Anzeige

STUZ Clubnacht im Mai
view counter

Geschichten aus der Kindergartenzeit

Hörbücher sind etwas für Schmalspurliteraten, töten die Kunst, lassen kaum mehr Interpretationen zu und sind einfach des Teufels. Was man schon früher hätte wissen können.

 

 

„Liest du uns noch was vooor?“, riefen meine Schwester und ich unisono, die Stimmen voller Vorfreude. Gleich, wenn Mama nicht ein halb genervtes, halb liebevolles „Nein, ist schon so spät, träumt was Schönes“, übers Herz bringen würde: Dann würden wir aus fantastischen Welten in den Schlaf fallen, würde Emil entschlossen den Dieb jagen und Maurizio und Jakob die Erde vor  fiesen Hexen und grässlichen Wurmtypen retten. Diese Bitte nach dem (gelesenen) Wort war das Mantra unserer ersten Kindheitsjahre, als wir uns ein Zimmer teilten und zur gleichen Zeit ins Bett gingen. Das Vorlesen war unser erster Kontakt mit Literatur, noch bevor wir uns auf langen Autofahrten bei „Bibi Blocksberg, die kleine Hexe …“ gegenseitig an Lautstärke übertrumpften. Dieses Vorlesen war etwas Besonderes, machte Lust aufs Selbsterfahren und war gleichzeitig die hundertfache bunte Potenz des Gute-Nacht-Kusses: Liebe in Laute gegossen, die jedem Kind zu wünschen ist.

Doch trotz der positiven Aspekte, die das Vorlesen hat, trotz der oralen Tradition der Menschheit, die seit Jahrtausenden mündlich Identität in Geschichten tradiert, gibt es gewichtige Gründe, die gegen die digitale Version des Geschichtenlesens – das Hörbuch – sprechen. Der kleinste noch ist der Verdacht, dass es keineswegs edle, auf die Kunst bedachte Motive waren, die das Hörbuch vor Jahr und Tag aus der Taufe hoben. Kann man sich die Geburt der bunt bedruckten flachen Scheibchen mit Stummel-Inlay ohne den gekräuselten Mundwinkel des Teufels vorstellen? „Mr. McKinsey, wie könnten wir unsere Textvorräte denn Ihres Erachtens gewinnbringend zweitverwerten?“ Und den Laserpointer lichtschwertgleich zum Aufritzen der Bauchdecke des Geistes gezückt, auf dass der Kaiserschnitt Umsatz bringe, sagt der Unternehmensberater: „Convenience, meine Damen und Herren. Bequem, hohe Frequenz, leicht verdaulich. So stehen die Zeichen der Zeit.“

 

Denn was ist das Hörbuch mehr als die Light-Version eines gedruckten Buches. Warum? Weil es ein Nebenbei-Utensil ist, auf dem Weg zur Arbeit, beim Bügeln, Wischen oder Einschlafen. Wer Literatur ernst nimmt, der nimmt sich Zeit für sie, und die kostet das Selberlesen nun einmal. Denn Bücher haben eine entscheidende Eigenschaft: Sie regen zum Nachdenken an. Sie bieten die Möglichkeit zu längerer und idealerweise auch kontextübergreifender Reflexion – und fordern sie vom Leser ein. Beim Lesen bestimme ich das Tempo selbst, kann querlesen oder Silbe für Silbe auf Entscheidendes untersuchen. Durchschreite mit angelecktem Daumen blätternd den Raum des Buches wie das Zimmer eines Unbekannten, mache mir die Welt des Romans scheibchenweise zu Eigen. Wird mir hingegen vorgelesen, begebe ich mich bestenfalls in die Hände eines geübten Sprechers, schlimmstenfalls in die Fänge eines den Text hervorpressenden Selbstdarstellers und bin an ihn gebunden wie der blinde Faust an den Vertrag mit dem Teufel. Pacta sunt servanda, das gilt auch im Buchhandel.

Kommen wir aber noch kurz zurück zu Bibi, der blonden Hexe. Mit höllischer Genugtuung gefährden die Verlage die Existenz einer ganzen Kunstform, des Hörspiels. Während die mit biblischer Dramaturgie gefütterten Schmonzetten von Cecilia Ahern und Dan Brown durch die Audioabspielgeräte dieser Welt gejagt werden, verhungert Borchert draußen vor der Tür, wird Sherlock Holmes arbeitslos. Sterben denn keine Leute mehr? Doch, aber sie schlummern friedlich ein, sediert vom epischen Bariton der immergleichen Tonlage. Keine Rollenverteilung, keine Geräusche. Die „Drei ???“ sind eine Erweiterung der ehemaligen Hitchcock-Vorlage, sind nicht einfach dahingesagte Hörbarkeit, sondern eröffnen neue Formen des Erlebens von Literatur. Diese rein akustische Schwester des Bühnentheaters ist keine Vorlesung. Sie ist Leben – wenn auch nur zum Mithören.

 

Das Schlimmste jedoch, für den aktiven Denker in schönster Analogie das Fegefeuer light, ist die Vorgedeutetheit des Gesprochenen. Das Hörbuch ist eine Übersetzung, womöglich gar eine doppelte, wenn etwa die Übersetzung eines fremdsprachigen Werkes gelesen wird. Denn die Fallstricke und Nuancen eines Textes sind andere als die eines Monologes (den das Hörbuch zumindest physisch ja darstellt) – durch Intonation, Tempo und Lesestil (ob leiernd oder abgehackt, ob akzentuiert oder sanft dahinfließend wie Heines Rhein) wird der Text interpretiert. Das Kopfkino trägt Scheuklappen. Eines der entscheidendsten und wertvollsten Merkmale der Literatur ist aber gerade ihre Ambiguität – der Roman beantwortet keine Fragen, er wirft sie auf und jongliert mit ihnen. Die missratene Betonung eines einzelnen Satzes ist in diesem künstlerischen Meteoritenfeld bisweilen der Todesstern für ganze Dimensionen eines Werkes.

Klar, auch als Mama uns damals vorlas, traf all das zu. Dennoch war es etwas anderes, war jedes Mal die Silvesternacht im „Wunschpunsch“ eine neue, verschoben sich die Implikationen stückchenweise, war es ein lebhafteres Erlebnis als das für alle Zeiten unveränderlich auf die CD gebannte Hörbuch. Außerdem, seien wir ehrlich, Lesen macht einfach viel zu viel Bock. Wann ich das erkannt habe? Mit sieben.

Autor: 
Marius Meiß
Facebook:
Artikel bewerten:

Dies bewerten

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (1 Bewertung)

Flattr