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„Erzähl, Digger, deine Geschichte!“

Feridun Zaimoglu ist seit Februar Stadtschreiber von Mainz. Mit uns spricht er über seinen neuen Roman Siebentürmeviertel, Selbstzweifel und Schreiber, die wie Aufnahmegeräte fungieren.

 

 

STUZ: Ihr neuer Roman Siebentürmeviertel erschien am 17. August. Worum geht’s?
Wir schreiben das Jahr 1939. Schauplatz ist das Armeleuteviertel Siebentürme in Istanbul. Der deutsche Junge Wolf ist 6 Jahre alt, Halbwaise. Die Mutter ist bei der Geburt gestorben. Sein Vater musste das Land Hals über Kopf verlassen. Es geht in diesem Buch um knapp 15 Jahre des Lebens vom Wolf, in einer archaischen Gesellschaft. Es ist eine sehr bemerkenswerte Zeit gewesen. Die 40er Jahre in diesem Viertel, aber auch in Istanbul. Es lebten viele Völkerschaften neben- und miteinander.

 

Haben Sie viel recherchiert für das Buch?
Vor vier Jahren ungefähr bin ich deswegen nach Istanbul gefahren. Ich habe das gemacht, was ich in der Zeit der Recherche für jedes Buch mache. Nämlich, ich bin auf die Straßen, also eine Art Ortsbegehung. Ich habe mir die von mir ausgesuchten Schauplätze angeguckt. Ich habe zu Fuß viele, viele Kilometer, Gewaltmärsche hingelegt. Ich habe ja keinen Computer. Ich glaube, dass man sich über das Googlen Informationen beschaffen kann, aber eine wirkliche Geländegängigkeit kann man natürlich nur bekommen, wenn man vor Ort ist. Farbe, Temperatur, Menschen, Überraschungen. Ich saß natürlich auch im Stadtarchiv. Ich musste recherchieren, wie die Leute angezogen sind, welche Gebäude standen damals und welche stehen nicht mehr.

 

Hat sich das sehr verändert?
Ich habe die Stadt nach vier Jahren nicht wiedererkannt. Es ist eine Große Umwelt zugange. In diesem Sinne musste ich mir natürlich auch erschließen, wie die Straßen damals hießen und ich habe dann, na ja, 1,5 Jahre gebraucht für die Recherche vor Ort. Für die Erstellung eines Szeneablaufplans. Also, die Geschichte festgeklopft von Anfang bis Ende.

 

Haben Sie während dieser 1,5 Jahre auch schon etwas geschrieben oder nur den Ablauf geplant?
Ich habe Dialogfetzen festgehalten. Dann habe ich mir neue Ideen aufgeschrieben, wenn ich welche hatte. Manche Ideen verworfen. Ich kann nur eine Geschichte oder einen Roman schreiben, wenn ich dann nicht nur die Figur verstehe, sondern, wenn ich diese Figur bin. Hört sich etwas seltsam an. Es geht natürlich nur in vielen, vielen Monaten. Dann weiß ich: Ich bin so weit. Einerseits bin ich eingestimmt, der Ton stimmt. Zum zweiten habe ich den dicken Szenenablaufplan. Erst dann kann ich mich wieder an den Schreibtisch setzen. Dann heißt es: jeden Tag zum Trubel. Nach dem Frühstück.

 

Nicht schlecht. Sind Sie in irgendeiner Weise eingeschränkt, wenn Sie sich in diese Rolle begeben? Zsuzsa Bánk beispielsweise liest nicht, während sie schreibt. Ist das bei Ihnen auch so?
Ich würde ja umkommen, wenn ich nicht lesen würde. Eine Welt, in der ich auf bloße Wirklichkeit angesetzt bin, ist für mich die Hölle. Ich lese immer Gedichte. Jeden Tag. Und ich lese natürlich jetzt, um mich nicht zu verbilden, keine themenbezogenen Sachen. Oder keine Romane. Um Gottes Willen! Das geht dann nicht.

