Anzeige

Ein kultureller Bastard in den Mainzer Kammerspielen

„Freiläufer“ ist ein lebendiges Bühnenessay über die Freiheit, das am Ende aber leider Tiefgang und Wirkung verschenkt.
 

„Die Idee war, etwas über Freiheit zu machen, allerdings in keinster Weise politisch sondern ganz individuell subjektiv. Was macht mich frei für etwas beziehungsweise von den Dingen, die ich so mit mir herum schleppe.“

 

Mit Tanz, Spiel, Wort und Gesang versucht Ute Faust in ihrem neuen Stück (Gattung „Experiment“) dem Begriff der Freiheit etwas näher zu kommen und den Zuschauer mit auf eine kleine Expedition zu nehmen. Die leere Bühne der Mainzer Kammerspiele ist dazu ihr Labor und die vier „freilaufenden“ Akteure Katharina Bahlmann, Yi-Lun Chen, Gabriela Jiraskova und Sabine Seelig sind die Kaninchen in diesem Versuchsaufbau. Akustisch begleitet von der Anfangssequenz des A-Teams starten die Vier, einer Spezialeinheit gleich, mit der Suche nach dem, was Freiheit sein könnte. Sie trainieren Körper und Geist, sie pirschen sich mit ihren Zeltplanen tänzerisch durch den Raum und raten Tiere anhand ihrer Geräusche. Auf alles, was von außen auf sie zukommen kann, wollen sie vorbereitet sein – der Konflikt kommt aber von innen, aus der Gruppe heraus. Während sie miteinander spielen und essen, einander Lieben und das Herz ausschütten muss eine immer stänkern. Sie lacht aus, äfft nach und rempelt an. So lange, bis sie statt Freiheit zu erlangen die Gemeinschaft verliert.

 

„Im Laufe der Arbeit habe ich festgestellt, dass Freiheit sich auch darüber definiert, wie man miteinander in Beziehung steht. Ich kann allein auf einem Berg meditieren und mich unglaublich frei fühlen, aber das Spannende fängt da an, wo ich in Kontakt komme“, fasst Ute Faust zusammen.

 

Die Spitze des Eisbergs

Der Störenfried der Truppe heißt Kovskilinchen. Das weiß der unvorbereitete Zuschauer aber nicht und das ist schade. Denn genau hier liegt der eigentlich spannende Moment der Inszenierung. Kovskilinchen lehnt sich am Namen der Schauspielerin Jiraskova an und ebenso gestaltet es sich mit den Namen der übrigen Figuren (die der Zuschauer auch nie erfährt) und Ihren Darstellerinnen. Wenn Sabbelchen erzählt, dass sie nie einen Kindergartenplatz bekam und Probleme mit dem „S“ hat, dann sind das Fakten aus dem Leben der Schauspielerin Sabine Seelig. Hier stehen also halbauthentische Figuren auf der Bühne. Die Akteure sind sowohl Rolle als auch Privatperson. Und im Probenprozess, der zugleich zur Stückerarbeitung diente, sind diese vier Personen und Ute Faust in Kontakt und Beziehung getreten. Sie haben sich ihre Herzen ausgeschüttet und viel von dem entstandenen intimen Material mit ins Stück aufgenommen. Sie haben mehr oder minder Monate lang genau das gemacht, wovon das Stück handelt. Das Stück selbst ist nur das Ergebnis, die Spitze des Eisbergs. Das spannende Projekt bleibt leider dadurch unsichtbar, dass dem Zuschauer kein Hinweis gegeben wird, dass es sich um halbauthentische Charaktere handelt. Dadurch wirken – völlig zu Unrecht - verschiedene Szenen auch etwas unwichtig und das Schauspiel vermeintlich amateurhaft, aufgesetzt und übertrieben. Das Stück funktioniert zwar trotzdem, verliert aber eine Tiefe, die interessant gewesen wäre.

 

Die Moral von der Geschicht'

„Freiläufer“ ist lebendig, ganz ohne Frage. Mit viel Energie füllen die vier Darstellerinnen den Bühnenraum aus, tanzen und singen, lieben und ärgern. Persönliches Material und Zitate geben sich die Klinke in die Hand und die Vorstellung von Freiheit als harmonische und respektvolle Gemeinschaft nimmt wunderbar Gestalt an. Schade, dass es dem Zuschauer am Ende aber nicht zugetraut wird, die Performance verstanden zu haben. In einer letzten Ansprache rechnet die Freiheitstruppe mit Störenfried Kovskilinchen ab und präsentiert dem Publikum die Moral von der Geschichte nochmal überdeutlich zum Mitnehmen auf dem Silbertablett, bevor die sonst so logische und starke Konsequenz des Gemeinschaftsausschlusses wiederum durch ein Friede-Freude-Eierkuchenende zurückgenommen wird. Inkonsequent? Wohl eher gnädig. Aber auch hier wieder etwas zu fett.

 

Freiläufer läuft noch einmal am 12. sowie am 13. Februar um je 20 Uhr in den Mainzer Kammerspielen.

 

 

 

 

Autor: 
Johannes Kraus
Facebook:
Artikel bewerten:

Dies bewerten

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4 (1 Bewertung)

Flattr

Galerie: 
Foto: Veranstalter