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Immer dieses Orange!

Mainz‘ moderne Architektur wirkt austauschbar, Darmstadts nicht. Woher die Unterschiede kommen, und was man besser machen könnte.

 

Als das Mainzer Studierendenwerk letzten Monat den Bau eines neuen Studentenwohnheims genau zwischen Stadt und Campus bekannt gab, war die Freude zunächst groß, viele in der Stadt lechzen schließlich nach halbwegs bezahlbarem Wohnraum. Doch von diesen pragmatischen Freuden mal abgesehen, liefert die neue „Alte Musik“ vor allem eines – Diskussionsstoff. Der Entwurf wirkt uninspiriert und an solch exponierter Lage völlig unangemessen. Es stellt sich die Frage nach der Baukultur in Mainz. Und ob es nicht auch besser geht.

 

Käsereibe oder Taubenverschlag?

 

Fährt man von Süden her auf der Binger Straße gen Mainzer Innenstadt, hat man – zumindest aus architektonischer Sicht – nicht viel zu lachen. Die paar Kilometer zwischen Europakreisel und Hauptbahnhof gleichen einem Spießrutenlauf für den guten Geschmack. Am drögegrauen Neubau der FH vorbei sitzt einem rechterhand schon bald die Fassade des wahlweise an Taubenverschlag oder Käsereibe erinnernden UB-Turmes im Nacken. Im Tal angekommen erschreckt so manchen der „postmoderne“ Bau des Arbeitsamtes in den 90er-Modefarben Beige und Weinrot.

 

Und jetzt das. Die „Alte Musik“ – kein Schmuckstück, aber ein solider Altbau – soll einem weißen Kasten weichen, dessen Fassade mit bunten Farbtupfern und Abwechslung simulierenden Fensterverbindungen wie die späte Liebe des Hilton-Hotels am Rhein wirkt.

 

Mal von seiner Altstadt und einigen netten Ecken abgesehen müffelt die architektonische Struktur von Mainz stark nach den Sechzigern. Der „Nachkriegscharme“ weht wie ein fader Geruch durch die Straßen der Stadt. Man hat Fehler gemacht, doch befand man sich nach Kriegsende auch in einer Notsituation. Schon klar. Doch von einer „Not“ kann man heute nicht mehr sprechen. Was in Mainz neu entsteht, wirkt trotzdem oft immer so, als hätte man es hektisch, schnell und billig zusammengeschustert.

 

Positivbeispiele? Gibt es auch. Es drängt sich die neue Mainzer Synagoge auf, für deren mutige, dekonstruktivistische Gestalt Architekt Manuel Herz jüngst den Deutschen Fassadenpreis gewann. Das „Licht der Diaspora“ ist auch ein Licht für alle Architekturfreunde der Stadt. Doch wie ein Leuchtturm leuchtet es allein. Ein weiteres Positivbeispiel wurde 2009 zwar für den BDA Architektur-Preis Rheinland- Pfalz nominiert. Aber kaum jemand kennt das Gebäude, handelt es sich doch „nur“ um einen kleinen schwarzen Kasten auf der Ingelheimer Aue. Das Hochwasserpumpwerk der Schoyerer Architekten ist symptomatisch für Mainz. Beim Vorbeigehen regt es den Gedanken an, dass in der Stadt viel Potential steckt – doch einen Straßenzug weiter, im Häusergetümmel der Sechziger, hat man den Kasten schon wieder vergessen. Das bisschen mutige Architektur wird, ähnlich wie die paar verbliebenen Altbauten der Mainzer Neustadt, nur am Rande wahrgenommen, wird überlagert vom Mittelmaß.

 

Und immer dieses Orange! Egal ob hinter kitschigen Säulen an der Kupferbergterrasse, mitten in der Neustadt oder im Gonsenheimer Neubaugebiet. Die Farbe, welche übrigens auch in keiner Dönerbude fehlen darf, ist – zumindest in Mainz – schwer en vogue. Moderne Architektur heißt hier: viereckiger Kasten (das ist dann Bauhaus), knallige Farben (soll ja nicht so „langweilig“ sein) und ein bisschen Asymmetrie, damit die Vergleiche zum renovierten Plattenbau erst gar nicht aufkommen. Befindet man sich nicht im Farbenwahn, vermerkt man solcherlei „Gestaltungsdetails“ natürlich schnell als Augenwischerei . Nach dem Kaschieren einer billigen und schnellen Lösung. Man muss sich die Frage stellen, welchen Wert solche Bauten in dreißig Jahren haben werden. Und ob man sich nicht etwas mehr Mühe geben sollte.

 

Auch Darmstadt tritt das Erbe der Sechziger an, doch irgendwas läuft hier anders. Hier fügen sich die Neubauten nicht nur blass dem Mittelmaß, hier sehen viereckige Kästen wirklich nach Bauhaus aus. Woran liegt das? Warum wirkt Mainzer Architektur so austauschbar und die Darmstadts so charakterstark?

 

Autor: 
Fabian Scheuermann
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Galerie: 
Studierendenwohnheim in der Wallstraße, Mainz (Foto: Daniel Dornhöfer)
Haus der Wirtschaft Südhessen, Darmstadt (Foto: Fabian Scheuermann)
AWO-Altenwohnheim, Mainz-Gonsenheim (Foto: Daniel Dornhöfer)
Am Alice-Hospital, Darmstadt (Foto: Fabian Scheuermann)
Gonsbachterrassen, Mainz (Foto: Daniel Dornhöfer)
Hedwig-Burheim-Haus, Darmstadt (Foto: Fabian Scheuermann)
Lückenschluss in der Neustadt, Mainz (Foto: Daniel Dornhöfer)
Lückenschluss im Martinsviertel, Darmstadt (Foto: Fabian Scheuermann)
In der Agnes-Karll-Straße, Mainz-Gonsenheim (Foto: Daniel Dornhöfer)
Staatstheater mit Georg-Büchner-Platz, Darmstadt (Foto: Fabian Scheuermann)