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Insel des Friedens

Zuckmayer ist ein bekannter Name. Was viele nicht wissen: Der berühmte Autor hatte einen einflussreichen Bruder. Auf der Spurensuche des türkischen Musikpädagogen Eduard Zuckmayer.

 

Zuckmayers Berufswunsch? Irgendwas mit Menschen. Viel wichtiger aber: Irgendwas mit Musik! Zusammen ergibt das den wohl prägendsten Musikpädagogen der türkischen Geschichte. Richtig, Carl Zuckmayer war gar kein Musikpädagoge, er war Autor. An dieser Stelle seien ihm auch gar keine verborgenen Talente unterstellt. Es geht an dieser Stelle auch nicht um ihn, sondern um seinen sechs Jahre älteren Bruder Eduard. Der ist bis über seinen Tod hinaus nicht weniger bekannt als sein Bruder. Nur eben nicht in Deutschland, sondern in der Türkei. Nachdem er gemeinsam mit seiner Frau Gisela Jokisch 1935 ins türkische Exil floh, arbeitete er in Ankara als Professor, Musiklehrer, Dirigent, Pianist, Chorleiter, Übersetzer und Komponist. Doch eins nach dem anderen.
Die Musiki Muallim Mektebi, eine Musiklehrerschule in Ankara, brauchte dringend neue Lehrer. Der damals 45-Jährige, der Wissen aus Deutschland mitbrachte, schien dafür perfekt geeignet. Edzard Reuter, ehemaliger Berlin Bürgermeister sowie Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG, kannte den talentierten Musiker aus dem türkischen Exil und wusste um die damaligen Begebenheiten Bescheid: „Man blickte damals nach Westen. Das Staatswesen wurde reformiert. In den 1930ern erreichte dieses Vorhaben das Bildungswesen.“ Als Paul Hindemith 1935 das Konservatorium in Ankara aufbaute, beschaffte er vielen Musikern aus Deutschland einen Job. Darunter Eduard Zuckmayer.

 

Harmonisierte türkische Nationalhymne
Ein Glücksgriff, wie die türkische Musikpädagogik schnell feststellte. Bald schon – es ist 1938, Hindemith flieht zu dieser Zeit mit seiner Frau ins Schweizer Exil – wechselte Zuckmayer von der Musiklehrerschule aufs Devlet Konservatuar, das staatliche Konservatorium. Er leitete das Gazi-Egitim-Enstitüsü, das musikpädagogische Institut des Konservatoriums, bis 1970. In dieser Zeit bildete er etwa 600 Lehrer aus. Professor Asena Gäsen, die heute am Konservatorium unterrichtet, erinnert sich an Eduard Zuckmayer: „Er hat die westliche Musik in die Türkei gebracht.“ Sie ist begeistert von ihm, spricht davon, dass ihn jeder hier kenne. Dabei werden die meisten mit Begeisterung reagieren: Beeindruckend findet das auch Barbara Trottnow, die einen ganzen Film über den in Deutschland vergessenen Zuckmayer drehte: „Für viele Studenten ist er heute noch ein Vorbild“, weiß sie. Was sie bei ihren Recherchen außerdem erfuhr und nicht weniger beeindruckend fand, war der Umgang Zuckmayers mit seinem Umfeld: „Er hat sich sehr auf die türkische Kultur eingelassen. Er sprach so gut Türkisch, dass er seine Vorlesungen auf dieser Sprache halten konnte.“ Ebendiese Sprachkompetenz befähigte ihn auch dazu Mittler zwischen zwei Musikrichtungen zu werden. Er vereinte nicht nur klangliche Facetten „westlicher“ und „türkischer“ Musik oder harmonisierte die türkische Nationalhymne für Klavier. Er übersetzte zudem die türkische Nationalhymne ins Deutsche sowie deutsche Volkslieder ins Türkische.

 

Eduard und Carl
Was ist mit seiner Familie? Wie war die Beziehung der beiden Brüder? Liest man die Briefe der beiden bekommt man den Eindruck als sei das Verhältnis sehr eng gewesen, der ältere Bruder jedoch häufig in Sorge. 1941 schrieb Eduard an den Bruder im US-amerikanischen Exil Folgendes: „Die Türkei ist eine Insel des Friedens. Den Krieg spürt man hier ‚nur‘ durch deren Verknappung der Lebensmittel.“ Man kann wohl sagen, dass Eduard Zuckmayer durch sein Engagement wertschätzte, was er zu Zeiten des Holocaust hatte. Er vermittelte sein Wissen so, dass es nachhaltig verinnerlicht wird. Auch das Institut in Izmir sieht sich heute in der Tradtition Eduard Zuckmayers. Ob er den Wunsch hatte nach Mainz, wo er einst lebte, zurückzukehren? Keinesfalls. In einem Brief erwähnt er, dass er „kein Gnadenbrot des Mainzer Konservatoriums“ wünschte. Und das obwohl sowohl Frau als auch Tochter Michele Schenkirz 1950 nach Deutschland zurückkehrten. Er fühlte sich in der Türkei wohl, sagte es sei seine zweite Heimat.

 

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Der Dokumentarfilm von Barbara Trottnow "Eduard Zuckmayer - Ein Musiker in der Türkei" wird am 4. Dezember im CinéMayence gezeigt. Unter www.bt-medienproduktion.de gibt's den Film als DVD für 28 Euro.

Autor: 
Nicole Opitz
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