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Fromme Farbenpracht am Rhein

Vom 10. Juni bis 25. November widmet sich das Landesmuseum Mainz einer faszinierenden, aber fast unbekannten Kunstrichtung. Die Nazarener wandten sich  im 19. Jahrhundert wieder verstärkt religiösen Motiven zu. Die Wandbilder, Skizzen und Fresken erstaunen nicht nur wegen ihrer kräftigen Farben, sondern sind auch wichtig für die kulturelle Identität von Rheinland-Pfalz.

 

„Man muss diese Kunst ja nicht mögen. Aber man wird sich der Faszination dieser Werke nicht entziehen können“. Staatssekretär Walter Schumacher fasst gleich zu Beginn der Ausstellung „Die Nazarener – Vom Tiber an den Rhein. Drei Malerschulen des 19. Jahrhunderts“ die Wirkung dieser romantisch-religiösen Kunstrichtung auf den Betrachter zusammen. In der Tat ist der erste Eindruck der großen Jahresausstellung des Landesmuseums ernüchternd : eine romantische Kunstrichtung, von der man bislang nichts gehört hat und die zudem die Religion ins Zentrum ihrer Thematik rückt, wirkt nicht besonders neuartig. Doch sollten auch bekennende Atheisten den 130 Exponaten eine Chance geben.

 

Bereits beim Eintritt in den ersten Saal beeindruckt das große Wandgemälde von Eduard Ihlées „König Ludwig von Frankreich gründet das Hospital zu Compiègne“. Kräftige Farben, klare Linien und im Vordergrund immer: der Mensch. In Porträts wie das von Philipp Veits „Selbstbildnis“ von 1816 oder Peter Rittigs „Bildnis einer jungen Römerin“ ist man fasziniert, das verliebte Pärchen in Joseph Anton Drägers „Rahel und Jacob am Brunnen“ von 1824 macht sentimental.

 

1809 gründete sich in Wien der „Lukasbund“ als Reformbewegung, der sich wieder verstärkt religiösen Motiven zuwenden wollte. Der heutige Name der Nazarener ist den Künstlern, die nach Rom übersiedelten, eher unfreiwillig gegeben worden. Wegen ihrer lang gescheitelten Haare wurden die Künstler in Rom verspottend „I Nazareni“ genannt.

 

Das Landesmuseum versammelt heute die Werke von 40 nazarenischen Künstlern, unter anderem von Friedrich Overbeck, Philipp Veit und Joseph Anton Settegast. Neben Wandgemälden zeigt das Landesmuseum auch Entwürfe von Glasfenstern, Staffeleibilder und Stadtansichten sowie frisch restaurierte Fresken aus Trier und Speyer. Die Ausstellung hat ebenfalls den Anspruch, die Nazarener neu zu definieren. So weist der Kurator der Ausstellung, Norbert Suhr, auf Motive hin, die nicht nur der Bibel, sondern dem Märchen oder dem Alltagsleben entlehnt sind, wie beispielsweise Johann Anton Ramboux´ „Die Einfuhr des letzten Weinfuders“ von 1828. „Die Nazarener sind nicht nur fromm und streng in der Form. Die können auch locker auf den Putz malen“. Suhr ist es wichtig, dies zu betonen. Nicht umsonst beschäftigt er sich seit Jahrzehnten mit den Nazarenern, in dem Katalog zur Ausstellung wird auf 240 Seiten das bisherige Bild der formstrengen, religiösen Nazarenern ein wenig revidiert und bietet eine erstmalige, wissenschaftliche Gesamtübersicht der Nazarener in Rheinland-Pfalz.

 

Denn auch für die eigene Identität von Rheinland-Pfalz ist die Ausstellung wichtig. So stammen die Exponate aus der heutigen Region des Bundeslandes und sind der Beweis für eine Kunstrichtung, die besonders in dieser Region praktiziert wurde. Drei Malerschulen beeinflussten und förderten die nazarenische Kunst besonders: die Frankfurter Städelschule, die Münchner Schule und die Düsseldorfer Schule. Diese Schulen stehen gleichzeitig für die Regionen Preußen, die bayerische Pfalz und Hessen, aus denen sich das 1946 gegründete Rheinland-Pfalz zusammensetzt. Dass die Nazarener ein Rheinland-Pfalz-Thema sind, zeigt sich auch in dem parallel entstandenen Reiseführer „Reisewege zu den Nazarenern in Rheinland-Pfalz“. An 34 Orten in Rheinland-Pfalz, unter anderem im Mainz, Speyer und Remagen, können nazarenische Ausmalungen und Fresken bewundert werden.

 

Insgesamt überrascht die Ausstellung mit vielen bisher unbekannten Exponaten, wie Settegasts „ Altar aus der katholischen Pfarrkirche in Ober-Olm“ von 1883. Auch der Versuch einer Gesamtdarstellung der nazarenischen Werke in der Architektur, Malerei, Glaskunst und der Innenausstattung ist geglückt. Schade nur, dass neben den zahlreichen Gemälden kein Platz mehr für die politischen Karikaturen der Nazarener war. Diese kritisierten beispielsweise im Kulturkampf in den 1870er Jahren den Einfluss des deutschen Reiches in der katholischen Kirche. Doch scheint das Landesmuseum hier einen regionalen Schatz ausgegraben zu haben, auf den jeder Rheinland-Pfälzer mit Recht stolz sein kann.

 

 

Die Ausstellung „Die Nazarener – vom Tiber an den Rhein. Drei Malerschulen des 19. Jahrhunderts“ ist noch bis zum 25. November 2012 im Landesmuseum Mainz zu sehen.

 

Autor: 
Daniel Hadwiger
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Galerie: 
Heilige Cäcilie (Joseph Anton Dräger, 1823, Staatliche Schlösser und Gärten Hessen, Schlossmuseum Weilburg)
Junger Mann, einen Balken fassend (Joseph Anton Settegast, Schwarze-Kreide, Direktion Landesmuseum Mainz)
Rahel und Jacob am Brunnen (Joseph Anton Dräger, Öl auf Holz, Stadtmuseum Simeonstift Trier)