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Freiheit oder Freitod

In „Heroes“ erfahren wir auf ganz unamerikanische Art, dass jede/r ein Held sein kann. Regisseur und Autor Vincent Hennebicq und sein Rock-Ensemble stammen aus Belgien.

 

Es ist eine wichtige Frage, die der belgische Regisseur und Schauspieler Vincent Hennebicq im Stück „Heroes“ aufwirft: freie, selbstbestimmte oder schematische und konventionelle Lebensgestaltung? In einer Welt, in der Glück und Bedürfnisbefriedigung sowohl vom Mut zur Freiheit, als auch von der Beachtung von Konventionen abhängen, gibt es so gut wie niemanden mehr, der sie nicht beantworten muss. Das sehens- und hörenswerte Stück bietet eine Antwort, lässt aber offen, wie ein gelungenes Verhältnis zwischen Freiheit und Konvention aussehen könnte. Doch der Reihe nach.

 

Popi Jones wartet in einem Altersheim auf den Tod. Der entwürdigenden Behandlung durch das Pflegepersonal versucht er zu entkommen, indem er sich in seine Kutte schmeißt und seine Vergangenheit als Rocker aufleben lässt. Dabei steht ihm seine Band „Les Popettes“ zur Seite, mit der er als Frontmann im Laufe des Stücks immer wieder live auftritt. Die musikalischen Einlagen sind allesamt liebevoll inszeniert und bilden eine wichtige Basis für die Stimmungen im Plot. Nach dem ersten Song steigt der Gitarrist von der Bühne und beginnt einen frontalen Dialog mit Popi. Er gibt sich, nach einigen bissigen Vorwürfen gegenüber dem Protagonisten, als dessen Gewissen aus und erklärt, dass nicht nur dieses Gespräch bloß in Popis Vorstellung stattfindet - woraufhin der Altrocker vielsagend zu seiner Band blickt. Damit wird von Beginn an klar: Der Traum vom freien Leben als Rocker spielt sich nur noch in Popis Kopf ab.

 

Aber wie kam es dazu, dass Popi zum Rocker wurde? Dies erfährt der Zuschauer aus Erzählungen des Hauptdarstellers selbst und aus Liedern. Popi war Fabrikarbeiter, hatte Frau und Kind und versuchte einfach zu überleben. Dann wird er entlassen, verzweifelt, verlässt seine Familie und wird Rocker. Um sich nicht selber umzubringen. „Ich bin der Welt abhanden gekommen und kann auch gar nichts dagegen tun“, heißt es in einem eindrucksvoll vorgetragenen Lied. Diese Liedzeile bringt die Situation Popis nach der Inszenierung auf den Punkt: Er kann sich mit der Welt, in der er lebt, nicht arrangieren und kommt nicht mit anderen Menschen zurecht. Letzteres zeigt sich vor allem in den Beziehungen zu seinem Sohn, zu seiner langjährigen unerfüllten Liebe und zu einer Prostituierten. Während diese anderen Figuren ihn für seine Lebensgestaltung und Bedürfnisse anklagen und ihm seine Unzulänglichkeit vorhalten, bleibt Popi zumeist passiv und lässt die Tiraden über sich ergehen- und reagiert darauf am Ende mit Hass, Depression oder Gewalt.

 

Versuche des Zuschauers, eine Lösung aus dem Dilemma Freiheit versus Konvention mit Hilfe des Stückes zu finden, scheitern vor allem daran, dass unklar bleibt, was Popi sich einbildet und was ihm tatsächlich widerfährt. Zwar legen die Ereignisse auf der Bühne nahe, dass es sich bei den Bandauftritten und auch bei den Gesprächen Popis mit Personen, die nicht beim Altersheim beschäftigt sind, durchweg um seine Erinnerungen und Vorstellungen handelt. Festlegen mag sich die Inszenierung hier aber nicht. Somit wird eine Unterscheidung zwischen realer und eingebildeter Welt unmöglich, was kaum Rückschlüsse zulässt, wie der Zuschauer für sein eigenes reales Leben Depression und Unfreiheit vermeiden oder überwinden könnte. Orientiert er sich an den Ereignissen im Stück, so ergeht es ihm wie Popi, der sich scheinbar nur noch in einer eingebildeten Welt bewegt und keinen Weg findet, seine Freiheit in der realen Welt zu leben.

 

Das Verschwimmen der Wirklichkeitsebenen und die scheinbare Ausweglosigkeit der Situation der zentralen Figur trotz bestehender Möglichkeiten: All das entspricht zwar dem postmodernen Zeitgeist. Die unaufgelöste Unklarheit darüber, was vorgestellt und was wirklich ist, bedeutet aber auch, dass darauf verzichtet wird, die Möglichkeiten eines Miteinanders von Freiheit und Konvention auszuloten und Bewältigungsvorschläge für dieses Problem anzubieten. Jemand, der sich vom Theater Anregungen für sein persönliches oder das gesellschaftliche Leben erhofft, kann das nur unbefriedigt zurücklassen.

 

Trotzdem bedeutet gerade die Ausweglosigkeit der Situation der Hauptfigur zugleich ein sehr starkes inszenatorisches Moment von „Heroes“. Für Popi, der sich im Altersheim befindet, ist es scheinbar zu spät, seine Freiheit zu leben. Das gilt aber nicht für die Zuschauer, die nach der Aufführung tun und lassen können, was sie wollen. Für sie liegt es nahe, aufgrund von Popis Negativ-Beispiel zu folgern: Ich werde mich im realen Leben häufiger für meine Freiheit und gegen Konventionen entscheiden, solange ich noch kann und bevor ich im Altersheim lande. Wenn diese Botschaft beim Publikum angekommen ist, dann war es die Produktion allemal wert, gesehen zu werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Autor: 
Felix-Andreas Kaloianis
Ressort:
Neue Stücke
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Foto: Martin Kaufhold
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