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Eine zeitlose Geschichte über das Fehlen der Zeit

Zeit ist das zentrale Thema in Stéphen Delattres neuem Ballettstück: Zusammen mit seiner Dance Company hat er in einem zweistündigen Handlungsballett die Geschichte von „Momo“ inszeniert. Und trifft damit den Nerv der Zeit, denn: Bis Mai sind die Vorstellungen in den Mainzer Kammerspielen ausverkauft.

 

Michael Endes Roman „Momo“ ist so aktuell, als hätte sich die Welt seit 1973 - dem Jahr seiner Erscheinung - nicht weitergedreht. Der Mensch ist Knecht der Zeit. Er kuscht, wenn die Uhr zuschlägt. Er hat Burnout und sogar noch stolz darauf. Nichts hat sich verändert.

Zeit, sich die Geschichte von „Momo“ und deren Essenz  in Erinnerung zu rufen, fand Stéphen Delattre, der Ballettmaestro Terrible.

Herausgekommen ist ein zweieinhalbstündiger Ballettabend, ein Spektakel für Aug' und Ohr.

 

In zwei Akten erzählt der kreative Ballettchoreograph die Geschichte des kleinen Mädchens ohne Vergangenheit, die nur durch ihre Aufmerksamkeit und ihr Mitgefühl den Mitmenschen das Glück im Hier und Jetzt lehrt und durch ihre Gegenwartszentriertheit das Böse, in dieser Geschichte die zeitraubenden Grauen Herren, ihrer Lebens“zeit“ beraubt.

 

Die tänzerische Leistung der 10-köpfigen internationalen Dance Company ist wie zu erwarten grotesk und unheimlich pittoresk. Sie verblüffen ihrer zeitgenössischen Ballettart entsprechend mit Bewegungen, die das Auge glänzen lassen – vor Rührung und vor Faszination. Getanzt wird mal modern barfuss, mal klassisch mit Spitze, mal verstörend in Sportschuhen. Ob filigran und fließend oder zackig abgehackt mit unerwarteten Körperverdrehungen, die Tänzer gehen an ihre Grenzen und sind grenzenlos exzellent. Die Mimik spielt diesmal eine große Rolle, schließlich handelt es sich um eine komplette Geschichte und nicht wie sonst von Dellattre gewohnt, um einzelne, in sich abgeschlossene Tanzepisoden. Und so lächelt die rothaarige Momo im zerrissenen Flatterkleid, schaut erstaunt, ist bekümmert,wenn sie ihres gestressten, zuckenden Freund Leid nicht lindern kann. Chapeau an die Tänzerin Giulia Torro, die erst 2013 zur Dance Company dazustieß und sie so schnell bitte nicht verlassen soll.

 

Die Grauen Herren machen ihrem Namen alle Ehre - grau ist ihr Erscheinen, grau sind die Bewegungen. Und grau ist die Atmosphäre, die sie hinter sich her ziehen, wenn sie auftauchen. Gesichter haben sie nicht, dank der Kostümbildnerin stecken sie in Ganzkörperstrumpfhosen und Schweißerbrillen fest. Geraucht wird simultan. Sie tanzen zackig, unrund und bedrohlich. Das Kollidieren mit den fröhlichen Stadtmenschen ist für letztere verheerend: Die Unbekümmertheit, symbolisiert durch federleichtes Tänzeln vor pastellfarbener Bühne, ist verschwunden, Gestresstheit und Zeitmangel machen die Bewegungen schwer und offensichtlich unkoordiniert. Beeindruckend ist der Toten-Tanz an den Schreibtischen. Es gibt nur noch ein lustloses maschinelles Nebeneinander, das kontakt-improvisierte Miteinander ist passé.

 

Am Ende gewinnen bekanntlich die Guten: Dank Momo, der Schildkröte Kassiopeia, bedächtig anmutig tänzelnd und der Meisterin Hora in ihrer atemberaubenden Spitzenerscheinung lösen sich die Grauen Herren in Luft auf. Das Publikum ist begeistert, Standing Ovations für den großen Dellattre und seine Tänzer. Auch wenn sich die bisher von Dellattre-Stücken gewohnte Reaktion - Gänsehaut und strapazierte Tränendrüsen – nicht einstellt (vielleicht war mir die Musik zu Mainstream?) ist „Momo“ Ballettkunst auf höchstem Niveau. Den gesamten Abend – die Tänzer, das Tanzen, die Kostüme und die Musik – fasst eine Frankfurter Besucherin mit einem einzigen Wort zusammen: „Grandios!“

 

Weitere Termine am: 7.3., 8.3., 9.3, 23.5., 24.5., 25.5.

 

 

 

 

Autor: 
Julia Herz -el Hanbli
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