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Gegen die Stagnation

Interview mit Prinz Pi

 

Prinz Pi hat in 15 Jahren 15 Alben veröffentlicht – zuletzt „Kompass ohne Norden“. Die STUZ traf ihn im Wiesbadener Schlachthof vor seinem ausverkauften Konzert.

STUZ: Du bist kürzlich 34 geworden, alles Gute nachträglich! Wie fühlst du dich?
Prinz Pi: Genau wie mit 17. Es hat sich zwar sehr viel geändert, aber körperlich fühle ich mich noch immer wie 17.

 

Ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, an dem du dich in deinen Liedtexten nicht mehr mit der Abi- und Unizeit beschäftigst?
Naja, diese Zeit war für mich sehr prägend. Im Leben gibt es immer Zäsuren, und diese Zeit war für mich eine. Nach dem Abi kam der Zivi, da hab ich das erste Mal richtig gearbeitet. Dann die Bewerbung für die Uni ... Das ist die Zeit, in der man sich sehr schnell vom behüteten Elternhaus in die Erwachsenenwelt einfinden muss. Währenddessen kann man das alles gar nicht verarbeiten, aber sie definieren dich später. So ist es auch mit der Jugend. Man fragt sich, welcher Gruppe man angehört. Man trifft mit 15, 16 Entscheidungen, deren Konsequenzen man gar nicht richtig absehen kann. Bei mir hat es länger gedauert, um eine Klarheit entwickeln zu können.

 

Siehst du dich als klassischen Spätzünder?
Nö, das nicht. Die Aufgabe, die ich mir selbst gestellt habe, ist, Teile der Gesellschaft in meiner Musik abzubilden. Ich kann ein konkludenteres Bild schaffen, wenn ich mehr Abstand habe. Bei Ereignissen ist es dann ein zeitlicher Abstand. Wenn man zum Beispiel in der Kindheit traumatisiert wird, kann man es nicht verarbeiten, erst im Nachhinein. Genau so ist es mit Beziehungen. Drei Jahre später fragt man sich, warum man so ne Scheiße gebaut hat. „Kompass ohne Norden“ ist für mich eine abschließende Zusammenfassung von Schlüsselmomenten.

 

Warum hast du fertig studiert, obwohl du schon mit deinen ersten Alben schon Geld verdient hast?
Da hab ich nicht so richtig Geld verdient. Die Intention ist ja nicht Musik wegen des Geldes zu machen.

 

Du meintest einmal, dass du dich nicht zu der Rap-Schublade zählen würdest, weil dir dieses Genre zu vorurteilsbehaftet ist. Ist das noch immer so?
Das hat sich mittlerweile geändert. Früher war gerappte Musik Außenseitermusik. Jetzt hat sich Rap so sehr in unserem Kulturgut verankert, dass es nicht mehr weggehen wird. In zehn Jahren ist es wahrscheinlich total egal, ob die Musik gerappt oder gesungen ist.

 

Für dich ist Tim Bendzko der Antichrist, weil er unnatürlich ist. Was hältst du denn von Newcomern wie „Cro“, die Rap mit kommerziellem Pop vermischen?
Das finde ich nicht so schlimm, das ist halt sehr seicht und tut niemandem weh. Wenn jemand Hassmusik macht, in welche Richtung auch immer, ist das viel schlimmer. In der Rapmusik ging es oft um Frauenbilder, die Frauen sehr objektisiert haben. Wenn junge Leute das hören und nicht darüber reflektieren können, sollte man das verbieten.

 

Aber bei „Asoziale Kontakte“ sagst du „Ich hör Rap noch heut, doch damals war er 10x geiler.“
In diesem Song geht es ja um meine Jugend- und Schulzeit. Da ordnet man sich durch die Musik in eine Subkultur ein. Damals habe ich Musik anders rezipiert als heute. Heutzutage habe ich mehr Musik abrufbar, früher hatte ich eine Kassette und mit Glück volle Batterien im Walkman. Ich habe die Musik gelebt und jemand anderes hat die Musik gemacht, die mir aus der Seele gesprochen hat. Jetzt gibt es das nicht mehr, deswegen muss ich sie selbst machen.

 

Du hast im August einen jungen Rapper namens „eRRdeKa“ unter deine Fittiche genommen. Hättest du in seinem Alter auch gerne einen Mentor gehabt?
Nein. ERRdeKa ist so, wie ich heute mit 21 wäre. Er ist sehr unverstanden. Die Leute haben ihn noch nicht für das zu schätzen gelernt, was er geben kann. Ich würde ihn gerne dorthin bringen, dass die Menschen das sehen.

 

Du hast einmal gesagt, dass du Angst vor Menschen hast.
Voll, ja.

 

Macht dich das zum Misanthropen oder zu einem schüchternen Menschen?
Ein Menschenfeind bin ich nicht. Ich brauch einfach etwas Abstand zu den meisten Menschen, um sie beschreiben zu können. Du kannst auch keine Antilope fotografieren, wenn du mitten im Rudel sitzt. Du musst daneben sitzen. Am besten nehmen sie dich gar nicht wahr. Im Endeffekt ist die Beobachterperspektive und die Ausgliederung aus gewissen Teilen der Gesellschaft sehr wichtig, um ein klares und unverfälschtes Bild zu bekommen. Die Selektierung der Informationen, die man zulässt, ist dabei ein großes Problem. Wenn ich zum Beispiel Fernsehen schaue, kann ich die Leute, die auch fernsehen, nicht mehr so klar beurteilen. Wenn beide die gleiche Sendung geschaut haben, kann man das automatisch nachvollziehen. Da kann man nicht mehr objektiv beurteilen, wie skurril es ist, was dein Gegenüber da geschaut hat.

