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Eine Feier der Freiheit

Anfang September veröffentliche Marcus Wiebusch einen Kurzfilm zu seinem Song „Der Tag wird kommen“ in dem er die Problematik von Homosexualität im Fußball thematisiert. Wir haben mit ihm über das Video, sein Album und Musik mit Haltung gesprochen.

 

Der Film zu „Der Tag wird kommen“  ist nun fast 2 Monate draußen. Über 700.000 Klicks und Zuspruch von vielen Seiten. Hat dich das überrascht?

 

Schon. Der Song ist ja schon einige Monate, im April, rausgekommen. Und als der Film rauskam hat uns das schon überrascht, weil wir keine Marketinggelder in die Hand genommen haben um den Film großartig zu bewerben. Wir haben den stumpf hochgeladen und dann ging er viral durch die Decke.

 

Am Ende des Films sind Fans verschiedener Vereine im Video zu sehen. Wolltest du einen konkreten Bezug herstellen?

 

Der Refrain ist ja losgelöst von der Story in dem Song, da ist die Rede von einem defusen Wir. Wer ist denn dieses Wir? Das sind halt die Fans, denen es vollkommen egal ist, ob jemand homosexuell ist oder nicht. Die wollte ich einfach ausstellen. Viele Leute wollen Flaggen zeigen und darauf aufmerksam machen, dass es ein völlig absurder Zustand ist, dass wir immer noch keinen homosexuellen Fußballer haben.

 

Was geht dir durch den Kopf, wenn die Spex darüber schreibt, dass du den moralischen Zeigefinger hebst?

 

Dieser Vorwurf ist absolut absurd. Was mach ich anderes in dem Song als die Dümmsten der Dummen klar zu benennen? Das mach ich im übrigen auch bei Rassisten, Antisemiten und Faschisten. Bei Homophoben kann ich keine Graustufen erkennen, wie man das anderes sehen kann, als die Dümmsten der Dummen zu benennen. Und wenn das moralischen ist, ist jeder politische Song der etwas will, von den Kennedys bis zu The Clash, in den Augen der Spex ein Song der den moralischen Zeigefinger hebt. Na, herzlichen Glückwunsch Spex.

 

Was passiert, wenn sich in nächster Zeit ein aktiver Fußball-Profi outet? Kannst du den Song dann überhaupt noch spielen?

 

Natürlich. Es ist eine Feier der Freiheit, der Liebe. Der Song hat ja sehr stark was mit einer Hoffnung zu tun, dass der Fußball an die Alltäglichkeit der Homosexualität in Mode, Kunst und Kultur anknüpft. Und wenn das irgendwann so ist, werd ich den Song immer noch spielen. Vielleicht als Zeitdokument. 

 

Muss man sich im Jahr 2014 mit Videos und anderen Aktionen als Künstler durchsetzten. Oder war der Motor hinter dem Video weniger egoistisch, sondern die Möglichkeit eine breitere Masse auf das Thema aufmerksam zu machen?

 

Ich wollte eine größere Masse darauf aufmerksam machen. Sonst hätte ich mir das schenken können. Meine Grundpopularität ist zwar schon durch den Song stiegen, aber nicht so durch die Decke gegangen wie bei Kettcar. Wir, die Regisseure und ich, sind der Meinung gewesen, dass wir hier etwas schaffen können, was eine große Öffentlichkeit erreichen kann.

 

In den Medien scheint das Lied, das restliche Album zu überschatten. Stört das?

 

Das wäre jammern auf extrem hohen Niveau. Wenigstens hab ich einen Song der das schafft. Mir war auch beim Komponieren immer klar, dass es was ganz besonderes werden wird. Deshalb bin ich dankbar für die Aufmerksamkeit, die er kriegt. Natürlich wünsch ich mir, hier und da, dass Songs für die ich auch geackert habe, auch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit bekommen. Bei Konzerten bekommen sie das auch, aber in der medialen Rezeption überstrahlt „Der Tag wird kommen“schon alles.

 

Du hast von Liedern mit Haltung geredet, was meinst du damit? Eine Botschaft? Einen Kern?

 

Auf dem Album hab ich Songs in denen ich ganz stark eine Haltung zu Hipstertum, eine Haltung zu Internetidioten, eine Haltung zu Homophoben-Idioten hab. Ich positioniere mich. Das mein ich mit Haltung, dass man nicht hin und herschwankt. Einerseits, andererseits. Das ist vielleicht auch gerade der Vorwurf von der Spex gewesen. Viele Leute haben damit ein Problem, gerade weil ich früher metaphorische Texte geschrieben haben, in denen man immer das eine oder das andere sehen konnten und jetzt mach ich das einfach ganz klar. Und das hat bei einigen Leute nichts mehr mit Kunst zu tun, weil man sich eben so stark positioniert.

 

Gibt es zu wenig Musik mit Haltung?

