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Die Ruhe nach dem Sturm
Dimiter Gotscheff hat gut daran getan, Peter Handkes leidenschaftliche Sprache in den Mittelpunkt seiner Hamburger Thalia-Theater- Inszenierung zu rücken. Denn „Immer noch Sturm“ handelt von Sprache und davon, wie wichtig es ist, diese zu retten.
Noch ist es windstill auf der Bühne des Großen Hauses am Staatstheater Wiesbaden. Doch dann tritt ein in schwarz gekleideter Mann aus der Dunkelheit hervor. Er schleppt sich langsam zum Rand der Bühne, setzt sich auf einen alten Holzschemel und beginnt zu erzählen. „Eine Heide, eine Steppe, eine Heidesteppe oder wo . . .“, versucht der Mann seine Umgebung zu beschreiben, während zeitgleich grüne Blätter von der Decke zu rieseln beginnen. Der Zuschauer ahnt noch nicht, dass der Blätterregen in den nächsten vier Stunden nicht zum erliegen kommen wird.
„Jetzt rede ich den Klartext, den man mir seit jeher vorwirft!“
Der Ich-Erzähler (Jens Harzer) reflektiert die Geschichte seiner Familie, die ihn bis in die Gegenwart verfolgt. Seine Mutter (Oda Thormeyer) und ihre vier Geschwister Gregor (Tilo Werner), Viktor (Hans Löw), Benjamin (Heiko Raulin) und Ursula (Bibiana Beglau) führen zusammen mit ihren Eltern (Gabriela Maria Schmeide, Matthias Leja) ein bescheidenes Lebens als Obstbauern im kärntnerisch-slowenischen Jaunfeld. Doch dann bricht plötzlich der Zweite Weltkrieg über sie hinein. Es beginnt eine Zeit des Leidens, des Sterbens, aber auch des Widerstands. Die Brüder ziehen an die Front. Zwei werden fallen und einer, der friedfertige Gregor, schließt sich mit Ursula den Partisanen in den Wäldern an. Stets wird die Erzählung durch den Drang motiviert, das Schicksal der Kärntner Slowenen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Dies war wohl auch die Intention von Peter Handke, als er die kärntnerisch-slowenischen Widerstandsbewegungen zum Thema gemacht hat. Das teils autobiografische Stück, Handkes Mutter war selbst eine Kärntner-Slowenin, wendet sich gegen die Geschichte als unwiderrufliche Instanz. Denn wie das Ich feststellt, macht das Lesen über Geschichte hilflos. Man wird wütend über die Geschehnisse, aber man bleibt handlungsunfähig, da es vergangen ist. Aber warum nicht aktiv werden? Warum nicht das Schweigen brechen und Geschichte wieder fühlbar machen?
„In der Sprache bleiben, auf ihr verharren!“
Dem renommierten Regisseur Dimiter Gotscheff gelingt genau das. Seine 2011 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführte Inszenierung lässt die vergangenen Erlebnisse Teil der Gegenwart werden. Er vermischt Geschichte, Erinnerung und Fiktion so stark, dass der Zuschauer jegliches Zeitgefühl verliert. Die Toten werden inmitten des Blätterregens lebendig und bekommen etwas zurück, was ihnen während des Krieges entrissen wurde: ihre Sprache. Ist sie für die Kärntner doch Lebensgefühl und ein Stück Heimat in der Fremde. Nur in der slowenischen Muttersprache kann das glückliche Vor-Kriegs-Leben bewahrt werden. Aber Sprache bedeutet zu Kriegszeiten auch Gefahr. Eine Überlebenschance hat nur der, der sein „Untermensch-Kauderwelsch“ durch reines, schnörkelloses Deutsch ersetzt. Die „Säuberungsaktionen“ der Deutschen scheinen ihre Wirkung nicht zu verfehlen, verlieren die Figuren doch immer mehr ihren Bezug zur heimischen Sprache. Und auch die Sprache der Poesie wird durch eine funktionalistische Abstraktensprache ersetzt, die ihren Niederschlag auf Flugblättern und Manifesten findet.
„Denn wie die Geschichte bloß dramatisieren?“
Der ununterbrochene Blätterregen symbolisiert diese Entwicklung auf eindrucksvolle Art und Weise. Haben die Figuren zu Beginn der Inszenierung noch penibel darauf geachtet, dass keines der Flug-Blätter sie berührt, so liefern sie sich in den Zeiten des Widerstands eine regelrechte Blätterschlacht. Auch hier lässt Gotscheff die Grenze zwischen Fiktion und Realität verwischen, indem die Zuschauer mit unzähligen Blättern beworfen werden. Allerdings wirkt der Einbezug des Publikums eher wie die Aktion eines gezähmten Peter Handkes. Eine brüskierende Gesellschaftskritik, wie in seinem Stück „Publikumsbeschimpfungen“, bleibt in „Immer noch Sturm“ aus. Aber schließlich braucht man ja auch das Publikum auf seiner Seite, wenn man auf das Schicksal der Kärntner-Slowenen aufmerksam machen möchte.
Die unter der Leitung von Sandy Lopicic entstandene Live-Musik tut ihr übriges, um das Publikum für sich einzunehmen. Mit zarten, friedlichen Akkordeontönen wird einem ein Stück slowenische Lebensgefühl näher gebracht. Das aggressive und durchdringende Dröhnen der Trommeln hingegen machen die Schrecken des Krieges körperlich fühlbar. Je mehr Leid die Familie ertragen muss, desto ekstatischer und stürmischer wird auch die Musik.
„Es ist eine Frage der Zeit, aber welcher Zeit?“
Doch am Ende ist alles still. Im wohl schwächsten Teil des leidenschaftlichen Stücks hält das Ich einen Monolog über die Zeit nach dem Krieg. Was hat den Partisanen der Sieg über die Deutschen gebracht? Nichts. Die Antwort ist eben so erschreckend, wie wahr. Mit der Unabhängigkeit Österreichs begann der Kampf der slowenischen Minderheit um Sprache, Lebensgefühl und Wurzeln erneut. Mit dem einzigen Unterschied, dass man während des Krieges wusste, wer die Feinde waren. Die einzige Möglichkeit, weiterleben zu können besteht darin, den Pakt des Schweigens einzugehen und so zu tun als ob nichts gewesen wäre.
„Es herrscht doch weiterhin Sturm“, stößt das Ich verzweifelt aus. Doch kein Luftzug weht über die leere Bühne, kein Blatt wird mehr aufgewirbelt und der Blätterregen ist versiegt. Der Sturm von dem die Rede ist, scheint im Inneren der Menschen zu wüten. Ob die Verzweiflung aber jemals wieder in einem solchen Widerstand mündet, bleibt abzuwarten. Die Inszenierung von Handkes opulenten Sprachwerk ist auf jeden Fall ein erster Riss in der Mauer des Schweigens.



