 

Welche Sendung würde dir da einfallen?
Big Brother zum Beispiel. Objektiv kannst du dann sagen: Ja wie, da sind zwölf asoziale Leute und lassen sich filmen und finden das cool, obwohl wir zig Initiativen gegen den Überwachungsstaat haben? Die machen das freiwillig, und das schaust du? Wenn man das so rezipiert, ist das was anderes, als wenn man sagt: Klar, kenn ich. Ist doch ganz normal. Ignoranz ist, glaube ich, manchmal gar nicht so schlecht.

 

Dein Blick auf die Welt wirkt recht dunkel. Auf dem Lied „Keine Liebe“ fragst du, warum es auf der Welt keine gibt und sagst, dass Rap dein Antidepressivum ist. Was zieht dich so runter?
Erst einmal ersetzt Rap für mich den Psychiater, was sehr positiv ist. Und dass es auf der Welt keine Liebe gibt, ist doch total evident, wenn man sich die Historie der Menschen anschaut. Sobald man ihnen die Gelegenheit bietet, hauen sich Menschen auf die Schnauze und massakrieren sich gegenseitig. Wenn es auf der Welt wirklich Liebe geben würde, in allen von uns, dann gäbe es keine Kriege und Verbrechen. Aber die gibt es in einem so krassen Ausmaß, dass man wirklich sagen kann, dass wir in den letzten paar tausend Jahren nichts dazugelernt haben. Wir neigen als moderne Menschen dazu, immer in einem Zeitfenster von zwanzig Jahren in die Vergangenheit zu schauen. Höchstens bis zum Zweiten Weltkrieg zurück. Wenn man aber weiter nach hinten denkt, ist es doch total traurig, was passiert ist. Alles, was heute als Weltwunder bezeichnet wird, wurde durch Sklavenarbeit geschaffen.

 

Lebst du dann trotzdem gerne auf dieser Welt?
Ja, natürlich lebe ich gerne. Es gibt ja auch schöne Sachen. Man muss sie nur irgendwie finden. Wenn ich auf Tour bin, komme ich immer wieder in depressive Phasen. Es ist sehr schön, diese Auftritte zu spielen, ich sehe da auch eine Parallele zu religiösen Messen. Vorne steht einer, unten stehen viele. Eine sagt was vor, andere sagen es nach. Es gibt laute Musik, die Leute sind in Ekstase. Ich verwende genau die gleichen Tricks. Da gehe ich mit einem guten Gefühl raus. Wenn ich aber in diesen deutschen Städten unterwegs bin, sehe ich, dass sie alle gleich sind. Außer München oder so. Aber in der Innenstadt ist alles gleich. Die Leute sind gleich angezogen, es gibt dieselben Läden … Ich empfinde da wenig Lebensfreude.

 

Es gibt auf Kompass ohne Norden den Bonustrack „Dumm“.  Da sagst du, dass du dich am meisten an dir selbst störst.
Für mich geht Selbstkritik mit Intelligenz oder Reflektion einher. Es gibt Leute, die Mankos der Gesellschaft sehen, aber sie verstehen nicht, dass sie selbst auch Teil dieser Gesellschaft sind und dass sie selbst durch ihre bloße Existenz ein Manko sind. Ich persönlich halte mich für eine Ansammlung von Fehlern, weniger von Qualitäten. Ich bin unzufrieden damit, was ich mache. Das ist ein Teil meiner künstlerischen, weinerlichen, melancholischen Persönlichkeit, in der auch Selbsthass eine Rolle spielt. Aber das alles ist nötig, sonst hätte ich keinen Antrieb, mich stetig zu verbessern. Sonst würde ich stagnieren.

 

Auch Menschen, die deutlich jünger als du sind, können sich mit deinen Texten identifizieren.
Das spricht doch für die Qualität der Texte. Bei den Simpsons kann sowohl ein Achtjähriger als auch ein Achtzigjähriger lachen. Da ist für jeden etwas dabei: Komik, Intellekt, Politik. Meine Musik bietet auch eine Vielschichtigkeit. „Moderne Zeiten“ auf „Kompass ohne Norden“ ist für mich einer der wichtigsten Songs, weil er sehr viele Dinge benennt. Das gefällt den kleinen Mädchen dann nicht, die mögen dann lieber „Glück“ oder so. Eines der wichtigsten Bücher ist für mich „Tractatus logicus philosophicus“ von Wittgenstein. Er hat versucht, für die Philosophie eine neue Sprache zu finden und sie zu evolutionieren. Bei ihm ist jeder Satz so rund, dass er keine Schwachstelle hat. Bei den Sätzen in meiner Musik versuche ich auch eine größtmögliche Gültigkeit zu schaffen.

 

Siehst du dich dann als den Auserwählten? Denn Matrix reloaded erinnert dich in „So viele Fragen“ an dein Leben.
Das ist nur ein Spiel mit einem Charakter aus einem populären Film. Ich bin ein guter Durchschnitt vieler Teile der Gesellschaft. Ich komme nicht aus reichem oder armem Elternhaus. Ich sehe auch durchschnittlich aus. Aber dadurch kann ich Dinge benennen, die extreme Leute nicht benennen können.

 

Im selben Lied erinnert dich auch die 23 an dein Leben.
Das passiert, wenn man sich auf diese Zahlenmystik einlässt. In meinem Leben gab und gibt es sehr viele Verknüpfungen mit der 23. Mein Geburtstag zum Beispiel. Oder die Hausnummer meiner Eltern ist umgedreht die 23, die Quersumme ihrer Telefonnummer auch. Man könnte sich eigentlich jede Zahl aussuchen.

 

Das Interview hat jetzt 23 Minuten gedauert. Dankeschön.

 

 

 

Autor: 
Lisa Maucher
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