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Ein viel zu wenig gebrauchtes Wort: Ich

Marc Fischer // Die Sache mit dem Ich // Kiepenheuer & Witsch // 14,99 Euro

 

Lange war es im Journalismus verpönt, und noch heute liest man das Wort verhältnismäßig selten in deutschsprachigen Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln: „Ich“. Mal mehr, mal weniger geglückt wird sich um die Benutzung dieses kleinen Wörtchens gedrückt, denn man möchte ja nicht für sich sprechen, sondern mindestens für die ganze Redaktion – wenn nicht gar einen Großteil der Gesellschaft. Im US-Journalismus ist das anders: Spätestens seit dem Aufkommen des „New Journalism“ in den sechziger Jahren wird hier nicht selten aus der Ich-Perspektive geschrieben, gerade in Reportagen. Eigentlich logisch, schreibt doch der Autor des Artikels zumindest zum großen Teil über von ihm Erlebtes, über seine Eindrücke eines Ortes, einer Person oder Sache. Marc Fischer, der im vergangenen Jahr im Alter von vierzig Jahren starb, gehörte zu den wenigen, die solche Reportagen auch in deutschen Medien unterbrachten. In „Die Sache mit dem Ich“ sind nun 43 seiner Reportagen und Artikel versammelt, und alle sind aus der Ich-Perspektive geschrieben. In wenigen wird man im klassischen Sinne beziehungsweise in klaren Worten informiert, doch erfährt man etwa aus Fischers Beschreibung einer fast surrealen Begegnung mit dem Autor T.C. Boyle mehr über den Interviewpartner als aus den meisten anderen Artikeln. Die beiden besten Texte aber spielen in Hotels: Im einen geht es um die somalische Exilregierung, die auf verschiedene Hotels Nairobis verteilt seit Jahren die Rückkehr in ihr Heimatland vorbereitet, im anderen über romantische Stunden mit Kate Moss auf der Dachterrasse des Ritz Carlton in Paris.

Autor: 
Matthias Schmidt
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