 

Also ist der Alltag während des Romanschreibens doch anders?
Trotzdem ist das ein ziemlicher Lebensverzicht, ja. Man muss schon so irre sein wie ich, um sich das vorzunehmen. Selbstverständlich flogen mich immer Zweifel an. Zweifel: Wer will das wissen? Was soll das?

 

Was machen Sie in Momenten, in denen Sie an sich selbst zweifeln?
Dann sage ich mir: „Schnauze halten und weiter!“ (lacht herzlich) Wenn es hart auf hart kommt, das ist bekloppt, das habe ich glaube ich noch nie erzählt. Manchmal mache ich auch die Kühlschranktür auf und strecke den Kopf in den Kühlschrank. (lacht) Das mach ich wirklich. Dann ist es wie so eine Ernüchterung. Ich muss dann Unfug machen. Oder ich geh dann los oder sage, ich muss mich dann benehmen, oder schau dann, ob ich zu irgendwelchen erschwinglichen Preisen, Silber ist meins, gibt. Oder ich mache dann Gewaltmärsche bis ich müde bin. Also, richtig müde. So anderthalb, zwei Stunden. Los. Durch die Straßen. So. Und am nächsten Morgen mach ich das wieder. Nach dem Frühstück: Weiter geht’s. Tagessoll erfüllen.

 

Haben Sie dann etwas zu schreiben dabei – falls Ihnen ein Gedankenblitz kommt?
Immer. Also, das ist dann meistens ein gefaltetes Hotelbriefpapier, weil ich ja auch auf Lesereisen in Hotels untergebracht bin. Ich habe immer so ein zweimal gefaltetes Hotelbriefpapier in der linken Arschtasche. Mit Stift natürlich.

 

Wenn denn Gedanken mehr werden als Platz auf dem Blatt ist?
Wenn es anfängt in meine Rübe zu brüllen, dann laufe ich im geduckten Galopp wieder zurück. Sie müssen sich vorstellen. Ich bin nicht verheiratet, ich habe keine Kinder. Ich hatte es auch nie vor. Ich habe sozusagen Zeit. Ich wohne allein. Das bedeutet, dass ich mich dann manchmal um ein Uhr nachts plötzlich aufrichte und brüllend zum Schreibtisch bewege und mich da hinsetze und ab geht die Post. Rausch und Vernunft zu Mischmetall verschmelzen. Man muss rauschhaft sein, ich muss rauschhaft sein, ich muss in alle Richtungen ausstrahlen. Damit ich so ein 800 Seiten Buch schreiben kann. Gleichzeitig muss ich aber auch vernünftig sein. Das bedeutet eben, also fast schon, wie ein Beamter jeden Morgen nach dem Frühstück mich dann hinsetzt.

 

Sehr selbstdiszipliniert.
Genau. Das hört sich natürlich hart an, aber man hat ja die Vorstellung vom Schreiber als den freien Wilden. Der muss schon wild sein und auch frei denken, aber diszipliniert sein. Nicht nur jetzt – ein paar Wochen zusammenreißen. Sondern Monate, Jahre. Deshalb sind viele Menschen schreibesuspekt.

 

Inwiefern?
Sie fragen sich: „Ist der Schreiber ein Chronist, ein Mitschreiber, ein Beobachter, einer, der sich raushält? Ist der wirklich anwesend oder notiert er sich im Geiste irgendwelche Ideen? Wer ist dieser Schreiber? Setzt der jetzt eine Maske auf? Ist der Beobachter, inwiefern ist der eingebunden? Oder ist der gar nicht dabei? Ist der jetzt eine Art Aufnahmegerät?“ Da gibt es Leute, die sagen: „Ich komme zu Schreibern lieber nicht. Ich möchte nicht als Figur auftauchen in irgendeinem Roman.“ Ich bin diesen fragwürdigen Menschen schon begegnet. Ich versteh diese Menschen natürlich. Tatsächlich, ich sprach vorhin ja von Lebensverzicht und übersetzt heißt es aber auch Abwendung von der Realität. Eine gewisse Kälte, Lebenskälte. Aber nur so entsteht es ja. Man muss sich vereinzeln, man muss rausgehen, um vielleicht dann – sonst wäre man zu sehr in der Grütze, wenn man ständig teilnimmt – um einen richtigen, klaren Blick darauf zu werfen.

