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Handwerk für Kunst – kein Kunsthandwerk

Vor den Toren von Wiesbaden, unscheinbar im Industriegebiet von Wehen, steht die Zentrale einer der führenden Glasbaufirmen der Welt. Derix – der Name steht weltweit als Synonym für Glaskunst am Bau.

 

 

Wenn das der alte Wilhelm wüsste … nein, die Rede ist nicht von Kaiser Wilhelm, sondern von Wilhelm Derix I., der 1866 in Goch am Niederrhein den Grundstein für das heutige Firmenimperium legte. Zwar berufen sich heute – auch namenstechnisch – drei verschiedene Firmen auf den Urahn, doch keine ist letztlich so groß geworden wie der Wehener Zweig dieses Stammbaums.

 

Der Prophet gilt nichts im eigenen Land – diese Regel gilt auch und vor allem in Bereichen, die nicht so stark in der Öffentlichkeit stehen. Eben genauso wie jener sprichwörtliche Prophet eher im Ausland Berühmtheit erlangt, so ist es auch für Künstler oft so, dass sie eher im Ausland für Furore sorgen denn in der eigenen Nachbarschaft. Deutschlands Glastechniker – die Leute von Derix nehmen unter diesen nochmal eine Sonderstellung ein – sind weltweit führend, wenn es um die Bearbeitung von Antikglasfenstern, Restauration und Glasmalerei im Speziellen geht. Der britische Glaskünstler und Maler Brian Clarke sagte schon in den Neunzigern, dass „die Taunussteiner“ die Besten der Welt seien, wenn es darum geht, seine Inspirationen in praktisch erfahrbare Kunst zu verwandeln. Man begann mit Kirchenfenstern, nahm dann auch Aufträge im Profanbau an, und nun zählen auch Moscheen und Synagogen zu den internationalen Highlights der Glasveredler aus dem Taunus.

 

Eine Tradition, die eben jener „alte“ Wilhelm Derix vor fünf Generationen mit seiner Glasmalerlehre bei „Dr. Oithmann“ in Linnich bei Aachen begründete. Jener Betrieb existiert heute immer noch, doch hat er sich rein auf Restauration von antiken Kirchenfenstern spezialisiert. 1866 machte sich Wilhelm selbstständig, und sein Wissen wurde von Generation zu Generation weitergegeben, bewahrt und erweitert.Kinder machten sich selbstständig. Der Urbetrieb wurde kurz nach dem ersten Weltkrieg geschlossen. Heute existieren drei Firmen, die sich auf Wilhelm I. berufen und deshalb nun auch Derix heißen. Sie stehen aber mehr oder minder im Konkurrenzverhältnis zueinander. Über Umwege von Rottweil über Wiesbaden gekommen, residiert Deutschlands größte Glaswerkstatt nun also in Taunusstein-Wehen.  „Unsere Mitarbeiter sind Handwerker, die Kunst verwirklichen, und keine Kunsthandwerker“, betont Ursula Rothfuss, geborene Derix, und Schwester von Wilhelm Derix IV. Mit ihm und seiner Tochter Barbara führt sie heute die Geschicke des Unternehmens, wobei Barbara Derix also schon die fünfte Generation darstellt. „Eigentlich ist alles möglich, was sich der Künstler vorstellt. Wir versuchen, alles zu verwirklichen, was auch in den allermeisten Fällen klappt.“ Kunstglaser Giuseppe Di Leo: „Mit Glas kannst du fast alles machen, das Material ist faszinierend!“ Der Projektleiter führt durch die Räumlichkeiten, und die Werkstücke auf den Arbeitsbänken lassen erahnen, wieso dieser Job ihn immer wieder fesselt.

 

„Malen nach Zahlen“
„Manche Künstler suchen sich das Glas hier spontan aus, andere verarbeiten es hier spontan. Lassen sich von unseren Mitarbeitern Techniken zeigen, die sie dann selbst ausführen. Andere geben uns Entwürfe als Zeichnungen und Photoshopdateien. Die setzen wir dann um“, erklärt Di Leo.

 

Die Kunstglaser arbeiten mit echtem Antikglas. Das meiste stammt aus der Glashütte Lamberts in Waldsassen, die als einzige in Deutschland noch Antik-
glas herstellen kann. „Wir haben immer rund 4.000 Farben zur Auswahl und beim Sintern kann mit Farbpulver noch mehr experimentiert werden.“ (Anm. d. Red.: Beim „Sintern“ werden Pigmente im Ofen zu einer harten Glasschicht verschmolzen, so kann mit Experimenten so ziemlich jede Farbe erzielt werden.)

