 

 

Autor: 
Michael Beilharz
Ressort:
Neue Stücke
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