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Ein Mensch stirbt – und keine Uhr bleibt stehen

Matthias Fontheim führt am Staatstheater Mainz einen Klassiker der Nachkriegsliteratur auf, dessen Aktualität in der Banalität des Lebens und Sterbens jedoch bis weit in unsere Zeit reicht. Borcherts „Draußen vor der Tür“.

 

Ein Mensch stirbt – ob er in Somalia verhungert oder den Freitod wählt, weil er die Erlebnisse seines Kriegseinsatzes in Afghanistan, im Irak oder wo auch immer nicht mehr erträgt – und keine Uhr bleibt stehen. Die Straßenbahn klingelt weiter. Die Menschen wenden sich ab. Die Menschen vergessen. Was sollen wir denn auch trauern angesichts des alltäglichen massenhaften Sterbens? „Wie die Fliegen“, so eröffnet ein Beerdigungsunternehmer Borcherts Drama "Draußen vor der Tür", „wie die Fliegen“, noch einmal, und rülpst, die Geschäfte gehen gut, der Tod ist der neue Gott, der geliebt und gefürchtet, aber nie geleugnet wird.

 

Beckmann – einfach nur Beckmann, selbst seine Frau hat seinen Vornamen vergessen, während sie sich einem neuen Mann verpflichtet hat – kommt nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft zurück in ein Deutschland, das er nicht wiedererkennt. Ein Land, das, anders als er, nicht durch den Krieg gezeichnet scheint oder doch sämtliche Erinnerungen daran verdecken will. Beckmann will sich umbringen, doch die Elbe spuckt ihn wieder aus. Der Andere, sein optimistisches Alter-Ego, treibt ihn an, beschwört die Illusion einer Zuversicht und hofft auf ein erfolgreiches Wiedereingliedern in die Gesellschaft. Doch Beckmann kann die Gräuel des Krieges nicht loslassen. Jede Nacht erwachen die Gefallenen, die ihm unterstellt waren, zu neuem Leben und erinnern ihn an die Verantwortung, die ihm sein Offizier übertragen hat. Dieser jedoch, dessen Arroganz und Kälte von Marcus Mislin in bemerkenswerter Authentizität gezeichnet wird, hat sich längst wieder gemütlich eingerichtet im gutbürgerlichen Nachkriegsdeutschland. Er empfängt Beckmann beim opulenten Abendessen mit Frau, Tochter und Schwiegersohn und fordert ihn grotesk auf, doch wieder Mensch zu werden. Die Verantwortung für die elf Toten aus Beckmanns Kommando will er indes ebenso wenig übernehmen wie die eigene Schuld, die er gesammelt hat, bevor er selbst wieder Mensch wurde.

 

`s ist Krieg – und ich begehre nicht schuld daran zu sein!
Dem Zuschauer kommen dabei unweigerlich die Zeilen aus Matthias Claudius‘ "Kriegslied" in den Sinn: „s ist leider Krieg – und ich begehre nicht schuld daran zu sein!“ Beckmann, herausragend gespielt von André Willmund, verkörpert eben dieses lyrische Ich, das sich vor den Geistern der Erschlagenen, blutig, bleich und blaß, zu rechtfertigen hat. Die Gesellschaft, die ihn umfängt, ist viel zu sehr mit Wiederaufbau und kollektivem Vergessen beschäftigt, als dass sie einem Getriebenen, einem Mahnenden Platz bieten könnte, der in der Frage nach Moral, Recht und Sinn kaum verheilte Wunden aufzudecken droht. Beckmann windet sich, er stolpert über die Bühne, wird getreten und erstickt beinahe, er wandelt im Dunkeln und wirkt seltsam fehl am Platze, wenn er das hell erleuchtete, kahle Zimmer betritt, das sich klar von dem dunklen vorderen Teil der Bühne abgrenzt.

 

Noch die Worte des Anderen im Ohr, wonach der Mensch gut sei, fragt er letztlich den lieben Gott nach seiner Rolle in diesem verzerrten Geschehen. Doch auch der etwas verwirrte, gebrechlich wirkende Greis kann Beckmann die Verantwortung nicht nehmen. Es seien seine Kinder, die sich von ihm abgewandt hätten, nun könne er nur hilflos mit ansehen, wie er in Vergessenheit gerät. Hoffnung, so schließt Beckmann, liege also nur in der Tür des Todes.

 

Was macht eigentlich unsere Kollektivschuld?
Ohne auch nur mit einem Wort einen Gegenwartsbezug herzustellen, wirft Fontheims Inszenierung doch zwangsläufig die Frage nach eigener Verantwortung auf. Inwieweit ähnelt das Leben des heuchlerischen Offiziers dem unsrigen, die wir teilnahmslos inselgleich unser Leben in einem Weltteil verbringen, dessen größte Sorge die Stabilität der Währung ist, wenn mit diesem Geld doch kein Hunger beseitigt, niemandem die Tür geöffnet wird? Es wäre zu billig, die Zuschauer hinzustoßen auf die Parallelen, die auf die verschlossenen Türen unserer Zeit verweisen. Sie würden sonst wohl verrückt werden, wie der abweisende Kabarettdirektor im Stück meint.

 

Der Untertitel des Stückes kündigt ein Drama an, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will. Nun gehören die Gräuel des Krieges und die Verfehlungen der Nachkriegszeit größtenteils einer anderen Generation an. Und doch – wenn es etwas wie Kollektivschuld für die Missstände einer Zeit gibt, laden nicht auch wir uns diese zentnerweise auf, geschützt nur durch die wohlfunktionierende Verdrängung in Arbeit, Medien und Kollektiv? Der Krieg verlagert sich, das Leid vor unserem Fenster ist größtenteils gestillt. Stehen unsere Türen heute offen?

 

Alleingelassen, erschöpft, verzweifelt sitzt Beckmann am Ende des Stückes auf den dunklen Bühnenbrettern, im Hintergrund wieder der Kontrast der hell erleuchteten Zimmerwände. Er führt sich die unheilvollen Stationen seit seiner Wiederkehr noch einmal vor Augen und fragt dann  nach dem Sinn des Lebens angesichts des täglichen Mordens, nach dem Sinn seines eigenen Weiterlebens. „Hört mich denn niemand? Gibt denn keiner, keiner Antwort?“ Das Licht erlischt, und die Antwort erfolgt als stürmischer Publikumsapplaus. Borchert verstarb einen Tag vor der Uraufführung seines Stückes im Jahre 1947. Er erlebte weder den Erfolg seines Werkes noch die eigene Berühmtheit. Vor allem aber entging ihm, wie bald der Untertitel des Stückes widerlegt sein sollte. Auch die Aufführung im Staatstheater Mainz beweist, dass es durchaus ein Publikum gibt, das dieses großartige Stück sehen will – und das zu Recht.

 

Weitere Aufführungen: 29. und 30. September sowie 6., 14., 17. und 21. Oktober, jeweils 19.30 Uhr, Staatstheater Mainz, Kleines Haus

 

Foto: Bettina Müller

Autor: 
Philipp Knichel
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