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Huhn oder Ei? TV ist top.
Seit Jahrzehnten wird auf das Fernsehprogramm eingeprügelt. Zeit für eine positive Stimme.
Mit einem Fingergriff lassen sich Stimmen und Geräusche in den Raum werfen, die Stille wird einfach vertrieben. Menschen erscheinen auf der Bildfläche, plötzlich ist man nicht mehr allein. Hat man genug der Gesellschaft, schaltet man ihn einfach ab.
Man wacht Sonntagmorgens auf, zu zweit, einer kocht Kaffee, der andere geht ins Bad, dann legt man sich wieder gemeinsam ins Bett, macht den Fernseher an, „Die Sendung mit der Maus“, fühlt sich verliebt und total einzigartig, weil man zusammen eine Kindersendung sieht. Freitagabend, Freunde kommen vorbei, man kocht etwas, schaut das Dschungelcamp und trinkt mit jeder verputzten Kakerlake einen Schnaps.
Klar, Schimpfen macht Spaß. Die Eier sind vergiftet, die Steuern zu hoch, Politiker unfähig, die Bahn kommt zu spät. Der Chef ist ein Arsch, die Steuern sind zu niedrig, Magdalena Neuner schießt daneben und im Fernsehen läuft halt nur noch Schund. Auf den Bestsellerlisten steht nur Trivialliteratur und, übrigens, die BILD hat immer noch täglich eine Millionenauflage. Wer ist schuld? Angebot oder Nachfrage?
Klaus Kinski ist halt tot
Private Fernsehsender können es sich gar nicht leisten, ein Programm zu senden, das keiner sehen will. Keinen einzigen Werbeplatz würden die verkaufen. Wenn man also schimpft, ob über das Fernsehprogramm oder über den letzten Vampir-Trend in den Büchereien, schimpft man in erster Linie meist über sich selbst. Weil man irgendwie besonders sein will, über dem Schund im Fernsehen stehen, in einer Nische hocken, kulturell sein und bohème, einfach anders – und dann doch in der Masse verschwindet. Anderssein will jeder, letzten Endes ist es kaum jemand. Das heißt selbstverständlich nicht, dass man das mediale Massenprogramm gut finden muss. Natürlich läuft viel Scheiße, das bezweifelt niemand. Glücklicherweise lässt sich die aber abschalten. Wer das verstanden hat, der ist auf dem besten Wege, sich von der Masse abzusetzen.
Unbestritten, die Öffentlich-Rechtlichen sind sicher zu glatt und weichgespült, das lässt sich gut an den vielen völlig sinnlosen Polit-Talkshows erkennen, deren Format prädestiniert wäre für direkte und sachbezogene Meinungsaustausche. Stattdessen lullen uns an jedem Abend in der Woche die gleichen Nasen in den Schlaf. Für das Weichspülerprogramm sind aber eben nicht allein die Sender verantwortlich, sondern natürlich auch das Publikum. Für den Bildungsbürger muss alles schön unskandalös sein und ökologisch und natürlich rauchfrei; könnte man sich heute noch einen randalierenden Klaus Kinski vor laufender Kamera vorstellen? Nein, der Randalier von heute heißt Dieter Bohlen, lebt von seinem arschigen Image und befriedigt unseren Bedarf an Menschen, die das Leben noch schlechter meistern als wir selbst. Aber: Das ist in Ordnung! Dazu ist der Fernseher doch da. Wir sollten froh sein, dass Bohlen die Bauernfänger-Nische abdeckt, da gäbe es noch viel übleres Potenzial.
Der Fernseher ist kein Erziehungsberechtigter
Informationen und Bildung erhält man ja auch zur Genüge, man muss nur wissen, wo man schauen muss. Denn die guten Sachen kommen nicht alle nur zu miesen Sendezeiten. Es hat auch seinen Grund, dass sich Bezahlfernsehen in Deutschland noch nie durchgesetzt hat. Auch Sky kommt aus den roten Zahlen nicht heraus. Dazu ist das Programm einfach zu gut und vielfältig. In welchem großen, europäischen Fußballland gibt es denn ein so großes, umfangreiches Fußball-Angebot im Free-TV?
Mag sein, dass sich der Fokus von ARD und ZDF in den letzten Jahren übermäßig Richtung Unterhaltung verschoben hat, da hat man sich zu sehr auf den Konkurrenzkampf mit den Privaten versteift. Kritische Formate wie „Panorama“ sind ausbaufähig, selbst wenn die Quote nicht immer stimmt, dafür sind die Rundfunkgebühren ja da. Das Angebot reicht aber aus, die Möglichkeit, sich zu informieren besteht. Wenn man denn will, gezwungen wird zum Glück niemand. Der Fernseher ist kein Allheilmittel, er soll uns nicht aufklären, nicht erziehen, darum geht es ihm gar nicht, das muss man selbst schaffen. Dazu kann man den Fernseher gebrauchen, muss es aber nicht. Manchmal reicht es auch schon, dass er einfach angeschaltet ist. Zur Beruhigung, zur Ablenkung. Stellt man keine unerreichbaren Ansprüche, kann er ein guter Kumpel werden.
Evolutionär betrachtet war übrigens das Ei zuerst da. Mit dem Fernsehen hat das aber irgendwie nichts zu tun.















