Ein Soloalbum im positivsten Sinne
EMA – Past Life Martyred Saints // Souterrain Transmissions/Rough Trade // VÖ: 03.06.2011
Es passiert ziemlich genau nach 21 Sekunden: Nach schüchternem Einzählen, einem kurzen dezenten Rauschen und einigen an sich recht unspektakulären Akustikgitarrenakkorden tritt auf einmal eine Stimme hervor, die einen sofort einnimmt und für die folgenden 37 Minuten nicht mehr loslässt. Man kann gar nicht genau sagen, was so besonders ist an ihr, doch irgendwie klingt dieses zerbrechliche Hauchen von Worten und Sätzen ziemlich einzigartig.
Nachdem dann eine gute halbe Stunde später die letzten Töne des Albums verklungen sind, dauert es erst mal eine Weile, bis man sich aus seiner Schockstarre befreien kann. Wow! Was war das denn gerade? Zunächst weiß man eigentlich nur eines: „Past Life Martyred Saints“ von EMA ist so ein Album, bei dem einem schon beim ersten Hören klar wird, dass man gerade Zeuge von etwas Großem wird. Auch wenn es natürlich einige Durchgänge mehr braucht, bis man die ganze Größe tatsächlich halbwegs überblicken kann. Und es fällt schwer, diese Platte zu beschreiben, ohne hundertmal das Wort intensiv zu benutzen.
Am besten also erst mal die Basics klären: EMA ist das Soloprojekt von Erika M. Anderson, die aus South Dakota stammt, im Alter von 18 Jahren nach Los Angeles zog und dort unter anderem in der von zahlreichen Musikkritikern abgefeierten Band Gowns spielte, zusammen mit Ezra Buchla. Die beiden wurden ein Paar, trennten sich, die Band implodierte und nun ist Erika alleine unterwegs. Um sich einen Eindruck zu verschaffen, wie ihre Musik klingt, eignet sich ein Zitat von ihr: „Tonal guitar feedback is one of my all-time favourite sounds.“
EMA begreift Folk und Noise als Brüder im Geiste. Langsam und dröhnend, krachig und melodiös drücken sich die Songs aus den Boxen und strahlen dabei eine morbide Schönheit aus. Und dazu diese Texte, die nur so wimmeln von Sätzen, die einen regelrecht anspringen. Es geht um die düsteren Seiten des Lebens zwischen obsessiven Beziehungen und Selbstverletzung, doch das frei von jeglicher Emo-Jammerhaftigkeit. Stattdessen durchleuchtet EMA sich selbst und legt dabei eine Ehrlichkeit an den Tag, die für den Hörer beinahe schon unangenehm ist.
„The Grey Ship“ ist ein Opener, der einen trotz seiner Langsamkeit zunächst einmal tüchtig überfährt und gerade deshalb perfekt dazu geeignet ist, den Hörer in das Klanguniversum von EMA zu entführen. „California“ entfaltet in seiner Getragenheit einen geradezu sakralen Charakter, der jedoch spätestens von bitteren Zeilen wie „I’m just 22, I don’t mind dying“ gebrochen wird. Aus den süßen Melodien in „Anteroom“ und „Milkman“ hätten andere Musiker schlichte Popsongs gemacht. EMA nutzt sie stattdessen, um sich noch tiefer in Herz und Hirn des Hörers zu graben.
Die Griffbrettslides im anschließenden „Marked“ klingen wie wenn jemand mit seinen Fingernägeln über eine Tafel kratzt. Es ist ein schmaler Grat zwischen Wohlklang und Krach, und EMA versteht es meisterhaft, darauf zu balancieren. „Breakfast“ kaschiert seine abgrundtiefe Düsternis noch mit einer gespielten Harmlosigkeit, bevor dann in „Butterfly Knife“ den Dämonen freier Lauf gelassen wird. Das abschließende „Red Star“ gleicht einem Ausblick über ein Schlachtfeld nach dem Kampf, während in der Ferne die Sonne glühend versinkt.
„Past Life Martyred Saints“ ist ein Soloalbum im positivsten Sinne; es ist voll und ganz von der Persönlichkeit Erika M. Anderson durchzogen. Es kommt außerdem selten vor, dass Debütalben von der ersten bis zur letzten Sekunden so stimmig klingen. Was bleibt also noch zu sagen, außer dass „Past Life Martyred Saints“ das aufwühlendste Album seit langem ist.















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