 

Was spricht denn dagegen, dass man sowohl anwesend als auch Beobachter ist?
Für mich ja nichts. Für viele andere, die dann misstrauisch sind.

 

Wie erfahren Sie das von den Leuten: Haben Sie das im Gespür oder reden die Leute mit Ihnen?
Im Gespür, genau, oder sie reden. Sie stellen Fragen. Im Bekanntenkreis immer wieder. Mal bin ich in den Augen der besagten Menschen der Meister der Masken. Mal bin ich aber auch bedrohlich, angsteinflößend, weil ich ihnen zu nahe komme. Weil sie sich in den Romanen wiedererkennen. Erstaunlich viele.

 

Ist daran schon mal eine Bekanntschaft oder Freundschaft zerbrochen?
Vielleicht eins vorausgeschickt: Ich bin diskret. Ich gehöre nicht zu diesen Schreibern, die, jetzt mal hart gesprochen, so fantasielos sind, dass sie sich nicht eigene Geschichten ausdenken können. Sondern, Geschichten ihrer Bekannten und Freunde, sogar intime Details dann aufschreiben und verwerten. Das finde ich lumpig. Das habe ich vorangeschickt, weil es sich dann wohl herumgesprochen hat, dass man jetzt nicht in meiner Gegenwart Selbstzensur üben muss. Dass man so im Bekanntenkreis … Aber so ist es gekommen und hat mir eine Schriftstellerin Plagiat vorgeworfen (Emine Sevgi Özdamar, Anm. d. Red.). Das ist schon sehr, sehr viele Jahre her (2006, Anm. d. Red.). Das hat mich dann natürlich getroffen, ich musste rechtliche Schritte einleiten, um mich dagegen zu schützen. Aber sonst werde ich eher beäugt, weil man wissen will: Mensch. Dieser – ist der ein Irrer oder ist das ein Einzelgänger? Oder was ist das für ne Type? Meistens geht es gut. Ich halte mich aber nicht im Kulturmilieu auf. Also, nicht mehr als nötig. Im wirklichen Leben. Nicht im eingebildeten.

 

Würden Sie von sich behaupten, dass Sie jetzt ruhig und gesetzt sind?
Dass ich was bin?

 

Ruhig und gesetzt.
HA! Selbstauskunft und Selbstverortung ist ja immer peinlich. Besonders bei Männern. Deswegen bitte ich meine Worte mit Vorsicht zu genießen. Ich bin es nicht. Woran messe ich das? Jeder Ausstehende könnte jetzt wenig auf meine Wort geben und sagen: So. Schauen wir uns mal die Bücher an, die er vor zwanzig Jahren geschrieben hat und die er jetzt schreibt. Ich habe nicht das Gefühl, dass man mich für einen hält, der brave Bürgerfibel schreibt. Sondern, ich gelte immer noch als ein dunkler Schreiber.

 

Ein dunkler Schreiber?
Es gibt ja helle und dunkle Schreiber. Ich bin dann für viele zu archaisch oder zu deutsch. Wirklich! Habe ich auch schon gehört. Zu deutsch. Oder zu heftig. Also, die Themenwahl in meinem Roman kommen ja nicht irgendwelche melancholische Hopper, Jüngelchen vor, die sich in Berlin Mitte langweilen. Es kommen auch keine Mädchen vor, die dann rausgehen und sagen: „Ah, da in der Welt, da sieht es so aus wie in meinem Mädchenzimmer!“ Ich gelte als sehr harter Schreiber, hart und düster. Von den Geschichten her. Man sollte sich auf das eigene Urteil setzen, aber auch auf das Urteil der anderen. Nach 21 Jahren im Literatursektor kann ich sagen: Ich bin immer noch ein wilder Hund. Es wird sogar noch heftiger. Nichts versiebt.

