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Ein Romantiker im Wolfspelz

Michel Houellebecq ist seit mehr als zehn Jahren die sicherste Quelle für literarische Skandale. Im Jahr 2010 wurde er mit dem Prix Goncourt geadelt. Ein Versuch, durch das Geschrei hindurch den Menschen zu identifizieren.

„Der Islam ist nun wirklich die dümmste aller Religionen.“ Diese Aussage brachte Michel Houellebecq 2001 den Zorn nicht nur der Islamverbände Frankreichs, garniert mit einem Gerichtsverfahren wegen der „Anstiftung zu religiösem Hass“. Warum sagt ein Mensch so etwas? Er könnte überzeugt sein, vielleicht auch nur von dem, was er mit der Aussage zeigen will. Oder aber, und das soll die erste Vermutung im Fall Houellebecq sein, er versucht damit Aufsehen zu erregen, seine Verkäufe anzukurbeln.
Der Skandal ist der ständige Begleiter des Agraringenieurs, sein Schatten, der alles andere zu verdecken scheint. Sein erstes Buch beschrieb „Die Ausweitung der Kampfzone“: zynisch wird abgerechnet mit einer übersexualisierten Welt, die Sex zur Mangelware erklärt. Deshalb der ständige Kampf ums andere Geschlecht. Der Held des Romans bekommt natürlich die Hucke voll. In der tiefschwarzen Welt des namenlosen Erzählers gipfelt eine Machtfantasie fast im Mord an einem jungen Pärchen. Schuld sind sie nur, weil sie Sex haben. Dass die Tötung nicht vollzogen wird, spielt keine Rolle, denn alles Grausame an der Tat ist schon vorher präzise durchdekliniert worden. 1994 hagelte es heftige Reaktionen. Houellebecq stieg auf zum Dauerobjekt der Feuilletons.
Dem medialen Bedürfnis nach Sensation wurden auch „Elementarteilchen“ (1998) und „Plattform“ (2001) gerecht. Sex blieb das Kernthema, zuerst vor allem durch seine zerstörerische Kraft, die er besonders in Abwesenheit entfaltet. In seinem dritten Roman dann als größtes Problem der Ersten und Heilsbringer für die Dritte Welt: Sollen die Westler, die zuhause nix mehr abbekommen, doch nach Thailand oder Afrika fliegen und dort ihr Geld im Tausch für Befriedigung abliefern. „Was ist schon dabei?“, fragt der Erzähler, wie so oft in philosophischen, nicht eigentlich erzählenden Passagen.

Die Sekunden vor dem Untergang
In Houellebecqs Romanen steht die westliche Welt Millimeter vor dem Abgrund. Physisch, geistig und moralisch abgewirtschaftet taumeln die Menschen ihrem Ende entgegen, verzweifelt auf der Suche nach Sex und, schließlich, Glück. Doch selbst wenn beide für kurze Zeit als Möglichkeit aufsteigen, am Ende kommt der Autor und rückt den Seifenblasen mit der Nadel zu Leibe. Derart den Spiegel vorgehalten zu bekommen schmerzt. Doch trotz der Aussichtlosigkeit des Bildes verkaufen sich seine Bücher prächtig. Will er mit der schonungslosen Spiegelung des Pessimismus auf den Leser nur Aufsehen erregen oder sind dafür seine Beobachtungen zu präzise?
Denn seine Bücher lassen sich auch anders lesen. Als Auflehnung gegen die brutale Welt. Wenn sich in „Die Möglichkeit einer Insel“ Daniel 25, der in der Zukunft als geklonte Kreatur von Photosynthese und Wasser lebt, aus seiner Enklave aufmacht, dann tut er das, um das Glück zu finden. Sein emotionsdepriviertes, weil perfekt funktionierendes und damit auch sinnloses Dasein ist nicht die Krone der Schöpfung, wie vordergründig dargestellt. Es ist nur ein neuer Irrweg, den der Mensch beschritten hat.
„Ich denke, das größte Problem ist, dass man mich mit den Personen gleichsetzt.“ Solche Aussagen machen die Suche nach der Persönlichkeit eines Autors nicht eben leichter.
In Houellebecqs letztem auf Deutsch erschienenen Buch „Ich habe einen Traumfinden sich statt Prosa Essays, kurze Glossen und Interviews. Der Untertitel „Neue Interventionen“ ist schon ein erster Wink. Warum einschreiten, wenn die Lage ohnehin aussichtslos ist?

Das Bild bleibt unscharf
So richtig viel wird aber auch hier nicht preisgegeben. Er liebt seinen Sohn, den er aber äußerst selten sieht. Er war überrascht von den Reaktionen auf seine Äußerungen zum Islam. Echt? Man kommt dem Mann nicht recht auf die Spur, an manchen Stellen kann man ihn offen der Lüge bezichtigen. „Ich bin kein Polemiker, weil ich mich ständig selbst verteidige.“ Offen tut er das, wenn er auf zwei Seiten einen Zeitungsartikel gerade rückt. Verdeckter und doch umfassender, wenn er Auguste Comtes Positivismus diskutiert. Auch der radikale Michel taucht dann auf: Die Kantianer waren grandios, die Strömungen der Psychologie „jämmerlich“. Der Mensch Houellebecq offenbart Einsicht in sein Bewusstsein, ein seltenes Zeugnis, aber ebenso schwer zu dechiffrieren wie die gesamte Person.
Bildlich könnte man sagen: Er stellt sich ins Profil, zeigt nur seine Ecken und Kanten, damit man möglichst wenig von ihm sieht. Der Autor will natürlich Bücher verkaufen, da kommt der Skandal gelegen. Doch Selbstzweck wird er nicht. Lediglich Katalysator für die messerscharfe Analyse, die sein Sinnesapparat liefert. Das kann böse in die Hose gehen wie beim Islam. Oder es kann die Leser fesseln und berühren. Vielleicht ist Michel Houellebecq ein Romantiker. Denn da wo Hoffnung sein müsste, klaffen in seinen Büchern Leerstellen. Man muss sich hinzudenken, was offensichtlich weggelassen wurde – vorgesetzt bekommt man nur die brachiale Antithese. Obwohl er auch Hegel auf die Schippe nimmt: Das klaffende Nichts schreit geradezu nach einer dialektischen Auflösung. Man könnte meinen, es gehe dem Franzosen um Erkenntnis, die er teilen möchte. Nur leider versteht ihn niemand.

 

Michel Houellebecq: Ich habe einen Traum. Dumont Buchverlag, 17,95 Euro.

Autor: 
Marius Meiß
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