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Dornhöschen

Staatstheater Mainz – Wunderbare Ballettkunst zu herrlicher Musik, ein Sinnesgenuss. Schade nur, dass es sich bei dieser tollen abstrakten Leistung um „Dornröschen“ handeln sollte, ein Handlungsballett.

 

Pascale Touzeau ist ein Langweiler. Touzeaus choreografische und gestalterische Qualitäten sind über jeden Zweifel erhaben. Herr Touzeau kann einfach kein Handlungsballet.

Diese drei Thesen möchte man wagen, wenn man die aktuellste Schöpfung des Mainzer Ballettdirektors betrachtet hat. Auf gut drei Stunden inszenierte er den großen Klassiker „Dornröschen“ mit der wunderbaren Musik von Tschaikowskij und verlangte nicht nur den Sitzmuskeln der Zuschauer einiges ab, sondern auch dem Kopf. Den galt es nämlich abzustellen, um das Tanzspiel zu genießen. Ein bisschen wie Zen-Meditation: Wenn man erst einmal geschafft hat, nicht mehr zu denken, ist es klasse – aber keine leichte Aufgabe, wenn man ständig nach einer Geschichte sucht. Dabei hatte Touzeau eine ganz gute Idee: Dornröschen einmal ganz anders im modernen Puffumfeld. Die einstige Märchenprinzessin wächst heute in einem Bordell auf und was sie an ihrem 18ten Geburtstag sticht, ist keine Spindel, sondern ein Freier. Bei der Entjungferung flüchtet sie sich in eine leere Phantasiewelt und fällt ins Koma. Was folgt, sind die bekannten hundert Jahre Schlaf in Form einer Traumsequenz und das Erwachen in einer neuen Welt und Gesellschaft. Das spielt aber im Verlauf der Inszenierung leider keine Rolle mehr.

 

Touzeau und seine Figuren

 

Moderne, weit ausholende Bewegungen und Armverrenkungen stellen den beinahe grotesken Leib zur Schau und richten den Blick der Zuschauer direkt auf die puren Körper. Das steht für die ausschweifende Lebensform und – nun, eben die ostentative Körperlichkeit des Rotlichtmilieus. Das Konzept ist klar, aber nach zehn Minuten ergeht sich die Choreografie in endloser Redundanz. Durch einheitliche Kostüme und Bewegungen entkleidet Touzeau seine Tänzer jeglicher figurativer Identität. Lediglich das ehemalige Königspaar – heute Bordellbesitzer – sind noch erkennbar, aber kaum interessant. Ohne Figuren ist es gleichgültig, wer sich wann mit wem vergnügt, es scheint eh jeder mit jedem zu wollen. Die böse Fee, hier die leidende und besorgte Mutter Dornröschens (getanzt von Hiroko Asami), sorgt nach zwanzig Minuten mit einem sehr energetischen Auftritt für etwas Abwechslung und bleibt bis zum Ende des ersten Aktes der einzige Höhepunkt. Da tritt schließlich Dornröschen selbst auf, ebenfalls getanzt von Hiroko Asami. Erst eingeführt durch eine kurze Videoprojektion, die sich vor allem auf Asamis großen und schönen Mandelaugen ausruht, packt Touzeau sein westliches Publikum beim seinem verklärten orientalistischen Interesse und hat die Zuschauer schon vor dem Auftritt der Heldin in ihren Bann gezogen. Es folgt eine weitere typische Touzeau-Technik: Dornröschen ist die erste Tänzerin des Abends, die die modernen Bewegungen durch einen eher klassischen Stil konterkarieren. Ein Kontrastspiel, mit dem Touzeau sehr gern seine Hauptfiguren hervorhebt. Eine weitere stilistische Meisterleistung muss hier zugestanden werden: Asami ist die die einzige Tänzerin des Stückes, die mit offenem Haar tanzt. Ihre wilden, schwarzen Strähnen fliegen um ihren Kopf herum und verleihen ihr eine erfrischende Dynamik, die weit über der Gesichtslosigkeit des restlichen Ensembles steht. Aber ein Märchen gelingt leider selten mit nur einer einzigen erkennbaren Figur.

 

Touzeau und die Flucht vor der Narration

 

Der Mainzer Ballettchef versucht sich immer wieder an großen Handlungsballetts: Schwanensee, Aschenputtel und nun Dornröschen, gerne mit seiner eigenen Neuinterpretation, wogegen prinzipiell nichts spricht. Spannend ist aber, dass er immer wieder alles daran setzt, sich dem narrativen Rahmen der Geschichte zu entziehen – Dornröschen bildet dabei eine Art bedauerlichen Höhepunkt. Nach einem ersten Akt von einer Stunde, der kaum Story in sich trägt und nur eine einzige wirkliche Figur, löst sich das Märchen im zweiten Akt – einer Traumsequenz – vollends in Wohlgefallen auf. Die Tänzer in Quasi-Nackt-Suits sind gesichtsloser denn je und auch die paar Stückchen Kulisse aus dem ersten Akt sind verschwunden. In einer zur Schau gestellten nackten Bühne zwischen weißen und schwarzen Wänden sowie etwas Nebel hat Touzeau es wieder einmal geschafft, sich Raum und Zeit zu entziehen und in einen vollkommen leeren und abstrakten Raum zu entfliehen. Der letzte Rest Narration besteht darin, dass unser vermeintliches Dornröschen mit einem der anonymen Tänzer etwas mehr tanzt als mit den anderen unbekannten und uninteressanten und nichtssagenden Gestalten. Da heißt es Kopf abschalten und Touzeau in seiner Reinform als abstraktes Ballett rezipieren, denn abstrakt kann er. Wer aufhört nach einer Geschichte zu suchen, findet Gefallen an der rein ästhetisch in Szene gesetzten Bewegung. Im dritten Akt schließlich ist es vollkommen egal, was passiert. Das Märchen und Touzeaus erzählerisches Konzept sind so weit entfernt, dass lediglich die sonst so brillante Hiroko Asami als Dornröschen etwas stört, da sie seit Stunden das letzte Narration tragende Element ist, an dem sich der unbefriedigte Geist zuweilen etwas aufhängen mag.

Das Publikum wurde von Pause zu Pause etwas leerer, der Rest applaudierte mit Bravorufen. Der einzige Fehler des Abends liegt wahrscheinlich in der Ankündigung eines Handlungsballetts.

 

 

 

 

Weitere Vorstellungen am 8.3., 9.3., 12.3., 28.3., 26.4., 29.4.

 

 

 

 

Autor: 
Johannes Kraus
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Foto: Martina Pipprich
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