 

Sie machen das also an Ihrer Literatur fest?
Zum Beispiel. Ich stelle das fest an meiner Wut, wenn ich irgendwelche arroganten, reichen Säcke sehe. Oder überhaupt arrogante Menschen. Da glauben zum einen viele zu einem Persönlichkeitsprofil kommen zu können, wenn sie andere Menschen zu Recht weisen oder demütigen. Oder ihnen hart zusetzen. Das ist für mich erbärmlich. Ein Akt der Erbärmlichkeit. Es gibt viele Dinge, über die ich mich aufrege. (lacht) Und zwar nicht im Sinne von: Das ist schade, das ist kacke und so weiter. Sondern, ich kacke dem Wirt auf den Tisch. Ich mag Menschen nicht, die mir erzählen, dass alles befriedet ist hier bei uns und dass es kein Oben und Unten gibt. Ich mag keine Lügner, die mir was vorlügen. Dass man ohne Melancholie im Leben zurechtkommt.

 

Man braucht also Melancholie zum Leben?
Das ist doch komisch. Schwermütig sollte man schon ein bisschen sein. Ich mag nichts damit anfangen, wenn Klugschwätzer daher kommen und sagen: „Mann und Frau sind zu verschieden!“ Wie langweilig wäre ich denn … Wie herrlich ist die Fremdheit zwischen Mann und Frau? Wenn man dann in seiner Komfortzone mit Schnabeltässchen und Ikea-Übertöpfen friedlich daherschlummert. Papi und Mami spielen. Ich mag Schreiber nicht, die Geschichten aufschreiben, bei denen die Menschen beim Kacken die Knie nicht krumm machen. Also, Geschichten, in denen die Menschen nicht schwitzen. Liebe kostet halt. Ich mag eher Geschichten, in denen die Männer Kerle sind. Frauen wirklich Frauen sind und nicht Mädchen. In der deutschsprachigen Literatur bin ich lange auf solche Bücher gestoßen. Das macht mich zum Beispiel rasend.

 

Mir fällt spontan kein Buch ein, was ich in letzter Zeit las, auf das das zutrifft.
Ich möchte natürlich jetzt keine Namen nennen und keine Beispiele. Es war ne Zeit lang die Berlin-Literatur. Ich mag es nicht, wenn ein Buch zu theoretisch ist und die das als Roman verkaufen. Mensch, Digger, erzähl die Geschichte! Und behalte bitte deine Ideen aus dem Soziologieseminar 2. Semester für dich. Erzähl, Digger, deine Geschichte. Das gilt für mich. Genau wie für die anderen. Ich könnte Ihnen noch viele Beispiele nennen dafür, wieso ich dann abgehe.

 

Was ist das literarische Potential von Mainz?
Egal, wo ich bin, es geht mir vornehmlich darum – positiv ausgedrückt – ist es das richtige Milieu? Kann ich gut schreiben? Oder saugt mir das Kraft weg? Und hier ist es der helle Wahnsinn. Ich schreib mir einen Wolf hier in Mainz. (lacht) Kolumnen, ein Theaterstück, Gebrauchsprosa, so nenn ich das, also kurze Texte, ob das jetzt ein Artikel ist oder ein Beitrag für einen Katalog.