 

Ja, ich hätte schon gerne mehr haltungsstärkere Künstler. Natürlich gibt es immer noch einige Künstler, aber das ist alles sehr komplex. Beispielsweise bei dem Thema Homophobie und Fußball hab ich sehr stark recherchiert. Keiner kann mir inhaltlich den Song am Kragen packen. Was ich damit sagen will: Wenn du ein anderes Thema bearbeitest, beispielsweise das Finanzwesen. Wenn du da einen politischen Text zu schreibst und der ist nicht zu hundert Prozent wasserdicht, kriegst du von allen Seiten nur Feuer. Es ist sehr schwierig in unserer Zeit noch haltungstarke Lieder zu schreiben. Aber ich bin dankbar für Bands wie Kraftklub, die sich auf dem neuen Album mit politischen Sachen auseinander setzen. Ich bin dankbar für Marteria, der bei „Bengalische Tiger“eine defuse Unzufriedenheit beschreibt. Ich bin dankbar für Bands wie Neonschwarz.

 

 

2011 Thees Uhlmann. 2012 John K Samson. 2014 Marcus Wiebusch Solo-Album. War das der Wunsch nach neuen Perspektiven, einem neuen Rahmen für das künstlerische Schaffen?

 

Von jedem Künstler finde ich den Wunsch ein Solo-Album zu machen viel nachvollziehbarer, als kein Solo-Album zu machen. Mir fallen auch nur U2 und Coldplay ein, wo es kein Solo-Album gibt. Sonst gibt es ja immer bei großen Bands wie Interpol, The Strokes oder Bloc Party, jemanden der ein Solo-Album macht. Ich wollte einfach etwas machen, was mit dem alten Dampfer Kettcar nicht gegangen wäre, weil ich sehr sehr schnell Musik machen wollte.

 

Deshalb auch 7 Produzenten für 11 Lieder?

 

Was zu erst gegen so viele Produzenten spricht ist erstmal das Geld. Man muss sich immer wieder neu auf die Leute einstellen und das kostet Zeit und Zeit ist Geld. Zweitens gibt es eine Heterogenität im Sound, aber genau das wollte ich, dass das Album funktionier wie ein Mixtape. Dass man das Album dann doch so gut durchhören konnte, hat mich selber überrascht. Ich wollte mir es nicht gemütlich machen. Ich wollte mit unterschieden Leuten unterschiedliche Sachen machen.

 

Haben die Produzenten miteinander kommuniziert oder haben sie autark gearbeitet?

 

Die wollten schon die anderen Sachen hören, aber ich hab gesagt: "Wir beide machen das hier und jetzt nach reinem Gewissen und am Ende wirst du sehen wo der Song auf dem Album landet."

 

Ist der Marcus Wiebusch in dem Solo-Projekt wütender als bei Kettcar, aber gesetzter als bei …but alive?

 

Es wir langläufig gesagt, dass ich auf dem Album mehr brenne. Aber so eine Wut wie ich sie bei …but alive gespürt habe, kommt eigentlich nur an einer Stelle bei „Der Tag wird kommen“raus. Ich wollte ein inhaltreicheres Album machen. Das war eine Seite die in mir geklungen hat und der musste ich nachgeben. Als ich die Texte und die Themen fand, war das ein natürlicher Prozess. Was oft unterschätzt wird ist, dass ich die ganze Zeit bei Kettcar, selbst wenn ich die romantische Balu-Ballade geschrieben habe, immer ein politischer Mensch. In Hamburg wirst du niemanden finden der sagt, dass Kettcar eine unpolitische Band war. Wir haben das bloßnicht so in unserer Kunst transportiert. Die Leute kriegen dass nicht zusammen. …but-alive: politische Texte also politischer Mensch. Bums, Label drauf. Kettcar: Balu, Landungsbrücken raus, aber immer noch der gleiche politische Mensch, der auf dem G-8 Gipfel in Heiligendamm spielt, der mehr Soli-Konzerte für die linke Szene gespielt hat als Tocotronic und Die Goldenen Zitronen zusammen. Ich werde immer dieser zornige Mensch sein, der sich klare Gedanken zu der Politik macht und sie auch äußert, nur nicht immer in der Kunst.

 

Mit „Nur einmal Rächen“ wendest du dich den Außenseitern zu. Du meintest mal, das wäre schon in der Schulzeit so gewesen, dass du dich für Schwächere eingesetzt hättest. Kommst das daher?

 

Das hat etwas mit Gerechtigkeit zu tun. Ich war früher, und heute in abgeschwächter Form, ein Gerechtigkeitsfanatiker. Lustigerweise sind es meine beiden Jungs auch. Wenn irgendjemand in der Schule drangsaliert wurde, bin ich so dermaßen dazwischen gegangen. Oder wenn es ungerecht wurde, drei gegen eins. Die Situation die ich in dem Song beschreibe ist nunmal ungerecht für den Nerd. Das ist eine Triebfeder für mich, weil das ein Zustand ist der so nicht sein sollte. Die damals Gedemütigten und die zusammen geschlagen wurden, weil sie schwach waren, haben heute auf Grund der technologischen Entwicklung und ihrem unfassbaren Wissen die Möglichkeit sich zu rächen. Das war vor 20 Jahren noch nicht so. Heute kannst du dir die zehn größten Internetfirmen der Welt angucken, du wirst in neun Führungsebenen die knüppelharten Nerds finden. Das ist irgendeine Form von Rache, aber natürlich ist das eine Verzweifelte. In dem Song wird ja beschrieben, dass er alleine seinen Champagner trinkt und natürlich macht dich das nur glücklich, wenn du das mit jemandem teilen kannst.

 

Autor: 
Tobias Siebert
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M. Wiebusch - Der Tag wird kommen