 

Rund sechzig Mitarbeiter arbeiten hier an den langen Tischen, in Sandstrahlkammern und an Ätzbädern. Es riecht nach Terpentin, Lösungsmittel und Flusssäure. Natürlich entwickelt ein solcher Betrieb beständig neue Verfahren, die sein Geheimnis bleiben sollen. Dabei ist schon der Einblick in die traditionellen Arbeitsschritte beeindruckend: Die grobe Entstehung eines Buntglasfensters, wie man es aus Kirchen kennt. Malen nach Zahlen sozusagen. Die Vorlagen werden auf riesigen Plottern ausgegeben, wie Schnittmuster in einem Modebetrieb. Davon ausgehend zerschneiden die Mitarbeiter die Buntglasplatten mit einem Glasschneider mit Stahlrädchen oder Diamant. Die entsprechenden Glasstücke werden auf einem nächsten Tisch zu einem zusammenhängende Bild gelegt. Dann kommt das Verbinden. Kitt, Blei, Kleber – alle Techniken können zum Einsatz kommen, je nach Gusto des Künstlers. Da wird gemalt, da wird geätzt, da wird gesandstrahlt, da wird sogar heiß verformt! Der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt.

 

Weltweite Werke
So unscheinbar die Firmenzentrale aussieht, so beeindruckend sind die Werke, die hier verwirklicht und in aller Welt installiert wurden. Für Furore sorgte die illuminierte 700-m²-Glasdecke der U-Bahn-Station „Formosa Boulevard“ in Kaohsiung/Taiwan (Bild). Sie wurde entworfen vom italo-amerikanischen Künstler Narcissus Quagliata und unter anderem unter der Leitung der jüngsten Derix-Tochter Henriette vor Ort zusammengebaut. Der in Kentucky lebende Künstler Guy Kemper entwarf die Eingangswand am Hauptbahnhof von Seattle und die Glasfenster am Ground Zero in der St. Joseph’s Chapel/Manhattan, die die Wehener umsetzten. Die Buntglasfenster der Gedenkkapelle am Ground Zero kommen also aus Taunusstein. In Deutschland und erst recht in Wehen oder Wiesbaden, nahm kaum einer von diesem bedeutenden Auftrag Kenntnis.

 

Doch auch hier können einige der Kunstwerke bestaunt werden:  Die Darstellung  einer Bugwelle am Haus des Handwerks bei der Panama-Bar in Mainz stammt auch von Derix und wird gerade restauriert. Im Mainzer Dom lassen sich Fenster bestaunen, die Juwi-Zentrale in Wörrstadt zieren Derix-Gläser, und auch die Unterführung am Wiesbadener Hauptbahnhof wurde in Taunusstein konzipiert. Deren schimmerndes Licht wird durch rotierende LEDs im Inneren erzeugt. So ist moderne Glaskunst sehr oft verbunden mit Lichtdesign und Projektionskunst. „Deswegen sind auch Mitarbeiter von uns auf der Luminale unterwegs, um sich Inspirationen für zukünftige Projekte zu holen“, erzählt Ursula Rothfuss. „Wir sind zwar keine Lichtkünstler, aber irgendwie fast so etwas. Lichtkünstler arbeiten direkt mit der Projektionsquelle, wir mit der Projektionsfläche“ Und deshalb arbeitet man auch mit Lichtdesignern zusammen.

 

„Im Übrigen werden wir weiterhin ausbilden. Und damit meine ich nicht nur unsere Glasveredler…“, Rothfuss schmunzelt. „Wir arbeiten heute mit knapp 400 Künstlern weltweit zusammen, doch die, die aus Deutschland stammen, machen nur einen Bruchteil davon aus.“ Künstler können mit dem Material oft nicht arbeiten, denn Glas als Werkstoff ist komplex, und es gibt kaum Kunstakademien, die den richtigen Umgang mit diesem Medium lehren. Lediglich die Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart bietet einen Glaskunstlehrgang an. Also bildet Derix auch die Künstler im Umgang mit dem sensiblen und zugleich harten Material aus. Derzeit sind neun Azubis im Fach Glasveredlung im Betrieb beschäftigt, verteilt auf drei Jahrgänge. Und solange Kunst am Bau gefragt ist, ist auch die Arbeit von Derix gefragt. Den ollen Wilhelm hätte es gefreut.

 

 

 

 

 

Autor: 
Michael Bernartz
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Foto: Dornhöfer Photography
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