 

Leben Sie durchgehend hier?
Nein. Es gibt keine harte Präsenzpflicht. Aber ich bin sehr oft hier gewesen. Mal für vier Tage, mal für zwei Wochen, mal für zehn Tage. Immer wieder. Also, das wird sich bis Februar des nächsten Jahres fortsetzen. Dann läuft meine Amtszeit aus. Schluchtz! (lacht)

 

Als steht die Stadtschreiberwohnung nicht leer?
Ich kann natürlich nur für mich sprechen und kann nur sagen, mir wäre es nie eingefallen, im eigenen Saft zu schmorren. Das ist ja großartig! Das ist ein Geschenk. Ich fühlte mich sehr beschenkt. Nur die Reichen haben ja eine Zweitwohnung. Also, deswegen komme ich sehr oft hierher. Wenn ich auf Lesereisen bin, werde ich einen Zwischenhalt hier einlegen.

 

Haben Sie das Geld schon ausgegeben?
Man kann sich vorstellen, dass die Schreiber ja, weil sie keine regelmäßigen Einkünfte haben, Schulden aufhäufen. Also, der Großteil des Preisgeldes ist für Schuldentilgung draufgegangen. Wunderbar. Dann habe ich mir, ich glaube, ein, zwei Ringe gekauft, Silberringe und viele Gedichtbände. Ist alles weg, das Geld ist weg. Das ist ja Vorsteuer, das darf man ja nicht vergessen. Wieso sind Preise toll?

 

Wegen der Anerkennung?
Erst mal, Würdigung, freut man sich. Was bedeutet denn das Preisgeld? Das bedeutet, dass man sich Freiheiten erkauft. Nämlich auch die Zeit. Da musst du dann nicht so viele Lesungen machen, um das Geld zu verdienen. Na ja, Miete bezahlen, Versicherung und so weiter. Sondern ich konnte mir dann wirklich sagen und das ist auch wichtig im Hinblick auf den Roman Siebentürme: „So, jetzt mach ich für ein paar Wochen keine Lesung. Dafür arbeite ich dann an dem Roman.“ Das ist sehr viel wert.

 

Was würden Sie sagen, ist das Schönste in Mainz?
Oh! Da muss ich mal in mich gehen. Es gibt ein paar schöne Sachen. Der kälteste Ort, jetzt im Sommer, ist der Dom. Das ist für mich ja schnell über den Hof gespuckt. Schnell mal hin. Und schon ist das eine tolle Abkühlung. Mir fallen so einige Dinge ein. Ich freue mich über Kleinigkeiten. Das Große geht mir am Arsch vorbei. Das Schönste in Mainz, wenn Sie mich so fragen, ist die Freundlichkeit, die ich erfahren habe. Ich kann es in dieser Bestimmtheit sagen, weil ich diese Erfahrung gemacht habe. Das ist wunderbar.

 

Und das Anstrengendste an Mainz?
Alles, was mir einfällt, ist auch an anderen Orten anstrengend: Die Hitze gibt’s woanders auch.

 

Werden Sie hier in Mainz auf der Straße erkannt?
Oft. Ich weiß nicht, ob es eine mutige Bemerkung ist, wenn ich sage, dass fast die ganze Stadt hinter diesem Preis steht. Dann werde ich gefragt: Wie geht es Ihnen in unserer Stadt? Wie gefällt es Ihnen? Fehlt Ihnen was? Also – so süß!
Das klingt ein bisschen nach Oma.
Ja, aber mir gefällt’s. Ich sitze auf der Parkbank, da kommen fünf Schüler, Teenager, Realschule plus, die mir dann sagen: „Yo, wir haben das Buch gelesen, was haben Sie sich dabei gedacht? Erzählen Sie mal.“ Nach dem Motto: Ich habe die Vorlage geliefert, nach der sie gequält werden und soll mal Rechenschaft geben. Da habe ich auch sehr gelacht.

