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Ich steh auf (Vorge)Lesungen

Leserratten und -rättinnen, ihr habt was verpasst, wenn ihr nicht auf dem Mainzer Literaturfestival, das vom 11. bis zum 13. Mai im Baron stattfand, wart. Schon zum vierten Mal ließen sich vom Veranstalter des Gonzo-Verlags Autoren, Poeten und Musiker finden, die der deutschen Sprache so mächtig sind, dass eine Hand voll Menschen mit einem Strahlen in den Augen ein paar Stündchen auf dem Stuhl sitzen, um sich von wohl ausgesuchten Worten berieseln zu lassen. Am Sonntag war ich unter ihnen.

 

Den Startschuss des letzten Tages des Festivals ließ Klaus Bittermann erklingen, der seine in der Berliner TAZ erschienenen Kurzgeschichten des Buchs „Möbel zu Hause, aber kein Geld für Alkohol“ zum besten gab. Dem Titel nach zu urteilen, würde man jetzt einen Autoren erwarten, der ein wenig abgeratzt aussieht und jung ist. Alles Vorurteile! Bittermann ist sechzig Jahre alt, wohnhaft in Berlin und immerhin im Herzen jung geblieben, auch, wenn er mit stets ernstem Blicke aus seinen Zeilen liest. Da er seit mehreren Jahrzehnten in Berlin-Kreuzberg wohnt, handeln seine Geschichten von dortigen Alltagsbeobachtungen, die er in eine beiläufige, aber direkte Sprache verpackt ganz nüchtern mit den Anwesenden im abgedunkelten Raum teilt. Da können schon einmal Wörter wie „verfickte Arschlöcher“, „Votze“ oder „Scheiße“ in den Erzählungen fallen, das, was man halt auf den Straßen Deutschlands oder in seinem Fall Berlins, gerade aufschnappt. So erzählt er von seinen Beobachtungen am ersten Mai in Berlin oder von seinen Erlebnissen im Wartezimmer einer Arztpraxis, in dem ein Berliner Pärchen sitzt, dessen männlicher Teil vom Arzt erfahren hat, dass er eine Woche lang keinen Sex mehr haben darf. „Wie, keen Sex mehr?“, fragt seine Frau und schaut sich im Wartezimmer fassungslos um. Ja, man kann sich lebhaft vorstellen, wie man in diesem Wartezimmer sitzt und in eine Situation hineingeraten ist, der man lieber fern geblieben wäre.

 

Der Zweite, der das Wort zum Sonntag zu sprechen gewillt war, nennt sich Kersten Flentner. 1966 geboren, freier Autor, seit 1995 Veranstalter von Poetry Slams und mit über 600 Bühnenauftritten im Leben ausgestattet. Genau, Lyriker ist er auch noch. Und auch, wenn man noch immer denkt, dass man zur Lyrik keinen Draht findet, bei seiner wird es passieren. Seine Gedichte wurden bereits in sieben Sprachen übersetzt, da sind sich die Leute wohl einig. Er beginnt mit einer Erzählung über ein Mutter-Sohn-Szenario. Der Sohn findet durch irgendeine dämliche Fernsehshow seine Mutter, von der er nicht einmal wusste, dass sie noch lebt und begegnet einem völlig unreifen, Drogen konsumierenden Etwas, das ihn stets „Bubi“ nennt. Flentner versteht es mit einem zwinkernden Auge zu schreiben und mit seiner Stimme die besten Passagen so hervorzuheben, dass der ganze Raum lacht. Später trägt er zu elektronischer Musik sein Gedicht „Das andere Lesen“ vor. Man merkt ihm die Bühnenerfahrung an. Er steht da oben wie ein Slammer, wortgewaltig, die Aufmerksamkeit auf sich ziehend, fesselnd. Seine Inspiration nimmt er sich unter anderem von Tom Waits, der es schafft, eine groteske Poesie in seinen Texten zum Ausdruck zu bringen. Durch ihn hat Flentner die Schönheit im Hässlichen gefunden und gelernt, dass man das Negative mit Ironie brechen kann. Für ihn ist das Bedienen einer guten Sprache ein Aussortieren von Wörtern. So ist er zu dem Schreiber geworden, der er heute ist. Nachzulesen in seinem Werk mit dem schlichten Titel „Lyrik und Erzählungen“.

Autor: 
Lisa Maucher
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Klaus Bittermann
Kersten Flentner
Jan Egge Sedelies
noch einmal Jan Egge Sedelies
Ralf König

Kommentare

Boah ist das schlecht geschrieben! Schade für eine solch wunderbare Veranstaltung...