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Es gibt immer zwei Seiten

Das Internationale Theaterfestival in Wiesbaden hat seine Türen geöffnet und präsentiert „Neue Stücke aus Europa“. Die Compagnie Louis Brouillard aus Paris stellt „La réunification des deux Corées – Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ von Joël Pommerat vor.

 

Nach Wiedervereinigung sieht es erst einmal nicht aus, wenn die Zuschauer ihre Plätze im Großen Haus des Wiesbadener Staatstheaters zur Vorstellung von „La réunification des deux Corées“ einnehmen. Durch einen Seiteneingang gelangen die Zuschauer auf die Bühne und nehmen auf zwei sich gegenüberliegenden langen Tribünen Platz. Der längliche Streifen dazwischen wird zum Schauplatz von zwanzig Episoden, die jeweils alleine für sich stehen: Jede Episode erzählt ihre eigene Geschichte, mit eigenen Personen und individuellem Setting. Tiefes Schwarz trennt die Episoden voneinander. Und doch bilden sie eine Reihe, drehen sich um das eine, vom Theater kaum wegzudenkende Thema: die Liebe.

 

An Romantik ist hier allerdings nicht zu denken. Bereits in den ersten Minuten eröffnet sich, was in anderthalb Stunden in allen Variationen durchgespielt wird. Die verhängnisvolle Kehrseite der romantisch-naiven Liebesvorstellung – Gewalt, Verzweiflung, Wahnsinn – steigert Joël Pommerat in eindrucksvollen Szenen. Sie zeigen alltägliche Situationen, beispielsweise die Rückkehr eines ehemaligen Partners, der seine Ex-Freundin vor ein Ultimatum stellt. Soll sie bei ihrem aktuellen Lebenspartner bleiben oder zum alten zurückzukehren? Eine authentische Sprache der Schauspieler, die keine Scheu vor vulgären Ausdrücken zeigt, legt den Fokus des Stücks auf die starke Anlehnung an die Realität. Gesellschaftliche Tabus werden allgemein ausgehebelt: Vor Themen wie Prostitution, Kindesmissbrauch oder Demenz schreckt Pommerat nicht zurück, sodass ein gesellschaftsübergreifendes Gesamtbild von menschlichen Beziehungen entsteht. Trotz der Ernsthaftigkeit, die in den erhitzten Konfliktaustragungen steckt, fehlt der Vorstellung nicht der Witz – ohne dabei jedoch ins Lächerliche abzudriften.

 

Der stärkste Punkt an der „Wiedervereinigung der beiden Koreas“ ist wohl, dass die Konfliktpunkte immer von zwei Seiten beleuchtet werden. Oft wird während eines Dialoges der ursprünglich klare Standpunkt umgeworfen und eine weitere Sichtweise kommt hinzu. Der Zuschauer kann dann nicht anders, als sich sowohl rational als auch emotional mit den Themen auseinanderzusetzen und für sich die aufkommenden existenziellen Fragen zu beantworten: Was ist Liebe? Wozu sind wir hier? Somit macht die Compagnie Louis Brouillard auch uns zum Ort der Wiedervereinigung.

 

 

„La réunification des deux Corées – Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ ist am 20.06.2014 um 19:30 Uhr im Großen Haus des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden zu sehen. Für alle, die des Französischen nicht mächtig sind, gibt es die deutsche Übersetzung per Kopfhörer.

 

 

 

 

 

Autor: 
Isabel Steinmetz
Ressort:
Neue Stücke
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Foto: Martin Kaufhold
Foto: Martin Kaufhold
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