 

Kopfkino oder Leinwand?
Beides geht nicht, das ist eine blöde Antwort. Leinwand ist immer besser. Raus aus dem eigenen Schädel. Kann ich vieles vorstellen, das ist gut so. Es ist gut, Phantasie ist gut, aber es erprobt sich immer an der Realität. Oder Kino auf der Leinwand. Ich habe das erst, weil ich von der Malerei komme, Malen auf der Leinwand. Oft genug ist man im eigenen Kopf eingesperrt, man nennt es Kopfkino. Man wird dann autistisch. Je länger ich darüber nachdenke, über diese Stichworte, desto mehr fällt mir ein. Also: Leinwand. Wann war ich das letzte Mal im Kino? Lange her. Ich schlage lieber ein Buch auf. Es gibt halt viele bekloppte, bescheuerte, dumme Filme nach dem üblichen Hollywoodmuster. Ich bin eher der Mensch für Dokumentationsfilme und für Arte-Filme. Oder brutale Jungsfilme.

 

Brutale Jungsfilme?
Nicht unter 100 Toten. Gangster- und Kriegsfilme. Das darf sich nur auf der Leinwand abspielen!

 

Stichwort Film: Sie sind mit dem Bus nach Istanbul gereist, haben über die Busreise geschrieben. Worum geht es aber in Ihrem Film? Handelt der auch von der Reise oder Istanbul selbst?

Über Istanbul. In diesem Film wird es unter anderem, natürlich, um den Schauplatz des Romans gehen. Den Siebetürmeviertel. Es werden als Guest Stars, sozusagen, meine Mutter und mein Vater, durch diese Gassen führen. Weil mein Vater in diesem Viertel geboren und aufgewachsen ist. Aber es geht eigentlich um eine Momentaufnahme einer Stadt, die es in fünf Jahren so nicht mehr geben wird.

 

Warum können Sie das mit so einer Bestimmtheit sagen?
Es wird eine Politik der Abrissbirne betrieben, ganze Viertel werden dem Boden gleichgemacht. Eine brutale Gentrifizierung ist Zugange. Die frommen Technokraten machen eine Politik für die Reichen und ich fürchte, viele Straßen sehen jetzt schon aus wie das Düsseldorfer Kö. Damit verbinde ich jetzt irgendwie Charakter und Geist und Kultur. Es wird in diesem Film auch über Zerstörungswut dieser Politiker, Makler und Spekulanten gehen, die ihre eigene Stadt gründen. Und die Alteingesessenen und die Einwohner werden vertrieben. Ob das jetzt ein Hotel ist oder, keine Ahnung, oder ein Einkaufskomplex. Damit fängt es an. Das organisch gewachsene Stadtgetriebe wird zerstört. Es kommen in diesem Film vornehmlich Menschen zu Wort, kritische, die den Märchen der Mächtigen nicht Glauben schenken wollen. Einfache Männer und Frauen aus dem Volk. Genauso wie kritische Stadthistoriker, Künstler, normale Handwerker. Unter anderem aber auch mein Vater und meine Mutter, die ihr Viertel fast nicht wiedererkennen.

 

Haben Sie in Istanbul eine veränderte Atmosphäre durch die dortigen Flüchtlinge wahrnehmen können?
Ja. Die kommen auch zu Wort. Ich habe mit ihnen gesprochen. Syrische Kurden, die dann von den türkischen Kurden Apachen genannt werden. Ich habe mit ihnen gesprochen, mit syrischen Flüchtlingen, mir Roma-Frauen und –Männern. Es geht dann nicht darum, dass ich die Welt zeichne, sondern dass sie ihre Welt erzählen.
 

Das ist ja dann quasi eine weitere Parallele von Ihrem Leben zum Buch beziehungsweise Film.
Genau. Ich bin echt gespannt, was die Leute über den Film und den Roman sagen!

 

Da sind Sie bestimmt nicht der Einzige. Ich danke Ihnen herzlich für das Interview und Ihre Zeit.
Nein, ich danke Ihnen!

Autor: 
Nicole Opitz
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