Anzeige

Entscheidende Unentschiedenheit

Die Premiere von Verdis „Die Macht des Schicksals“ löst in Wiesbaden gespaltene Reaktionen aus.

 

Wenn nach dem letzten Akkord Jubel und Buhrufe so schnell aufeinander folgen wie am 25.1. im Großen Haus in Wiesbaden, dann spricht das für eine turbulente Aufführung. Dabei wird die Handlung in Verdis Oper schon durch die Unentschiedenheit der Charaktere sehr turbulent. Die Inszenierung des Klassikers „La forza del destino“ gilt durch seine schnellen Szenen- und Ortswechsel als schwierig, was Karaman auf filmische Art löst. Eine geschickte Bühnenkonstruktion hilft die Zeitsprünge elegant zu gestalten.

 

Beim Versuch mit dem Liebsten Alvaro (Marc Heller) zu fliehen, kommt Leonoras Vater (Bernd Hofmann) durch einen gelösten Schuss ums Leben. Leonoras Bruder Don Carlo (Olafur Sigurdarson) schwört Rache, doch als er den vermeintlichen Mörder im Krieg wiedertrifft, erkennt er ihn nicht und sie werden Freunde. Die Rettung des Verwundeten Alvaro geht in Wiesbaden mit jeder Menge Blut und Metzgerkittel vonstatten, was auch einen komische Moment innehat.

Leonora ist mittlerweile als Einsiedlerin von aller Welt verlassen. Als Don Carlo Alvaro erkennt, flüchtet dieser sich in ein Kloster, doch ist er auch hier nicht sicher. Leonora liebt Alvaro noch immer, trifft jedoch nur ein um zu sehen wie Alvaro Don Carlo erschießt. Ihm zu Hilfe eilend bringt dieser sie mit letzter Kraft um.

 

Schicksal oder Zufall

 

Verdis Stück ist die lebendige Frage nach dem Schicksal. Und die perfekt choreografierte (Fabian Posca) Aufführung gibt die Antwort. Nichts passiert einfach nur so. Aus dem kleinen Raum am Anfang des Stückes schiebt sich eine schier endlose Duplikation, der Raum bleibt immer im Hintergrund (und Hinterkopf) ist er doch nur Allegorie für die zerstörerische Macht des Schicksals selbst. Licht und Schatten, Himmel und Hölle sind auf verdrehte Art auf der Bühne präsent. Von aufreizenden Nonnen bis zu einem mephistoähnlichen Kirchendiener (wunderbar: Joachim Goltz) spielt Karaman mit dem scheinbar Klaren. Die Charaktere wollen dem Schicksal trotzen, glauben nicht, dass es sie zu trennen vermag und müssen doch am Ende erkennen, dass ihr Schicksal besiegelt ist und sie sich ihm fügen müssen. Das schicksalhafte Leben des Alvaro ist mehr Fluch als Strafe.

Immo Karaman verlegt die Handlung in die erste Hälfte des 20sten Jahrhunderts, was offenbar nicht allen Zuschauern recht ist, doch entstehen durch diese Entscheidung einige der aussagekräftigsten Bilder des Abends. Die Kriegskritik die aus der in ein Bordell verlegten Kriegsszene spricht ist erdrückend und auch die Einsätze des Chors sind eindrucksvoll. Die implizierte Kritik scheint nicht deutlich genug, so singt der Pfaffe nach dem freizügigen Auftritt der Nonnen vom Verfall der Sitten, was kaum honoriert wird.

 

Das grandiose Ensemble unter Leitung von Wolfgang Ott ist an diesem Abend unumstritten und darf sich über viel Szenenapplaus freuen. Besonders stimmgewaltig präsentieren sich Sigurdarson als Don Carlo mit durchdringender und klarer Stimme, sowie Ute Döring als enge Vertraute, die auch in der Doppelbesetzung als Preziosilla eine gute Figur macht. Nach dem Auftritt des Pfarrers im Spiegel erlöschen alle Lichter, in verheißungsvollem pianissimo fällt der Vorhang.

Während sich die Figuren bei Verdi oft nicht entscheiden können bezieht das Publikum klar Stellung. Die vorsichtige Modernisierung und das raffinierte Bühnenbild stoßen auf wenig Gegenliebe. Doch Interpretation und Inszenierung bleiben Geschmackssache, die musikalische Qualität hingegen erkennen (zum Glück) alle.

 

 

Weitere Aufführungen am 8.2., 12.2., 27.2., 7.3., 18.3., 29.3.

 

 

 

Autor: 
Frederike Holewig
Facebook:
Artikel bewerten:

Dies bewerten

Noch keine Bewertungen vorhanden

Flattr

Galerie: 
Foto: Lena Obst
Foto: Lena Obst
Foto: Lena Obst
Foto: Lena Obst